Tantra

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Wendezeit 2/03

Mut zu Verletzlichkeit

Ein Tor zu Lust und Liebe

von Saleem Matthias Riek

Verletzlichkeit - das klingt nach Verletzung und löst oft erstmal unangenehme Assoziationen aus. Dass aber die Bereitschaft sich verletzlich zu machen eine Voraussetzung für ein lustvolles und erfüllendes Liebesleben ist, das wird gerne verdrängt.
Die Anziehungskraft von Tantra hängt stark mit der Hoffnung zusammen, mehr Lust und Liebe erleben zu können. Diese Hoffnung kommt nicht von ungefähr, sondern beruht auf der Erfahrung vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Tantraseminaren, die durch Tantra einen tieferen Zugang zu ihrem Lustempfinden und zu ihrer Liebesfähigkeit gefunden haben. Viele «vergessen» jedoch nach einer gewissen Zeit, was ihnen diesen tieferen Zugang überhaupt ermöglicht hat. Manch einer verklärt die Erfahrung im Nachhinein als ein Bad im sinnlichen Schlaraffenland oder in liebevollen, beglückenden Begegnungen. Und kehrt dann nach einer genügenden Dosis Alltag mit einer gewissen Resignation zu der gewohnten Überzeugung zurück, dass sich nämlich soviel Lust und Liebe im Alltag eben leider nicht leben lässt...
Was regelmäßig unterschätzt wird ist die Bedeutung der Verletzlichkeit, die im Workshop das Tor zu Lust und Liebe geöffnet hat. Im ungeschützten Umfeld des Alltags gerät sie oft in Vergessenheit, die Bereitschaft sich verletzlich zu machen nimmt unmerklich oder auch ganz bewusst ab.
Wenn wir uns öffnen gehen wir ein Risiko ein. Wir können keine tiefe Liebe erfahren, wenn wir nicht bereit sind, das ganze Spektrum unserer Gefühle zu erleben. Wir begrenzen unsere Lust auf eine Sparflamme, wenn wir ihr nicht erlauben, sich im ganzen Körper auszubreiten. Dadurch riskieren wir aber auch, dass alte Wunden und schmerzhafte Gefühle wieder spürbar werden.
Lust und Liebe gehören zu unserer essentiellen Natur. Wir müssen sie nicht erst erschaffen. Was uns davon abhält sie zu spüren ist der Schutz, den wir gegenüber dem Schmerz alter Verletzungen aufgebaut haben.
Ein typisches Beispiel aus einem Workshop, das wohl für viele Männer zutrifft: Joa­chim berichtet, dass er fast nach jedem intensiven Kontakt mit einer Frau, vor allem nach erfüllendem Sex, erstmal ein starkes Bedürfnis verspürt, sich wieder zu distanzieren. Damit einher gehen dunkle Gedanken, was er alles an dieser Frau nicht leiden kann. Er weiß selbst, dass diese Gedanken nicht «die Wahrheit» sind, sondern eher Signale seines geradezu zwanghaften Distanzierungsbedürfnisses. Er versucht «ehrlich» mit der Frau zu sein und sein Distanzbedürfnis offen zu zeigen, aber es führt meistens in ein Desaster, aus dem beide erneut verletzt hervorgehen.
Sein Verhalten wird verständlich durch die Beziehung zu seiner Mutter, für die er als Kind ein emotionaler Partnerersatz war und auf diese Weise missbraucht wurde. Aus dieser alten Wunde heraus fühlt er sich bald zur Liebe verpflichtet, wenn er einer Frau nahe kommt, er fühlt sich schuldig für seine Distanzbedürfnisse und schützt sich vor diesem alten Schmerz, indem er alle möglichen Details findet, die ihm an der Frau nicht passen.
Die Spuren solcher tiefen Ver­letzungen verschwinden selten ganz. Er wird einer Frau erst dauerhaft nah sein können, wenn er die alte Wut und den Schmerz über den Missbrauch wirklich spürt und annimmt und sich damit auch im Kontakt mit der Frau spüren und zeigen kann. Er muss sich dann nicht mehr unbedingt schützen.
Unsere Persönlichkeit hat im Laufe der Jahre verschiedene Schichten um unseren Wesenskern herum aufgebaut. Der Wesenskern ist unser unmittelbares Sein. Hier sind wir mit allem verbunden und nicht wirklich verletzbar. Als Menschen können wir jedoch nicht nur in diesem Kern leben. Wir haben uns in die dreidimensio­nale Welt inkarniert, wir haben einen verwundbaren Körper und eine kränkbare Psyche. Wir sind voneinander abhängig und brauchen einander. Dies ist die Ebene unserer Verletzlichkeit, die ein Aspekt unserer Berührbarkeit ist. Speziell als Kinder haben wir viel liebevolle Aufmerksamkeit und Fürsorge gebraucht und haben sie nur bedingt bekommen. Zur Heilung von emotionalen Verletzungen und Mangelerfahrungen dienen uns natürlicherweise unsere Gefühle, die uns wieder in eine Balance mit unserer Umgebung zurückführen können. Angst gibt uns die Präsenz, die wir brauchen, um auf Bedrohung zu antworten. Wut und Zorn sind dazu da, Respektlosigkeit, Missachtung unserer Autonomie und die unfreiwillige Überschreitung unserer Gren­zen auszugleichen. Trauer hilft uns loszulassen, was wir verloren haben oder nicht bekommen können. Alle Gefühle sind wichtig, um unseren Frieden mit den Menschen in unserer nächsten Umgebung immer wieder herzustellen.
Leider hat unsere Kultur dafür wenig Verständnis. Die Fä­higkeit, durch den Ausdruck unserer Gefühle immer wieder unsere Integrität zu finden und zu heilen, wurde uns als Kindern mehr oder weniger abgewöhnt. Da Verletzungen nicht mehr heilen konnten haben wir lernen müssen uns zu schützen. Wir haben uns ein ganzes System von Verhaltensweisen zugelegt, um alte Verletzungen nicht mehr zu spüren und zukünftige zu vermeiden. Diese Ebene nenne ich die Strategieebene. Auf dieser Ebene drücken wir unsere Gefühle nicht unmittelbar aus, sondern wir setzen sie ein, um uns zu schützen. Dieser Schutz wird auf die Dauer automatisiert und er kann auch aggressiv sein, so dass seine Schutzfunktion nicht mehr deutlich ist. Wir werden wütend, um Andere einzuschüchtern, zeigen Trauer, um Anderen Schuldgefühle zu machen, oder halten unsere Gefühle zurück, um Andere über unser Innenleben im Unklaren zu lassen. Solcherart funktionalisierte Gefühle sind nicht mehr heilsam, sie führen nur in immer tiefere Verstrickungen. Diese Ebene ist sehr komplex und es ist ein längerer Prozess, strategiebesetzte Gefühle von einem freien Gefühlsausdruck unterscheiden zu lernen.
Mit der Strategieschicht sind wir nach außen mehr oder weniger gut geschützt. Die Strategieschicht sorgt dafür, dass niemand von außen in unsere verletzliche Zone vordringen kann. In jedem von uns schlummert jedoch auch eine Sehnsucht, sich wieder hemmungslos öffnen zu können und zu heilen. Unsere Sehnsucht lässt uns unvorsichtig werden, die Strategie bekommt undichte Stellen, und - anders als bei einer bewussten Öffnung – provoziert eine löchrige Strategie neue Verletzungen, da sie permanent Doppelbotschaften aussendet. Um die Sehnsucht in Schach zu halten legen wir uns die Schicht der Glaubenssätze und Gedankenmus­ter zu. Sie warnt uns davor, unsere strategischen Abwehr­maßnahmen zu lockern. Wir fangen an einem Menschen zu vertrauen und bevor dieses Vertrauen bestätigt werden kann meldet sich der Glaubenssatz: «Pass bloß auf, das kann nachher alles gegen dich verwandt werden.» Und wir machen wieder zu.
Hier ein Beispiel, in dem sich wahrscheinlich viele Frauen wiederfinden können: Rea hatte einen Vater, der emotional nie ganz erreichbar war. Sie lernte durch Koketterie seine Aufmerksamkeit zu bekommen, und dafür musste sie sich oft verstellen. So entstand in ihr die Überzeugung, dass Männer sich für ihre wirklichen Gefühle nicht interessieren. Sie muss etwas bieten, und das hat meistens mit Erotik und Sex zu tun. Sie hat kein Vertrauen, dass ein Mann da bleibt, wenn sie sich wirklich zeigt wie sie ist. Schon mehrfach hat sie mit ihrem Misstrauen Männer in die Flucht geschlagen, die - wie sie vom Verstand her selbst sehen kann - durchaus nicht nur auf ihren Sex aus waren, aber die es nicht aushielten, dass jedes Bedürfnis nach etwas Abstand sofort in ein Drama mündete. Ihr Glaubenssatz «Wenn ich mich zeige wie ich bin werde ich verlassen» wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ein wichtiger Teil ihres Heilungsprozesses wird es sein, sich dem inneren kleinen Mädchen mit all ihren Facetten zuzuwenden, sich mit ihren Gefühlen anzufreunden und für sie da zu sein, so dass sie sich einem Mann von einer erwachsenen Ebene aus mit ihren zuweilen kindlichen Gefühlen wie ihrer Angst vor Verlassensein zeigen kann, ohne dem Mann die Verantwortung für das kleine Mädchen zuzuschieben.
Es ist übrigens gar nicht unwahrscheinlich, dass Rea und Joachim sich eines Tages ineinander verlieben. Ihre Verlassensangst und seine Angst vor Vereinnahmung passen gut zusammen, und sie wären nicht das erste Paar, das sich nach der Verliebtheitsphase in einer solchen Polarisierung wiederfindet. Dann wartet auf sie die gleiche Aufgabe wie auf uns alle: aus all den Verstrickungen wieder zu unserer Verletzlichkeit und zu unserem Wesen zurückzufinden.
Mit der beschriebenen Doppelstrategie – unsere Abwehr­muster gegen zuviel Nähe von außen und unsere Glaubenssätze gegen unsere innere Risikobereitschaft - sind wir vor neuen Verletzungen vermeintlich gut geschützt –und gleichzeitig gefangen. Jede neue Öffnung geht einher mit existentieller Angst. Doch unsere tiefste Sehnsucht gibt nie ganz auf. Zum Glück. Wenn wir nicht verstehen, dass mit einer Öffnung alte Schmerzen wieder fühlbar werden können und zudem die noch unbewussten Teile unserer Strategien neue Verletzungen geradezu programmieren, dann treiben wir uns immer weiter in eine tiefe Mutlosigkeit – oder wir begnügen uns mit Ersatzbefriedigungen oder romantischen Träumereien à la Hollywood – oder ihren inzwischen zahlreichen esoterischen Pendants.
Saleem Mat­thias Riek ist Tantralehrer im Rahmen des The Art of Being Instituts, das von Alan Lowen gegründet wurde, und Heilpraktiker für Körperpsychotherapie. Er leitet seit vielen Jahren Seminare und Trainings zu Liebe, Intimität und Tantra in Deutschland, der Schweiz und in Italien. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Heilung der Verbindung von Sex und Herz, von Liebe und Beziehung und das Sein Lassen, der Raum für wahrhaftiges, spontanes Geschehen. Seit drei Jahren bildet er auch selbst Gruppenleiter aus. Er ist Autor des Buches «Herzenslust - Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins». Weitere Infos im Internet unter www.art-of-being.de
Fortsetzung folgt ?

 

Wendezeit 5/02

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Das Mysterium des Wollens und Annehmens

von Saleem Matthias Riek

Das Tantraeinführungsseminar hat begonnen. 30 Frauen und Männer sitzen im Kreis und stellen sich und ihr Anliegen vor. «Ich will hier meinen Traummann kennenlernen!» ruft eine Frau mutig in den Raum. Schweigen. Dann ein befreiendes Lachen. Vielen wird in diesem Moment bewusst, wie diplomatisch sie ihr Anliegen in der Vorstellungsrunde formuliert haben.
Unser Verhältnis zum Wollen und Wünschen ist gebrochen. Unsere intimen Wünsche einzugestehen macht uns verletzlich. Aber ob wir nun dazu stehen oder nicht. Wir alle haben Wünsche! Ich bin mir ziemlich sicher: wenn Menschen in unsere Kurse kommen dann wollen sie etwas. Manche wissen ganz genau, was sie wollen, andere wollen sich eher überraschen lassen. Und wiederum andere wollen das Wollen loslassen...
Die meisten Menschen kennen die Erfahrung, dass es quälend sein kann, etwas unbedingt zu wollen und es entweder nicht zu bekommen oder dass es ungewiss bleibt, ob dieser Wunsch jemals in Erfüllung geht. Vielleicht kommt daher die Redewendung vom «wunschlos glücklich sein», weil uns das Wünschen immer wieder mit der Möglichkeit kon­frontiert, das Gewünschte vielleicht nicht zu bekommen.
Die meisten Menschen kennen wunschlos glücklich sein allerdings nur aus den kurzen Momenten im Leben, wenn ein sehnlicher Wunsch gerade in Erfüllung geht und noch kein neuer aufgetaucht ist: die Zeit steht still, wir sind ganz im Moment, nichts lenkt uns ab, und wir sagen voll und ganz JA zu dem was ist. Wir sind einfach glücklich.
Ein Teil von mir ist unersättlich und möchte lernen, in jedem Moment meines Lebens glücklich zu sein. Ein anderer Teil widerspricht energisch und weist mich darauf hin, dass ich doch lieber auf dem Boden bleiben soll und der Tatsache ins Auge sehen, dass eben nicht jeder Wunsch wahr wird und mein Leben nicht nur aus Situationen besteht, in denen gerade etwas in Erfüllung gegangen ist. Die meisten kennen wahrscheinlich derartige innere Dialoge. Wir wollen unsere Ziele erreichen, wir wollen Lust und Liebe leben, wir wollen eine erfüllende Beziehung führen, wir wollen erfolgreich im Beruf sein, wir wollen glücklich sein. Doch unsere Lebenserfahrung konfrontiert uns immer wieder mit der simplen Weisheit: manche Wünsche werden erfüllt und manche nicht. Daran ändert wohl auch kein positives Denken, keine Affirmation und kein kosmischer Bestellservice etwas: auf den Bestseller «Bestellungen beim Universum» folgt der Bestseller «Reklamationen beim Universum». Wir werden wahrscheinlich nie die endgültige Antwort darauf finden.
Im Kontext von The Art of Being arbeiten wir in der Regel nicht so sehr daran, was wir alles tun können, damit unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Viel eher arbeiten wir mit dem Annehmen von dem was ist. Wenn wir akzeptieren, dass auf der Jagd nach der ständigen Wunscherfüllung nie dauerhaft glücklich sein können, dann sind wir bereit für den nächsten Schritt: wir lernen ganz im Moment zu sein und zu fühlen, was wir gerade fühlen, wir lernen Ja zu sagen zu dem was ist, auch wenn es nicht das ist, was wir vorher wollten. Und wir machen die erstaunliche Erfahrung, dass wir auch in diesem Moment, in dem wir ganz das annehmen was ist, glücklich sind.
Wir lernen, dass die Wunsch­erfüllung gar nicht entscheidend für unser Glück war, sondern der Moment der Präsenz, der sich danach einstellte, weil wir für einen Moment aufhörten, an morgen oder an gestern zu denken. Manche spirituelle Weisheitslehre empfiehlt: nur der Verzicht auf alle unsere persönlichen Wünsche kann uns wirklich und dauerhaft aus dem Hamsterrad des Wollens und Begehrens befreien.
Mir leuchtet dieser Verzicht nicht ein, denn warum sollte ich verzichten, wenn ich mir davon nichts verspreche? Und wenn ich mir etwas davon verspreche, dann will ich ja wieder etwas. Es gibt kein Entrinnen. Dann doch lieber direkt: jetzt gleich will ich etwas Leckeres zu Abend essen. Und dann eine wunderschöne zärtliche und geile Liebesnacht. Und dann... ich will auch weiter wollen dürfen. Das Wollen ist doch das Salz in der Suppe des Lebens.
Gay Hendricks hat mir in seinem Buch «Bewusster Leben und Lieben» einen wertvollen Hinweis gegeben, der die scheinbare Paradoxie von Wollen und Glücklichsein in einen größeren Zusammenhang stellt: auf der ersten Ebene haben wir Ziele, wir streben sie mehr oder weniger direkt an und sie werden zuweilen erreicht, zuweilen auch nicht, in Abhängigkeit von dem was wir dafür getan haben, aber nie ganz unter unserer Kontrolle. Auf der zweiten Ebene lernen wir das anzunehmen, was ist, weil wir erkannt haben, dass wir mit reiner Zielstrebigkeit oft nicht weiter kommen. Vor allem im Bereich der Liebe kommen wir mit Zielstrebigkeit an Grenzen: meine Partnerin ist immer noch nicht so wie ich sie mir wünsche... bis ich lerne sie anzunehmen wie sie ist! Und in diesem Moment der Annahme liebe ich sie und bin glücklich!
Das Annehmen ist leider auch oft nicht von Dauer. Am schwersten tun wir uns, uns selbst mit allem anzunehmen, was wir denken, fühlen und sind. Und solange wir das nicht tun, können wir auch keinen anderen Menschen vollständig annehmen, denn dieser wird uns irgendwann dort unangenehm berühren, wo wir ihn an wunde Punkte in uns heranlassen. Das Annehmen ist also ein permanenter Prozess des Lernens, Wachsens und der Bewusstwerdung. Die Momente des Glücklichseins werden häufiger und länger. Aber oft genug fallen wir ins Unglück zurück, das sich dann im Kontrast noch quälender anfühlen kann. Wir sind im Hader mit dem was ist und können keinen Menschen ausstehen, der uns empfiehlt, diesen Schlamassel auch noch anzunehmen!
Hört denn das nie auf? Gay Hendricks schreibt von einer dritten Ebene, er nennt sie «zur rechten Zeit am rechten Ort sein». Wir kennen wahr­scheinlich alle diesen inneren Zustand, in dem alles passt und uns das Leben durch und durch wohlgesonnen scheint. Jetzt gibt es nichts mehr anzunehmen, wir fühlen uns verbunden mit uns selbst und mit allem was uns umgibt. Es ist eine Gnade, die uns zuteil wird, wenn wir es am wenigsten erwarten. Es ist wie ein Verliebtsein in die Existenz.
Aber es lässt sich nicht festhalten. Es ist nichts als menschlich, dass wir Wünsche haben und Ziele, dass wir mit uns oder mit anderen im Hader sind und immer wieder vor der Aufgabe stehen anzunehmen, mit was wir nicht im Einklang sind. Doch das Bewusstsein, dass es in jedem Augenblick da ist, dass in jedem Augenblick noch etwas anderes am Werk ist als unser bewusstes Tun und Lassen, dass das Leben ein Geheimnis ist, das sich zuweilen ganz überraschend offenbart, ein Abenteuer, das nicht ge­wusst­,­ aber gelebt werden kann, das kann uns helfen, in den Moment hinein zu entspannen. All die Paradoxien lösen sich in diesem Moment auf. Habe ich was ich will? Will ich was ich habe? Habe ich genug? Habe ich genug vom Wollen? Will ich loslassen, was ich habe? Was will ich mehr als Loslassen? Habe ich genug losgelassen? Bekomme ich dann endlich, was ich will? Ich lass das innere Wunschradio plappern. Oder will da jemand noch was?
«Mein Traummann! Er will mich! Möge er sich mir doch endlich offenbaren. Ich weiß dass du hier bist!» ruft die Frau mal wieder mutig in die Runde.
«Die nervt», denkt er bei sich, und wird doch das mul­mige Gefühl nicht los: «was wäre wenn sie mich meint?»
«Jetzt bild dir mal bloß nichts ein, sie schaut nur öfter zu dir, weil sie sich bei dir am sichersten fühlt! Kein gutes Zeichen!», fährt er sich gleich selbst über den Mund, «und außerdem: sie zieht dich zwar schon irgendwie an, aber eigentlich stehst du doch gar nicht auf Frauen die allzu genau wissen was sie wollen!»
«Aber wenn sie doch mich will,» spinnt der andere Gedanke sich weiter, «dann sehnt sie sich doch im Tiefs­ten inneren danach, an­zukommen, loszulassen, wunschlos glücklich zu sein. Mit mir zu verschmelzen. Das wünsche ich mir doch auch!»
Vorsichtig blickt er zu ihr rüber. «Täusche ich mich oder hat sie gerade signalisiert «Okay, Mann, ich gebe dir noch etwas Zeit»???
Diese Zeit gebe ich ihm in diesem Artikel nicht mehr, ihr auch nicht. Dafür Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser. Schreiben Sie die Geschichte weiter, und schreiben Sie sie genau so wie Sie sie wollen. Oder auch nicht. Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag! www.art-of-being.deŸ

 

Wendezeit 4/02

Was Sie schon immer zum Thema Tantra wissen wollten...

von Nutan Gabrielle Riek und Saleem Matthias Riek

Tantra interessiert viele Menschen, besonders auch Menschen, die an ihrem inneren Wachstum interessiert sind. Tantra wird aber auch oft mit Vorurteilen belegt oder löst Ängste aus, was da alles auf einen zukommen kann, wenn man sich zu einem Tantraseminar anmeldet. Da Tantra sich mit Themen beschäftigt, die in unserer Kultur immer noch mit Scham und Peinlichkeit belegt sind, trauen sich viele Interessierte nicht die Fragen zu stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Die Tantralehrer Nutan Gabrielle Riek und Saleem Matthias Riek geben hier Auskunft zu Fragen, die häufig gestellt werden – oder eben nicht gestellt werden:

lBrauche ich einen Partner oder eine Partnerin, um an einem Tantraseminar teilnehmen zu können?

Nein, die meisten Kurse werden zu einem großen Teil von Singles besucht. Der Ablauf ist so aufgebaut, dass Intimität zu anderen Gruppenteilnehmern, je nach den eigenen Wünschen, Voraussetzungen und Grenzen, dosiert werden kann.

lMuss man sich bei TantraGruppen ausziehen?

In unseren Gruppen nicht, wir gehen behutsam vor und ermutigen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre individuellen Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren und nur dann zu überschreiten, wenn sie das wollen. Das gilt insbesondere auch für das Thema Nacktheit und Ausziehen.

lGeht man nicht durch den gruppendynamischen Prozess zwangsläufig über seine Grenzen?

Es gibt keine Zwangsläufigkeit. Viele Frauen und Männer kennen allerdings ihre individuellen Grenzen kaum oder verwechseln sie mit alten Verboten aus der Kindheit, die sie gerne überwinden möchten. Daher braucht es oft einen Lernprozess, um die eigenen Grenzen zu respektieren und das fahle Gefühl einer ungewollten Grenzüberschreitung von dem erlösenden Gefühl einer Befreiung von alten Zwängen schon im Ansatz zu unterscheiden. «Fehler» kommen vor und sind Teil des Lernprozesses. Zu sich selbst und zur eigenen Wahrheit zu stehen kann in einer Gruppe eine besondere Herausforderung sein. Wir unterstützen darin, diese Herausforderung anzunehmen und die eigene Wahrheit zu leben.

lGeben oder leiten Sie tantrische Massagen?

Wir geben Einzelsitzungen in körperorientierter Psychotherapie, aber keine Massagen. In den Gruppen arbeiten wir viel mit Berührung, die wir wegen des etwas technischen Beigeschmacks des Wortes «Massage» selten so nennen. Es geht uns vor allem um die Präsenz aller Beteiligten in der Berührung. Dann entfaltet sich in der Berührung die Magie von unmittelbarem Kontakt.

lProbiert man sexuelle Praktiken in bzw. vor der Gruppe aus?

Auch beim Thema Sexualität geht es uns weniger um Techniken oder Praktiken, sondern um die Verbindung von Liebe, Intimität, Sexualität und Bewusstsein. Es gibt intime Übungen auch in der Gruppe (insbesondere in längeren Gruppen und im Jahrestraining), die jederzeit so strukturiert sind und angeleitet werden, dass jede(r) sich nur soweit einlassen muss, wir er oder sie dazu bereit ist.

lFindet bei Tantra sexuelle Vereinigung statt?

In unseren Workshops findet in den Gruppenzeiten keine sexuelle Vereinigung statt. Unabhängig davon ist es natürlich wunderbar, Tantra auch in der sexuellen Vereinigung zu leben.

lKann ich durch Tantra Ekstase erfahren?

Ja. Allerdings wird Ekstase oft mit dem Erleben intensiver körperlicher Sensationen verwechselt. Ekstase als Bewusstseinszustand, als das Heraustreten aus der Begrenzung des kleinen Ich lernen die meisten Menschen nicht in einem Wochenendworkshop.

lKann man als Paar in einer TantraGruppe unbehelligt bleiben?

Ja und Nein. Ja in dem Sinne, dass Paare bei uns Unterstützung finden, Intimität vor allem miteinander zu leben, wenn sie das möchten. (Manche Paare kommen allerdings mit dem Anliegen, ihre Partnerschaft auch für andere Kontakte zu öffnen. Wir selbst haben da keine Präferenz, sondern respektieren das Anliegen des Paares.) Nein, weil Unstimmigkeiten, ungelöste Konflikte und Unwahrheiten einer Partnerschaft im Energiefeld einer TantraGruppe schneller hochkommen als im Alltag. Wer sich damit nicht konfrontieren und sich über «Interna» in einer Gruppe nicht mitteilen möchte, denen sei von einer TantraGruppe eher abgeraten. Paare, die miteinander liebevoller, lustvoller und auch wahrhaftiger werden wollen und bereit sind zu lernen, sind am richtigen Platz. Es gibt auch Workshops nur für Paare.

lAchten Sie auf ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen und Männern?

Ja, und in den meisten Fällen kommt das auch ganz gut hin. Eine Garantie für ein exakt ausgeglichenes Verhältnis können und wollen wir aber nicht geben. Das Schicksal ist manchmal intelligenter als wir. Daraus können wir nur lernen.

lWelche Altersgruppen kommen in Ihre Seminare? Muss ich für Tantra jung und attraktiv sein?

Im Tantra geht es nicht darum, fremdbestimmten, äußeren Schönheitsidealen zu entsprechen, sondern sich selbst so annehmen zu lernen, wie wir sind. Das Spektrum der Teilnehmer ist altersmäßig sehr breit und liegt zwischen 25 und 65, mit dem Schwerpunkt bei 3555 Jahren, und wir haben sehr gute Erfahrungen mit dieser Mischung. Nicht wenige Menschen haben Ängste in Bezug auf ihren Körper und ihr Aussehen, manchmal offen, manchmal unbewusst. In unseren Gruppen entsteht ein Raum, in dem die alten Wunden heilen können, die hinter diesen Ängsten stehen.

lIst ein Tantraseminar eine geeignete Gelegenheit, um einen Partner zu finden?

Ja und Nein. Wenn das Motiv der Partnersuche sehr im Vordergrund steht kann das ein Hindernis sein, sich auf sich selbst und die Gruppe wirklich einzulassen, und dann sind auch die Begegnungen mit anderen Menschen der Gruppe meistens weniger tief. Andererseits haben wir schon oft miterleben dürfen, wie durch die Intensität und Nähe im Verlauf eines Seminars oder eines Trainings Liebesbeziehungen entstehen, wachsen und gedeihen.

Tantra alltagstauglich oder wird in Seminaren nur eine künstliche Welt von Lust und Liebe geschaffen, die im Alltag schwer umzusetzen ist?

Es ist eines unserer wichtigsten Anliegen, Impulse und Unterstützung für den Alltag zu geben. Den Alltag umzugestalten geht jedoch selten von heute auf morgen. Die Diskrepanz zwischen Gruppe und Alltag kann anfangs groß sein, vor allem für Menschen, die in ihrem Alltag wenig Gelegenheit für Lust und Liebe haben. Die Umsetzung in den Alltag ist manchmal leicht und manchmal auch harte Arbeit, die Entschlossenheit und Mut braucht. Wer Tantraseminare auf Dauer dazu benutzt, um dem grauen Alltag zu entfliehen, für den wird sich im Alltag wahrscheinlich nicht viel ändern.

lWann ist von einem Tantraseminar abzuraten?

Das Entscheidende ist die Motivation. Wer nicht wirklich bereit ist, sich selbst tiefer kennenzulernen oder z.B. nur auf Druck des Partners zu einem Workshop kommt, kann leicht enttäuscht werden. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, die Verantwortung für sich und seine Gefühle übernehmen zu lernen. Psychiatrische Vorerkrankungen schließen in der Regel eine Teilnahme aus. Im Zweifelsfall empfehlen wir ein vorheriges Telefonat oder eine Einzelsitzung.

lIst Tantra ein spiritueller Weg? Was beinhaltet er?

Tantra ist für uns ein spiritueller Weg. Jenseits von Dogmen lehrt uns Tantra, in jedem Augenblick des Lebens die eigene Wahrheit zu hören und ihr zu vertrauen. Tantra zeigt uns die Verbundenheit von allem was ist. Wir lernen das Leben mehr und mehr mit allen Höhen und Tiefen anzunehmen und zu feiern. Das beinhaltet die Integration aller Ebenen unseres Seins, von Körper, Sexualität, Herz, Geist, Beziehungen, bis hin zum spirituellen Bewusstsein.

lMuss man spirituell sein, um an einem Tantraseminar teilnehmen zu können?

Nein. Eine gesunde Skepsis gegenüber allem, was man nicht selbst erlebt hat, kann sogar ein Vorteil sein. Alles was es braucht ist eine Offenheit gegenüber den eigenen Erfahrungen, Respekt gegenüber den Erlebnisweisen Anderer und die Bereitschaft, Vorurteile loszulassen.

lWas haben heutige Tantraworkshops noch mit dem traditionellem Tantra zu tun wie es beispielsweise in Indien praktiziert wurde?

Äußerlich haben die Workshops nicht mehr viel mit dem traditionellen Tantra gemeinsam. Wir leben in einer anderen Zeit und in einer anderen Kultur, deswegen scheint uns ein Festhalten an alten Überlieferungen wenig sinnvoll. Im Kern geht es jedoch auch heute noch um einen spirituellen Weg, der Liebe als Einheit und Verbundenheit des Seins konkret erfahrbar macht und uns lehrt, allen Aspekten des Lebens mit Respekt und Achtsamkeit zu begegnen. Diese Essenz des Tantra erschließt sich den meisten Menschen allerdings nicht an einem Wochenende, sondern erfordert heute wie damals ein tieferes Einlassen mit Körper, Geist und Seele.

lWas unterscheidet Tantraseminare von anderen Kursen z.B. in Körper orientierter Selbsterfahrung?

Die nicht nur theoretische, sondern gelebte Akzeptanz unserer Natur als sinnliche und erotischsexuelle Wesen geht im Tantra meist tiefer. Dazu kommt ein weittragender spiritueller Hintergrund, letztlich das Vertrauen in die Existenz. Die Methoden sind allerdings oft ähnlich, da Tantra heute mittels vielfältiger Elemente aus modernen, erlebnisorientierten psychologischen und spirituellen Schulen vermittelt wird. Und die tantrische Lebenshaltung hat seinerseits auch viele andere psychologische und spirituelle Schulen und Wege inspiriert.

lWelche Kurse eignen sich am besten als Einstieg?

Sie sollten sich vorher ausreichend informieren um zu entscheiden, bei welchem Anbieter Sie genügend Vorschussvertrauen haben, um sich auf das Abenteuer Tantra einzulassen. Wir selbst bieten ein breites Spektrum an, dabei wird es immer intensiver, je länger die Gruppe dauert. Manche schnuppern erstmals bei einem Wochenende, Andere melden sich gleich für eine längere Gruppe (z.B. zu Ostern, Silvester oder für eine Feriengruppe in den Sommerferien) an. Es hängt also davon ab, wie schnell und intensiv Sie einsteigen möchten und welche Bereitschaft und Vorerfahrung Sie mitbringen. Als Einführung für ein Jahrestraining eignen sich die meisten Wochenendworkshops. Manche Kurse sind als Aufbaukurse für Frauen und Männer mit Vorerfahrung vorbehalten.

lWelche Literatur empfehlen Sie als Einstieg?

Für manche ist es von Vorteil, vorher etwas über Tantra zu lesen, für andere ist es aber eher ein Hindernis, denn Tantra will in erster Linie erfahren und nicht gewusst werden. Einige der tiefgründigsten Bücher sind die von Osho, der Tantra für uns Westler neu interpretiert hat. Der Ansatz von The Art of Being  Tantra findet sich in dem Buch «Herzenslust – Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins» von Saleem Riek, das im Aurum Verlag erschienen ist. Darüber hinaus gibt es viele Bücher zum Tantra, die aus unserer Sicht aber häufig zu sehr auf das Thema Sex begrenzt sind.

lWie kann ich selbst TantraLehrer werden?

Das ist ein längerer Prozess, der viele Jahre Selbsterfahrung beinhaltet. Wir bieten eine Fortbildung für Menschen an, die auf der Grundlage von «The Art of Being» mit Gruppen (d.h. nicht nur mit Tantra) arbeiten möchten. Wer selbst mit den Themen Liebe, Lust und Bewusstsein arbeiten möchte, dem oder der empfehlen wir die vorherige Teilnahme an einem Tantra Jahrestraining. Tantralehrer zu sein bedeutet in unserer Sicht nicht, dass wir perfekt oder erleuchtet sind. Wir sind auch selbst nach wie vor Lernende und möchten uns selbst und Andere dazu ermutigen, dies auch zu bleiben. Mehr und mehr wird das Leben selbst unser Lehrmeister. So wird das Leben ein Mysterium, das sich immer neu offenbart. www.art-of-being.deŸ

 

Wendezeit 3/02

Wie Männer ihr sexuelles Potential entdecken können

Männliche Höhepunkte


Ein Leben ohne Sex ist für die meisten Männer erschreckend, nicht vorstellbar. Viele Männer kaufen sich den ersehnten sexuellen Kick oder was dazu nötig ist, ganze Industrien leben davon. Das ist offensichtlich immer noch besser, als ganz ohne dazustehen. Wenn wir die ganze Palette von pauschalen Urteilen und Bewertungen wie „Männer wollen doch nur das Eine” oder „Männer sind Schweine”, mit denen dieses Phänomen oft genug belegt worden ist, einmal beiseite lassen, dann können wir feststellen: Für Männer ist eine unermessliche Menge Energie mit dem Sex verbunden. So gesehen ist es verständlicherweise nicht leicht, damit bewusst umzugehen. Was wir Männer durch ein bewusstes Erforschen unserer Sexualität entdecken können, das möchte ich in diesen Zeilen anklingen lassen.
Ob und inwieweit die folgenden Ausführungen zumindest teilweise auch auf Frauen zutreffen lasse ich offen. Mein Focus sind in diesem Artikel zunächst die Männer.
Welche wundersame Magie, welches Glücksversprechen, welcher unwiderstehliche Trieb, welche Su­che nach Geilheit sind da am Werk und lassen uns Männer in einer enormen Vielfalt immer wieder nach dem Einen suchen? Zwei Motive kommen mit zuallererst in den Sinn: zum einen die Vereinigung mit der Frau, mit dem Weiblichen, und zum anderen der sexuelle Höhepunkt, der Orgasmus gepaart mit der Ejakulation. Beides ist zutiefst verlockend, aber beides enthält auch ein großes Risiko. Bei den Spinnen frisst die Schwarze Witwe nach der Kopulation das Männchen, die Gottesanbeterin enthauptet es noch während des Aktes. Mann braucht allerdings keine männliche Spinne zu sein, um Angst davor zu haben. Die Vereinigung mit der Frau, wenn sie nicht nur rein physisch bleibt, bedroht tatsächlich unsere Ich-Grenzen, unsere männliche Identität wird an ei­nem Punkt bedeutungslos. Wir werden sozusagen psychisch gefressen. Der orgastische Höhepunkt, wenn er wirklich unseren ganzen Körper, unser ganzes Sein mit erfasst, ist ein Sterben, er kehrt jede Polarität um. Wir sind nicht mehr das, was wir waren, und wir sind plötzlich auch das, was wir nicht sind. Wir sind Alles. Wir lösen uns auf. Dass beides zusammen kommt, die Vereinigung und der Orgasmus, nach was sollten wir uns mehr sehnen? Und was sollte erschreckender sein?
Und dann?
Viele Männer erwachen aus diesem Taumel als ziemlich genau diejenigen, die sie waren. Ernüchtert zwar, aber wohlbekannt. Etwas hat gefehlt, oder es war zumindest nicht von Dauer. Vielleicht schlafen wir erstmals eine Runde oder rauchen eine Zigarette des Vergessens, bis das Verlangen neu erwacht.
Das Sexualverhalten der meisten Männer erinnert an Suchtstrukturen. Wir sind mehr oder weniger sexsüchtig, obwohl oder gerade weil wir nie das bekommen, was wir eigentlich wollen. Aber was wollen wir eigentlich? Um das herauszufinden braucht es Neugier und vielleicht auch eine gewisse Unzufriedenheit mit den Zyklen von Begierde, Befriedigung und Enttäuschung. Es braucht die Bereitschaft, ungewohnte Pfade zu betreten und inmitten des Strudels von Erregung, Lust und Ekstase innezuhalten.
Innehalten. Wenn wir in dieses Wort hineinlauschen hören wir schon eine der Empfehlungen, des Tantra, um die Sexualkraft bewusst zu erleben und mit ihr zu unserem Kern vorzudringen: der Verzicht auf die Ejakulation. Diese Empfehlung löst bei den meisten unvorbereiteten Männern eine ganze Palette von Reaktionen aus. Viele reagieren mit Unverständnis („Was soll das denn bringen?”) oder Empörung („Sollen wir um den Hauptpreis betrogen werden?”). Oder sie deuten die Empfehlung schnell in einen zeitweiligen Verzicht auf Ejakulation um. Das kennen viele Männer, dass der Höhepunkt viel geiler wird, wenn er länger hinausgezögert wird. Aber dann gar nicht kommen???
Viele Mythen ranken sich rund um das Thema Ejakulation, von der Geschichte des Onan, der verbotenerweise seinen Samen verspritzt hat, ohne für Nachkommen zu sorgen, bis hin zu taoistischen Lehren des Verlustes an Chi Energie, die an die Ermahnung „du hast nur tausend Schuss” erinnern, mit denen manche von uns als Teenager in Angst und Schrecken versetzt wurden. Auf der Basis solcher sexualfeindlicher Konditionierungen werden auch Lehren wie Tantra oder Tao schnell wieder zu neuen Dogmen, die Pharisäer hervorbringen, uns in unserer Erfahrung aber kaum der Magie des Sexus näher bringen. Mit den folgenden Ausführungen möchte ich also keine neuen Glaubenssätze aufstellen als vielmehr dazu anregen, selbst zu erforschen, zu entdecken, sich mit Achtsamkeit und Bewusstsein in die sexuelle Erfahrungswelt hineinzubegeben, alles für möglich zu halten und nichts zu glauben, was du nicht selbst erlebt hast.
Orgasmus und Ejakulation sind nicht das gleiche. Es gibt Orgasmen ohne Ejakulation und Ejakulationen ohne Orgasmus. Auch die männliche Sexualität ist nicht ganz so simpel wie es noch in vielen Aufklärungsbüchern geschrieben steht. Während die Ejakulation normalerweise klar und unverkennbar zu Tage tritt, ist der Orgasmus ein komplexeres Phänomen, das sich bei näherer Erforschung in sehr verschiedenen Qualitäten ereignen kann. Die Palette reicht von einem körperlich sehr eng umgrenzten lustvollen Reflex, vergleichbar einem Nießen, das einen Erguss auslöst, bis hin zu einer den ganzen Körper umfassenden seelischen Hingabe, in der sich für Momente, vielleicht sogar länger, jede Identifikation auflösen kann. Der Unterschied könnte kaum größer sein, und dennoch handelt sich um zwei Pole eines Kontinuums.
In dem Alter, in dem wir als Jungen normalerweise anfangen, Orgasmen zu erleben, waren die wenigsten von uns wirklich frei, ihn in seiner Vieldimensionalität offen zu erforschen. Ganz im Gegenteil, viele von uns taten es heimlich unter der Bettdecke und waren noch bemüht, nicht laut zu sein und keine verräterischen Flecken zu hinterlassen. So hat der pubertierende männliche Körper gelernt, das lustvolle Geschehen eng zu begrenzen und es sich bloß nicht ausbreiten zu lassen. Viele Jungen haben darüber hinaus gemerkt, dass sich durch die lustvolle Entladung bequem auch andere unangenehme Gefühle vertreiben lassen, indem sich danach eine gewisse schläfrige Entspannung einstellt, die uns mancher Sorgen zu entheben scheint.
Damals war uns sicher nicht bewusst, dass wir damit Sex systematisch an ein Verhaltensmuster koppeln, das die vorhandene Energie in den Genitalien vorübergehend konzentriert, um sie dann mit der Entladung im ganzen Körper abfallen zu lassen. Sorgen und Unbehagen wa­ren nicht weg, wir haben sie nur nicht mehr gespürt.
Wenn wir jetzt als erwachsene Männer plötzlich anfangen, Sex ohne Ejakulation zu erforschen, dann ist das überhaupt nicht lustig, solange wir in diesem alten Verhaltenmuster gefangen bleiben. Dann wird uns nämlich tatsaNchlich der einzige tiefe lustvolle Moment auch noch geraubt, und wir bekommen obendrein noch die Probleme und das Unbehagen zurück, was wir vorher durch das zeitweilige Ablassen von sexuellem Druck bequem entsorgen konnten.
Eine tantrischen Erweiterung unserer Sexualität ist energetisch gesehen genau das Gegenteil des oben beschriebenen Verhaltens. Wir benutzen die sexuelle Erregung zusammen mit frei fließender Atmung, um das Energieniveau im ganzen Körper anzuheben, um alle unsere Empfindungen deutlicher spüren zu können und in hoher erotischer Ladung zu entspannen. Das hat den enormen Vorteil, dass wir Lust im ganzen Körper und lange bevor ein Entladungs-Orgasmus einsetzt in einer Intensität erleben können, von der wir vorher kaum zu träumen gewagt haben. Aber, wie immer im Leben, es hat auch gravierende Nachteile: wir erleben auch die uns unangenehmen und schmerz­lichen Gefühle, die wir erfolg­reich verdrängt hatten, wieder neu und verstärkt und kom­men kaum darum herum, uns diesen Gefühlen zu stellen.
In Männerworkshops und Tantragruppen habe ich zuweilen die Männer ermuntert, über Nacht damit zu spielen, sich mehrmals bis kurz vor einer Ejakulation zu stimulieren und dann innezuhalten und nicht zu kommen. Am nächsten Morgen haben wir die Erfahrungen zusammengetragen. Manche waren ganz kribbelig, konnten nicht mehr einschlafen, manchen wurde schlecht, andere wurden traurig oder wütend oder hatten bemerkenswerte und be­zeichnende Träume. Einige, und zwar meistens die, die schon öfter damit experimentiert hatten, erlebten spontan eine Lust, die sich im ganzen Körper ausbreitet, ein wohltuendes, ekstatisches Vi­brieren bis in die Zehenspitzen, ein tiefes Erfülltsein oder einfach Frieden. Und es gab immer welche, die es einfach nicht geschafft ha­ben. Der Zwang zum Ejakulieren war für sie unüberwindlich.
Manche erlebten diese Übung als so frustrierend, dass sie über Jahre hinaus nichts mehr davon wissen wollten. Deswegen ist es gut, auf die zu erwartenden Hindernisse vorbereitet zu sein, wenn wir unser sexuelles Erleben erweitern möchten.
Sex ohne Ejakulation ist nämlich ein Supergau für die von unserer westlichen Kultur geprägte Männlichkeit. Eine solche Übung konfrontiert mit einem Schlag eine ganze Palette von Konditionierungen, die sich uns Männern tief in unsere Körper eingegraben haben.
Da ist zunächst die Fixierung auf ein Ziel. Es mag sein, dass es in unserer archetypischen Natur als Männer liegt, Ziele zu verfolgen. Die Fixierung auf ein Ziel, ohne dass der Weg dorthin wirklich erlebt werden kann, ohne Verbindung zum archetypisch weiblichen Sein, ist jedoch eine verzerrte und pervertierte Form von Männlichkeit, die wir allerdings tief verinnerlicht haben. Mit ihr geht die Abwertung des Weiblichen einher, die in unseren Körpern in der Unfähigkeit verankert ist, das pure Dasein als lustvoll und erfüllend zu erleben.
Das Spielen mit dem Ejakulationsverzicht konfrontiert mit unserer Gespaltenheit gegenüber den Gefühlen. Unser Gefühlsleben ist eine Ganzheit, der wir Gewalt antun, wenn wir sie in gute und schlechte Gefühle unterteilen. Männer gelten immer noch als weniger gefühlsbetont als Frauen. Dahinter stehen vor allem die ungezählten Glaubenssätze, mit denen wir Teile unseres Gefühlslebens entwerten und infolgedessen auch permanent unterdrüc­ken. Wenn wir durch ein hö­heres Energieniveau im Körper unsere Gefühle deutlicher spü­ren ist das eine gute Chan­ce, uns nach und nach mit der ganzen Palette unserer Gefühle wieder anzufreunden.
Männlichkeit wird oft assoziiert mit Kontrolle haben müssen. Ist der Verzicht auf Ejakulation nicht ein weiterer Zwang zur Kontrolle? Viele Männer erleben vorzeitigen Samenerguss tat­sächlich als Kontrollverlust. Dabei steht meistens gerade ein Übermaß ein Kontrolle dahinter, die sich längst in chronischen Muskelverspan­nungen verselbständigt hat. Aus diesem Grund rate ich auch von vielen Techniken der „Ejakulationskontrolle” (z.B. die „Squeeze-Technik”, bei der kurz vor dem Höhepunkt der Samenerguss durch Fingerdruck auf bestimmte Punkte unterbunden werden soll), wie sie in Sexratgebern, aber auch in manchen Tantrabüchern empfohlen werden, eher ab. Wir Männer können unser lustvolles Erleben viel besser erweitern, wenn wir früh ge­nug vor dem „Point of no return” die Stimulation reduzieren und durch Entspannung und vertiefte Atmung die Erregung sich im Körper ausbreiten lassen. Auch dadurch klingt der unabweisbare Drang zur Entladung wieder ab, ohne dass die Energie ganz abfällt. Und schmerzhafte Symptome wie „dicke Eier” sind seltener.
Männer haben in unserer Kultur gelernt, Sex von vielen anderen Lebensbezügen abzuspalten. Sex ist inzwischen zwar auch öffentlich überalll präsent, aber nicht in einer heilsamen, d.h. verbundenen Weise. Für die Heilung der Spaltung von Sex und Herz, von Sex und Spiritualität, und von Sex und Gemeinschaft ist kaum Raum, wenn wir uns immer nur auf einem schmalen Grad in Richtung Gipfel voranbewegen. Angeblich denken Männer alle paar Minutan an Sex. Wie wäre es, wenn diese Gedanken und Phantasien nicht eine abgespaltenes Schattendasein führen müssten, sondern uns in jedem Moment mit der erotischen Spur verbinden, die als Lebenslust alles Leben durchdringt, oh­ne unbedingt immer explizit sexuell sein zu müssen.
Männer gelten als Kommunikationsmuffel. Wie langweilig würde auch der erotischste Tango, wenn alles nur auf den Schlussakkord abzielen würde? Genauso tanzen aber leider die meisten Paare den sexuellen Tanz im Bett. Wenn wir das Ziel eines Höhepunktes in Sex loslassen, dann gewinnen wir die Freiheit, uns in einem mehrdimensionalen sexuellen Raum zu bewegen anstatt auf einer Einbahnstraße. Erst in diesem Raum sind wir wirklich frei, im Sex mit einer Partnerin zu kommunizieren, offen unsere eigenen Impulse einzubringen und auf die Impulse der Partnerin zu antworten. Sex wird zu einem lebendigen, pulsierenden, kreativen Tanz der Körper.
Ich finde es also durchaus loh­nend, im Sex damit zu spielen, keinen Erguss zu haben. Heißt das auch, dass wir keinen Orgasmus haben? Meine eigenen Erfahrungen und die vieler anderer Männer sind hier sehr unterschiedlich und vielfältig. Je mehr wir uns auf das Erforschen einlassen, des­to mehr entstehen Erlebsnisräume, die sich als orgastisch bezeichnen lassen und in de­nen eine Abgrenzung von Orgasmus und Nicht-Orgasmus schwer fällt und auch nicht mehr viel Sinn macht. Alle Varianten hier aufzuführen würde ein ganzes Buch füllen! Sei neugierig! Mach dich auf die Entdeckungsreise! Und ich spreche bewusst vom Spielen, denn mir ist jede Dogmatik in diesem Bereich unsympathisch. Wir haben genug Gebote und Verbote zum Thema Sex im Hirn, wir brauchen diese Liste nicht auch noch „tantrisch erweitern”.
Hier einige konkrete Tips zum Spielen:
Verbinde sexuelle Stimulation mit Körperbewegungen, die Muskelspannungen lockern und den ganzen Körper im­mer wieder ins Spiel bringen. Unterlasse ganz bewusst die Anspannung von Bein- und Gesäßmuskulatur, mit der du vielleicht sonst deine Lust in die Genitalien presst, oder lass zumindest zeitweilig alle Anspannung los. Unterbrich die sexuelle Aktivität und tanze eine Runde, und mach dann weiter.
Wende deine Aufmerksamkeit immer wieder der Atmung zu. Du brauchst die Atmung nicht zu forcieren, sie vertieft sich von alleine, wenn du sie beobachtest. Auch dadurch kann sich deine Erregung im Körper ausbreiten.
Erforsche deinen Anus, massiere das Perineum, spiele mit dem Schließmuskel. Wenn du mit einem Finger - oder vielleicht auch mit einem geeigneten Gegenstand - eindringen möchtest erforsche das weiche Innengewebe und finde die Pros­tata, die sich etwas fester anfühlt als das umliegende Gewebe. Die Berührung und Massage der Prostata ist eines vom intimsten und lustvollsten, was Männer erleben können. Es kann aber sein, dass dir dort zunächst nur Schmerz, Brennen, Harndrang oder Empfindungslosigkeit begegnen, die alle eine Folge chronischer Verspannungen im Beckenbereich sind und Zeit brauchen, um zu heilen. Wenn du deine Empfindungsfähigkeit im Anus wiedergewonnen hast, kannst du die eher männliche Schwanzlust jederzeit mit der eher weiblichen Qualität deiner analen Lust verbinden, auch ohne dass du dort stimuliert wirst. Du entspannst den ganzen Beckenboden und gibst dadurch der Energie die Möglichkeit aufzusteigen und dein Herz und deinen Geist zu erreichen.
Spiele mit den Empfindungen vor dem Orgasmus. Lasse sie sich immer wieder ausbreiten, durch Atmung, Bewegung und das Öffnen für die anale Lust. Kurz vor dem Orgasmus werden bereits sogenannte Glückshormone ausgeschüttet, die du viel ausgedehnter erforschen kannst, wenn du nicht kommst.
Die Ejakulation bekommt oft eine ganz andere Qualität, wenn der zwanghafte Drang zu ihr nachgelassen hat. Die Energie hat sich im Körper ausgebreitet und fällt dann mit einem Samenerguss auch nicht so rasch ab. Wenn du also komplett vergessen hast, dass es auch noch den Orgasmus mit vollständiger energetischer Entladung und einem vollen, saftigen Samenerguss gibt, dann bist du für ihn bereit....
Du kannst diesen Anregungen alleine nachgehen, aber natürlich kannst du sie auch in die Kommunikation mit deiner Partnerin oder deinem Partner einbauen. Manche Frauen werden überrascht sein, dass Männer sexuell nicht immer so einfach strukturiert sind wie sie dachten. Sie werden dich vielleicht fragen, stumm oder mit Worten, ob du sie überhaupt begehrst, wenn du nicht kommst. Deine eigenen schon überwunden geglaubten Vorurteile werden dir vielleicht nochmal von außen gespiegelt. Du wirst getestet, ob du es nicht vielleicht doch vor allem der Frau Recht machen möchtest, oder ob du im Gegensatz dazu „ganz bei dir bleibst” und die Anwesenheit eines anderen Menschen gar nicht groß ins Gewicht fällt...
Hier kommt die zweite große Herausforderung. Wenn wir unsere eigene Fähigkeit entwickelt haben, in Lust zu schwelgen, ohne etwas erreichen und ohne etwas vermeiden zu müssen, können wir uns dann in dieser hohen energetischen Ladung soweit präsent bleiben, dass wir noch jemanden anders wahrnehmen als nur uns selbst? Dies ist die Schwelle zur wirklichen sexuellen Vereinigung. Meine Energie tanzt, deine Energie tanzt, wir können mit unseren liebgewordenen Identifikationen zu­rücktreten und die erotischen und sexuellen Körper frei miteinander tanzen lassen. Dieser Tanz wird nicht ohne Liebe bleiben, er wird uns im Herzen berühren und vielleicht weit darüber hinaus. In diesem Tanz werden wir verwandelt, Sex wird zur Transformation unseres Bewusstseins. Die Spinne lässt grüssen, die kosmische Spinne.
Dieser Prozess fängt nicht erst beim kosmischen Orgasmus an. Tantra beginnt mit der Neugier darauf, wer wir wirklich sind, und dazu gehört, wer wir als Männer sind. Wenn wir uns als Männer auf die Entdeckungsreise jenseits unserer sexuellen Konditionierungen machen, unsere Unschuld als sexuelle Wesen zurückgewinnen und lernen, bewusst mit unserer sexuellen Energie umzugehen und zu spielen, dann ist die unermessliche Energie des Sex eine Quelle unserer Motivation und Inspiration. Wir können mit ihr wachsen und reifen, in Lust und Liebe. www.art-of-being.de Ÿ

 

Wendezeit 2/02

Was ist Tantra?

Saleem Matthias Riek

Tantra gilt heute auch in der spirituellen Szene manchem als anstößig, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass Tantra Sexualität voll und ganz bejaht und ein freies und gesundes Verhältnis zu dieser Urkraft in uns als beste Voraussetzung für ein ganzheitliches und spirituelles Wachstum ansieht. Das ist, Jahrzehnte nach der sogenannten sexuellen Revolution, noch immer nicht selbstverständlich. Wer ins Tantra allerdings nicht mehr sieht als exotische Sexualpraktiken irrt gewaltig, denn Tantra ist eine der ältesten und tiefgreifendsten spirituelölen Traditionen auf unserem Planeten. Dass Tantra jedoch auch ganz konkrete Anregungen und Hilfestellungen für ein erfülltes Liebesleben gibt, muss dazu nicht unbedingt im Widerspruch stehen.
Historische Wurzeln
Die Wurzeln des Tantra reichen mindestens 5000 Jahre zurück. Verschiedene Richtungen haben sich zu verschiedenen Epochen vor al­lem im indischen Kulturraum und im Himalaya entwickelt. Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus existieren tantrische Traditionen, die meistens durch direkte Übertragungslinien von Meister zu Schüler weitergegeben wurden. Tantra ist bekannt als eine der wenigen spirituellen Richtungen, die Körperlichkeit, sinn­­liche Lust und Sexualität nicht als Hindernisse für eine geistige Entwicklung, sondern als Katalysator auf dem Weg zur Erleuchtung ansehen. Nicht alle traditionellen Tantra-Schulen ha­ben jedoch Sexualität auch konkret in Form von Ritualen praktiziert (das sogenannte linkshändige Tantra). Das Tantra der rechten Hand praktizierte statt dessen Visualisierungen und eher symbolische Handlungen. Die meisten der Praktiken blieben jedoch über Jahrhunderte geheim und die Gelehrten sind sich häufig nicht einig, ob die oft blumigen Beschreibungen sexueller Praktiken symbolisch oder konkret gemeint wa­ren.
Im Westen erlebt Tantra seit einigen Jahrzehnten eine Renaissance, wobei das Spek­trum hier von einfachen sinnlichen Gruppenaktivitäten bis hin zu enorm herausfordernden spirituellen Einweihungswegen reicht.
Begründer heutiger Tantraschulen
Die meisten der im Westen heute bekannten Tantraschulen gehen auf den indischen Mystiker Osho zu­rück, der zu­weilen auf sehr provozierende Weise östliche Weisheitslehren und west­liche hu­manistische The­rapie­for­men zusammenbrachte. Von ihm sind die bekannteren Tantraschulen Skydancing (Margo Anand), Orgoville (Gabrielle St. Clair und Mi­chael Plesse) und The Art of Being (Alan Lowen) maßgeblich inspiriert, deren Schüler wiederum eigene Institute und Ableger gegründet ha­ben. Heute gibt es im deutschsprachigen Raum ca. fünfzig Tantraschulen, von denen ca. zehn auch überregional tätig sind.
Die tantrische Weltsicht
Tantra geht vom Wortstamm auf die Sanskrit-Silbe Tan zurück, was soviel bedeutet wie verweben. In tantrischer Sicht sind alle Phänomene unserer Existenz miteinander verbunden, und es gibt kein besser oder schlechter, kein gut und böse, sondern es gibt nur verschiedene Grade an Bewusstheit über die Zusammenhänge. Mit höherer Bewusstheit begreifen wir, dass jede unserer Handlungen letztlich auf uns selbst zurück fällt. Im Tantra löst sich daher die christlich-abendländische Spaltung von heilig und sündig, von egoistisch und altruistisch auf zugunsten einer ganzheitlichen Erfahrung des Einsseins, des Verbundenseins mit allem was ist.
Die tantrische Sichtweise hat weitreichende Konsequenzen für alle Bereiche menschlichen Lebens. Besonders jedoch die typischen Spaltungen der westlichen Zivilisation zwischen Geist und Körper, zwischen Sexualität und Spiritualität oder Religion, zwischen Herz und Verstand und zwischen Herz und Sex können sich in einem tiefgreifenden, erlebnisreichen Prozess des Annehmens verwandeln und heilen.
Wo Tantra Anwendung findet
Tantra eignet sich für Menschen, die sich in ihrem ganzen Gefühlsspektrum tie­fer kennenlernen und annehmen lernen wollen, ohne dabei die erotische und sexuelle Dimension des Erlebens auszugrenzen. Tantra ist zwar keine Therapieform im engeren Sinne, hat aber durchaus vielfältige heilsame Wirkungen. Besonders im Bereich des Körperbewußtseins, des sinnlichen und erotischen Selbstbildes, der Liebes- und Beziehungsfähigkeit und einer gesteigerten Lebendigkeit im Allgemeinen kann Tantra sehr hilfreich sein. Nicht alle, die an Tantrakursen teilnehmen, sind auch an ihrer spirituellen Weiterentwicklung interessiert, obwohl darin sicherlich der wesentliche Aspekt des Tantra zu finden ist: In der Rückverbindung mit dem Göttlichen, mit der Exis­tenz, die sich ganz konkret im Hier und Jetzt vollzieht. Tantra bleibt auch in diesem Bereich undogmatisch. Es werden keine Glaubenssätze gelehrt, sondern konkrete Erfahrungen induziert, dies es dem einzelnen Mann, der einzelne Frau und dem einzelnen Paar ermöglichen, selbstverantwortlich die eigenen Konsequenzen daraus zu ziehen.
Wie wird Tantra heute vermittelt?
Tantra wird heute im Westen in vielfältigen Kursen und Seminaren auf dem freien Markt angeboten. Die meis­ten Anbieter sind dabei konfessionell und strukturell unabhängig. Daneben gibt es mehr im Verborgenen auch Tantraschulen und Einweihungswege im Rahmen des Buddhismus, vor allem tibetischer Tradition. Die hin­duistischen Schulen sind hierzulande kaum vertreten. Tantrische Aspekte und Methoden finden sich heute jedoch in einer Vielzahl von therapeutischen Ansätzen wieder, ohne dass sie immer als solche benannt werden. Die bekannteren und öffentlich zugänglichen Tantraschulen bieten ihre Seminare meistens in Form von Abendgruppen, Wochenend­kursen oder auch in längeren Trainings an, die dann oft in ausgesuchten Tagungshäusern auf dem Land stattfinden.
Dabei kommt ein großes Spektrum an erlebnisaktivierenden Verfahren zur Anwendung wie Körperarbeit, bewusstes Atmen, Encounterstrukturen, Energiearbeit, Tanztherapie, Meditationen, sinnliche Rituale uvm. Der Schwerpunkt kann dabei vari­ieren, manche Anbieter fokussieren sehr stark auf das sexuelle Thema, andere integrieren dieses mehr in ein ganzheitliches Spektrum von Begegnung und Erfahrung.
Auch das Maß an Intimität, das in Rahmen einer solchen Gruppe erlebt wird, kann stark variieren. Bei den meis­ten Tantraseminaren findet kein direkter sexueller Kontakt im Gruppenraum statt. Nacktheit ist in manchen Übungen zuweilen möglich oder empfohlen, sollte aber niemals Pflicht sein. Allen Kursen gemeinsam ist, dass der Körper als unmittelbares Resonanzorgan einbezogen wird, d.h. Tantraseminare sind keine abgehobenen Phi­losophiezirkel, sondern lebendige Erfahrungsräume.
Risiken und Nebenwirkungen...
Menschen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen brauchen in der Regel ein höheres Maß an individueller Betreuung als es in einem Tantraseminar der Fall sein kann. Die therapeutische Vorbildung von Tantralehrerinnen und -lehren ist zudem sehr unterschiedlich, und bei manchen ist zweifelhaft, ob sie mit all den Prozessen, die sie in Gang bringen, wirklich verantwortlich umgehen können. Vor allem Gruppen, in denen die individuellen Grenzen der Teilnehmenden nicht unterstützt und respektiert werden, können zuweilen sogar gefährlich werden.
Tantra wirkt sehr tiefgreifend und braucht daher auch die Fähigkeit und die Bereitschaft des Lernenden, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und auf diese Weise den eigenen Prozess zu steuern. Dennoch sollten Interessenten darauf gefasst sein, dass sich eine Öffnung zu mehr Lust, Liebe und ganzheitlichem Bewusst­sein kaum je ohne tiefe Krisen vollzieht Diese Krisen werden aus tantrischer Sicht deswegen früher oder später auftauchen, damit auch die Schattenseiten angenommen werden können, die zum Ganzsein dazu gehören.
Eine besondere Art der Vermittlung von Tantra sind sogenannte Tantramassagen. Dahinter verbergen sich sehr verschiedene Angebote, angefangen von Energiemassagen über sinnliche und erotische Ganzkörpermassagen bis hin zu schlicht und einfach Prostitution.
Wem ist Tantra zu empfehlen?
Sowohl Singles als auch Paare, die ihr Liebesleben entwickeln und bereichern möchten und diese Entwicklung auch zum Ausgangspunkt ihres ganzheitlichen, menschlichen und spirituellen Wachstums nehmen möch­ten, sind beim Tantra genau richtig. Eine gewisses Mass an Neugier auf sich selbst und auf die menschliche Natur in ihrer Vielfalt, Kraft und Verletzlichkeit sind sehr von Vorteil. Auch konkrete Symptome wie reduzierte sexuelle Erlebnisfähigkeit, Einsamkeitsgefühle, Partnerschaftsprobleme und psychische und psychosomatische Störungen können durch Tantra einer Heilung näher gebracht werden. Allerdings ist all dies eher als eine erwünschte Nebenwirkung zu betrachten, denn im Kern geht es im Tantra nicht um das Beseitigen von Symptomen, sondern um das Annehmen des Lebens in allen seinen Facetten, in jedem einzelnen Moment.

Der Autor:
Saleem Matthias Riek ist Tantralehrer im Rahmen des The Art of Being Instituts, das von Alan Lowen gegründet wurde, und Heilpraktiker für Körperpsychotherapie. Er leitet, meist zusammen mit Nutan Gabrielle Riek, Seminare und Trainings zu Liebe, Intimität und Tantra in Süddeutschland, der Schweiz und in Italien. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Heilung der Verbindung von Sex und Herz und das Sein Lassen, der Raum für wahrhaftiges, spontanes Geschehen. Seit 1999 bildet er auch selbst Gruppenleiter aus. Er ist Autor des Buches „Herzenslust Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins“. Weitere Infos im Internet unter www.art-of-being.de Ÿ

 

 

Wendezeit 1/02

Liebe, Sex und Wahrheit im Tantra

von Saleem Matthias Riek

Tantra ist im Westen vor allem bekannt für die Beschäftigung mit Liebe und Sexualität. Diese gelten als das Thema Nr. 1, wir kreisen darum herum wie die Motten um das Licht. Kaum eine Zeitschrift kommt auf Dauer ohne Aufmacher mit einem dieser Themen aus. Vielleicht sind wir der dauernden Berieselung mit Liebesgeschichten und der Kommerzialisierung jeder einzelnen erotischen Regung längst überdrüssig, aber wenn wir wahrhaftig mit uns selbst sind, dann sind und bleiben Liebe und Sexualität Themen, die uns im tiefsten Wesenskern berühren. Selbst Mönche und Nonnen verschiedener religiöser oder spiritueller Traditionen berichten zuweilen, wie drängend erotische Impulse auch nach langen Jahren von Abstinenz und meditativer Praxis auftauchen können. Ob diese Impulse nun als die Versuchung des Teufels oder als Gleichnis für das Verlangen nach Gott oder nach Erleuchtung interpretiert werden, es ändert nichts an ihrer unmittelbaren Kraft, und der „Kampf gegen den Teufel” vermag die Intensität des erotischen Erlebens manchmal sogar noch zu steigern.
Was auch immer unsere Antwort auf das Thema sein mag, wir können uns seiner Wirkung kaum entziehen, zumindest nicht ohne den Preis eingeschränkter Lebendigkeit. Paradoxerweise ist der Versuch, den unsterblichen Traum von immerwährender Lust und Liebe zu realisieren meistens auch nicht erfolgreicher als seine Vermeidung. Wir alle kennen wahrscheinlich das Dilemma, dass wir Lust und Liebe nicht festhalten können, angefangen von unserer Mutter, die uns mit Sicherheit irgendwann allein lassen oder abstillen mußte, über unsere Herzschmerzerfahrungen als Teenager bis zu Beziehungskatastrophen oder schleichender Lust- und Lieblosigkeit im sogenannten „erwachsenen” Leben.
Mich haben diese Themen schon immer sehr berührt und - getrieben von meinem persönlichen unermüdlichen Verlangen, Lust und Liebe zu leben - habe ich mich durch meine diversen Fehlschläge, tiefen Verletzungen und Zeiten von Verzweiflung nicht davon abhalten lassen, weiter zu forschen und dem Wesen dieses Verlangens auf den Grund zu gehen. Lange Zeit verbrachte ich Männergruppen, wo ich die - vielleicht banal klingende aber doch sehr folgenreiche - Erfahrung machte, dass Lust und Liebe nicht etwas sind, was die Frauen quasi besitzen und ich von ihnen bekommen könnte, sondern dass ich beides in mir finden kann, auch in Abwesenheit von Frauen. Das öffnete mich für eine neue Qualität der Begegnung mit Frauen.
Aber Höhen und Tiefen gingen natürlich weiter und auf meiner Suche bin ich auf Tantra gestoßen. Im Tantra habe ich die bislang wertvollsten Wegweiser gefunden, um mich im Dschungel von Liebe und Sex zurecht zu finden, oder genauer gesagt mich in den eigentlichen Dschungel - d.h. den Raum jenseits unserer Zivilisation - überhaupt erst hinein zu wagen. Die meisten Menschen haben tiefe Schneisen in diesen Dschungel geschlagen, viele haben den Urwald abgeholzt und gehofft, dass das Anlegen von Kulturlandschaften nutzbringender ist als die rohe Natur. Die Grenzen dieser Vorgehensweise werden uns im Bereich der Ökologie langsam bewusst und wir unterschreiben Petitionen, damit z.B. der Regenwald im Amazonasgebiet erhalten bleibt. Im Liebesleben werden weiter Schneisen geschlagen und zivilisierte Kulturen angelegt, und ich beobachte diese Tendenz auch im Tantra. Das Motiv ist wahrscheinlich ähnlich wie beim Umgang mit der Natur. Sie hat uns viele Jahrtausende nicht nur genährt, sie hat uns auch immer wieder bedroht und zuweilen vernichtet. So ist es verständlich, dass wir die Natur zu bändigen versucht haben. Noch mein Großvater, Teepflanzer in „Niederländisch Indien” (heute Indonesien), schrieb in seinen Memoiren voller Stolz, wie er dem Urwald jeden Meter für die Anlage von Teeplantagen und für die eigene Behausung abringen musste. Heute sind wir froh, wenn wir auf einer Wanderung in der Natur mal für eine Stunde keinem Menschen begegnen und keinen Straßenlärm hören müssen.
Auch im Liebesleben sind wir, oft noch ohne es so richtig wahr haben zu wollen, zugepflastert mit Geboten und Verboten, mit Glaubenssätzen und Abwehrmechanismen, die manchmal wie hässliche Betonburgen in der Landschaft stehen. Und wir wundern uns, dass uns die ursprüngliche wilde Schönheit eines Leoparden oder einer Schlange oder die Anmut eines jungen Rehs kaum noch begegnet? Tantra ist, in dieser Analogie gesprochen, so etwas wie ein Wildgehege oder ein ökologisch angelegter Garten. Er braucht Schutz und Pflege. Es gibt wohl auch im Liebesleben kaum ein plattes „zurück zur Natur”, das wäre Flucht in die Romantik oder bestenfalls naiv. Aber wenn wir Glück haben, können wir einen Hauch von „Wiederverzauberung” in unsere Erfahrung von Lust und Liebe bringen.
Tantra kann so oder so angewandt werden. Tantra kann einen neuen Kanon von Geboten und Verboten mit sich bringen. Solange wir uns nicht klar darüber sind, wie sich dieserart Zivilisation auf un­ser Liebeserleben wirklich auswirkt, werden wir anfällig dafür sein, in Tantra vor allem die Methoden und Techniken zu suchen, die unsere Sexualität noch intensiver und ekstatischer, unsere Liebe intimer und freudevoller machen und unsere Beziehungsengpässe wieder weiten sollen. Ich finde all das weder verwerflich noch sinnlos, genauso wie ich nichts gegen schön angelegte Gärten habe. Die Frage ist nur, wieviel Chemie, Kunstdünger und Pestizide müssen wir einsetzen, um Pflanzen am Leben zu erhalten, für die das passende Umfeld fehlt. Tantrische Rituale in dafür mit Räucherstäbchen und schönen Tüchern hergerichteten Räumen, mit ekstatischen Atemtechniken und meditativer Vereinigung mögen wunderschön sein. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass solche Techniken oft nicht über einen längeren Zeitraum angewandt werden, wenn der Alltag sich nicht auch grundlegend verwandelt.
Eine Tantraschule hat durch eine wissenschaftliche Studie den Erfolg ihres Trainings belegt. Andere Tantralehrer möchten nachziehen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Tantra enorm wirksam auch für die Veränderung des Alltags sein kann. Ich habe ja ge­nug Gelegenheit das mitzuerleben. Aber las­sen wir uns durch die Funktionalisierung von Tantra, die in einer solchen Studie zu Ausdruck kommt, nicht von dem abbringen, was wirklich wesentlich ist? Verlieren wir, wenn wir Tantra nur in den Kontext einer nutzbringenden Methode stellen, nicht wieder dasselbe, was wir schon in un­serem Verhältnis zur Natur verloren haben? Wie sieht es aus mit unserem Ver­trauen in unsere wilde Na­tur als sexuelle und lebensfähige Wesen?
Was uns auf den Weg zu unserer tiefsten Natur zurückbringen kann ist Wahrheit. Was im künstlichen Garten die Chemikalien sind, sind im Liebesleben die kleinen oder größeren Unwahrheiten, Verbiegungen und Verrenkungen, Lügen und sogenannten Notlügen. Die meisten Menschen haben das Vertrauen verloren, dass die Liebe Wahrheit verkraftet. Das geht da los, wo wir Treue schwören und uns selbst kaum Rechenschaft darüber ablegen, was das eigentlich heißt. Müssen wir jede erotische Regung gegenüber einem anderen Menschen verleugnen? Das geht weiter in dem auch in spirituellen Kreisen verbreiteten Glauben, dass Gefühle wie Angst, Wut und Trauer der Liebe entgegenstehen, was dazu führt, dass wir sie aus dem Kontakt heraus halten solange es geht, um dann irgendwann zu entdecken, dass wir für unseren Partner „nichts mehr empfinden”. Und das endet noch nicht beim Miss­verständnis von Wahrheit als Waffe, indem wir sie nicht um ihrer selbst willen äußern, sondern unseren Partner da­mit belehren, einschüchtern oder uns von seiner Wahrheit abschotten wollen. Von einem skeptischen Ge­müt stammt das Bonmot: „Die Wahrheit wurde sicher von einem Lügner erfunden”. Was Wahrheit wirklich ist, können wie nie ganz wissen, aber wir können immer wieder in uns selbst und die Qualität des Augenblicks hineinlauschen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was wirklich ist. Tantra, das sich nicht nur um Liebe und Sexualität, sondern auch um die Dimension der Wahrheit kümmert, bewahrt uns davor, weiter etwas hinterherzurennen, was nicht ist. Damit würden wir nur weiter Schneisen in unsere erotische Natur schlagen und mit neuen Dogmen und Glaubenssätzen eine bessere erotische Welt schaffen, die sich dann als eine weitere „schöne neue Welt” herausstellen könnte, die wir so gar nicht gewollt haben. Ich höre tatsächlich schon Teilnehmer in unseren Seminaren von ihrem Stress und ihrer Scham berichten, ihr Sex könnte vielleicht nicht tantrisch genug sein.
Im Tantra geht es nicht um neue Gebote. Es geht im Wesentlichen darum, dem unmittelbaren Sein wieder auf die Spur zu kommen und darin verweilen zu lernen. Wir können es bei jedem Baby beobachten, das uns durch seine kompromisslose Unmittelbarkeit zutiefst anrührt, tagein tagaus, solange wir dafür empfänglich sind. Sein mit dem, was ist kann eine zutiefst beglückende Erfahrung sein, eine dynamische Entspannung, ein Nachhause Kommen in unsere ungezähmte Wildheit, eine Wiederverbindung mit der erotischen Pulsation des Universums, ein Tanz mit der Magie des Augenblicks, als erwachsene Frau oder erwachsener Mann, gepaart mit dem Licht unserer Bewusstheit.
Bei der Rechtschreibkorrektur dieses Artikels stolpert das Schreibprogramm über das Wort „lebensfähig”, das in seinem Wortschatz nicht vorkommt. Als Alternativen schlägt es mir „lebensfähig” oder „leidensfähig” vor. Ich liebe derart Symbolik und Synchronizität. Tantra kann uns helfen, uns nicht nur in unserem Wortschatz, sondern auch in unserer Erfahrung an unsere unmittelbare Liebesfähigkeit zu erinnern.
Weitere ausführliche Informationen zu Tantra im Internet: www.art-of-being.de
Buchtipp: Saleem Matthias Riek: „Herzenslust” (Aurum Verlag)
Saleem Matthias Riek ist Tantralehrer im Rahmen des The Art of Being Instituts, das von Alan Lowen gegründet wur­de, und Heilpraktiker für Körperpsychotherapie. Er leitet, meist zusammen mit Nutan Gabrielle Riek, Seminare und Trainings zu Liebe, Intimität und Tantra in Süddeutschland, der Schweiz und in Italien. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Heilung der Verbindung von Sex und Herz und das Sein Lassen, der Raum für wahrhaftiges, spontanes Geschehen. Seit zwei Jahren bildet er auch selbst Gruppenleiter aus. Er ist Autor des Buches „Herzenslust - Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins”. Weitere Infos im Internet unter www.art-of-being.de Ÿ



Wendezeit 6/01

Leiten durch Nicht-Wissen


Saleem Matthias Riek

Was ist nötig, um Gruppen für alle Beteiligten erfolgreich zu leiten?
Der Titel klingt wie eine Provokation. Würde ich einen Buchhaltungskurs bei jemanden buchen, der von Zahlen keine Ahnung hat? Würde ich mich bei jemandem für eine Massageausbildung anmelden, der nichts von Anatomie versteht? Wür­de ich etwas über Liebe von jemanden lernen wollen, der keine lang­fris­tige Liebesbeziehung zustande bringt?
Bei den ersten beiden scheint die Antwort klar, bei der letzten Frage wird es bereits komplexer. Sobald wir uns in das Feld wachstums­orientierter Gruppen hineinbegeben ist es nicht mehr so leicht festzustellen, welche Qualifikation jemand dafür hat und welche Qualifika­tion dafür erforderlich ist.
Dass Wissen und Erfahrung für einen Gruppenleiter hilfreich sind ist klar. Sonst bräuchte es auch keine Ausbildungen. Allerdings lege ich großen Wert darauf, dass die Schüler in der Ausbildung nicht zu sehr an Gelerntem festhalten, sondern mehr und mehr dem vertrauen, was weder gelernt werden kann noch gelernt werden braucht: das unmittelbare Dasein. Was heißt das?
Die meisten Leserinnen und Leser, die schon einmal an Selbsterfahrungs- oder Therapiegruppen teilgenommen haben, kennen den Unterschied: bei dem einen Leiter fühlst du dich sogleich - oder zumindest nach der anfänglichen Unsicherheit - wohl, frei, heimatlich, angenommen, inspiriert oder sonstwie erwartungsfroh. Bei jemand anderem spannst du dich an, kämpfst, fühlst dich nicht ge­sehen oder ziehst dich zu­rück. Anfangs glauben wir, es liegt hauptsächlich am Leiter oder der Leiterin. Mit zunehmender Erfahrung relativiert sich diese Einschätzung und wir erkennen, dass wir unterschiedliche Aspekte unserer Elternerfahrung auf die Leitung projizieren. Es ist deswegen ein gutes Zeichen, wenn du beide Seiten auf ein und dieselbe Person projizieren kannst. Das ist ein Zeichen, dass die Spaltung anfängt zu heilen. Es kann deswegen nicht mein Ziel als Leiter sein, nur die positiven Projektionen auf mich zu ziehen. Im Gegenteil, die ersten Krisen in einer Gruppe zeigen an, dass es nun tiefer gehen kann.
Es gibt jedoch eine andere Art von „Wohlfühlen”, das sich in einer Gruppe einfinden kann und das weit unterhalb der mehr oder weniger hohen Wellen der Emotionen liegt. Ich habe es vor allem bei meinem Lehrer Alan Lowen kennengelernt, und wir haben es dort oft die „Art of Being - Luft” genannt. Ich fand durchaus nicht alles toll, was Alan gemacht hat. Entscheidend war für mich aber, dass ich einen Raum vorgefunden habe, in dem ich SEIN konnte. Es war anfangs nur eine diffuse Ahnung, was das heißt, und diese diffuse Ahnung hat sich zu einem sich offenbarendem Nicht-Wissen entwickelt. Eines der Seins-Merkmale ist ihre paradoxe Qualität, und einer unserer Assistenten hat es einmal treffend „Paradoxose” genannt.
Als ich Alan Lowen vor ca. zehn Jahren traf leitete ich be­reits Gruppen und Workshops. Ich befand mich parallel dazu in einer körpertherapeutischen Fortbildung bei einem Lehrer, der uns unterschwellig suggerierte, dass alles lernbar und jede therapeutische Situation korrekt handzuhaben sei. Die Folge von seinem Perfektionismus war eine sehr tiefliegende Anspannung in der Gruppe. Es war nicht wirklich okay, Fehler zu machen. Diese Anspannung – oder genauer gesagt Angst-Spannung - war in der Gruppe nicht thematisierbar, sie gehörte zum heimlichen Fundament unseres Zusammenseins.
Im Kontrast dazu erlebte ich besonders deutlich, dass meine Seele im „Art of Being Raum” aufatmete. Ich ging hier wie dort durch schmerzhafte wie freudvolle Prozesse. Irgend etwas in mir spürte jedoch sehr deutlich, dass ich hier nicht erst etwas tun muss, um sozusagen mein Dasein zu rechtfertigen, und dass ich auf dieser Grundlage plötzlich viele Dinge tun konnte, vor denen ich früher zu viel Angst gehabt hätte: es durfte auch schief gehen!
Im Being with People Training leiten oft die Teilnehmer/ innen eine Gruppensession, mit anschließendem Feed­back und Supervision. Dabei finde ich es immer wieder beeindruckend, was passiert, wenn „grobe Fehler” gemacht werden. Dabei kommen Gruppenprozesse in Gang, die ihre eigene Dynamik und auch eine Art Weisheit entfalten, die sich niemand hätte ausdenken können. Entscheidend ist allerdings die Bereitschaft aller Beteiligten, wirklich DA zu sein. Eine herausragende Gruppensession kam z.B. durch eine Übung zustande, in der reihum immer wieder jemand anders die Gruppe leitete, in bestmöglicher Kontinuität zu dem, was die vorherige Leitung getan hatte und wo die Gruppe gerade stand. Eine Vorbereitung war nicht möglich, da ich wie aus heiterem Himmel jeweils ei­nen Namen rief, und die genannte Person war für fünf oder zehn Minuten die Leiterin, bis ich einen neuen Na­men rief. Ich glaube selten wurden in so kurzer Zeit so viele Fehler gemacht. Und all den dadurch provozierten Turbulenzen zum Trotz – oder vielleicht gerade deswegen? - wurde die einer Gruppen­dynamik innewohnende Weis­­heit und Selbstregulation so sichtbar wie selten. Beim Leiten aus dem Nichtwissen nutzen wir diese Dynamik, anstatt sie durch Interventionen aus unserem angelernten Wissen schachmatt zu setzen. „To make people happen is hard work, to let people happen is fun” (Alan Lowen) ist ein schöner Wegweiser, um in diese Art Gruppenökologie hineinzufinden.
In einer anderen Ausbildungssequenz – es ging um das Thema „Was kann ich mir als Gruppenleiter erlauben?” – gab ich die Aufgabe, vor der Gruppe zu stehen und etwas zu tun, was ich als Gruppenleiter niemals tun würde. Dann kamen Äußerungen zustande wie „Ich habe heute keine Lust auf Euch, hoffentlich ist es bald vorbei!” oder „Mit Dir möchte nach der Gruppensession ins Bett gehen!” oder „Schaut mich nicht so blöd an, was wollt ihr schon wieder von mir!”, also echte Knaller in der Rolle eines Leiters. Ausnahmslos alle waren überrascht, wieviel Lebendigkeit in diesen Tabuzonen des Leitens steckt. Mit unserem Wissen, was ich als Leiter darf oder nicht darf blockieren wie also möglicherweise unser unmittelbares Dasein. Die Lösung besteht sicher nicht darin, diese Ausbildungsaufgabe in anderen Gruppen eins zu eins umzusetzen. Wir können aber der Spur der Lebendigkeit folgen, die wir in der Tabuzone aufgespürt haben und die uns direkt in das Land der Ungewissheit führt.
Die wesentlichen Heilungsprozesse kann niemand tun, auch nicht der genialste Gruppenleiter oder Therapeut. Bei all dem positiven Feedback, das wir mit unserer Arbeit bekommen, ist mir meistens klar, dass das Entscheidende nicht unser Wissen, nicht unsere persönliche Ausstrahlung, nicht unsere therapeutische Qualifikation und auch kein anderer Aspekt unserer Persönlichkeit ist, sondern das Vertrauen in und die Einladung an etwas, was über uns hinaus geht. Die wirklich beglückenden, magischen, wegweisenden und grenzüberschreitenden Erfahrungen geschehen dann, wenn Nicht-Wissen im Spiel ist. Wir konnten es unzählige Male beobachten, bei unseren Teilnehmern und auch bei uns selbst. Inzwischen weiß ich, dass die besten Gruppensituationen dann entstehen, wenn ich in den Gruppenraum komme und erstmal keine Idee habe, was ich als Nächstes tun soll. Unsere Teilnehmer/innen behellige ich damit meistens nicht. Die meisten kommen mit der Vorstellung: „Du hast mehr Erfahrung als ich, also zeige mir, wie es geht”. Bis zu einem gewissen Grade bedienen wir diese Erwartung, und geben gleichzeitig unterschwellig der Magie des Seins Zeit, ihr Werk zu tun. Je länger eine Gruppe auf solche Weise zusammen ist, desto mehr trauen sich die Teilnehmer/innen mit ihrer Wahrheit heraus. Die Herausforderung ist dann, mit unserem Wissen und Handeln nicht den unmittelbaren Geschehnissen im Weg zu stehen. Sein ist alles andere als passiv und schon gar nicht langweilig, wie man das vielleicht missverstehen könnte. Es ist alles: es ist still und dynamisch, lustvoll und schmerz­haft, kreativ und rezeptiv, es ist lebendig.
Wenn nun also dem Nicht-Wissen die entscheidende Rolle beim Gruppen leiten zukommt, was gilt es dann für angehende Gruppenleiter überhaupt zu lernen? Sollten sie nicht jede Ausbildung meiden, um sich nicht mit Wissen zu vergiften? Da sind wir wieder beim Paradox: Gruppen aus der Haltung des Nicht Wissens heraus zu leiten ist lernbar. Ich habe es bei mir selbst gesehen, und ich sehe es bei unseren derzeitigen Trainingsteilnehmern. Es geht auch nicht darum, in den seligen Zustand einer „dummen Kuh“ zurückzukehren: auch das ist es nicht! Ich sehe es eher so: wir lernen, wir machen Erfahrungen, wir reifen, wir wissen immer mehr, wir wenden unser Wissen an, um uns dann von dort aus in den Raum des Nicht Wissens fallen zu lassen. Es ist wie der Sprung vom Sprungturm. Je höher wir die Erfahrungsleiter erklimmen desto größer ist der mögliche Sprung ins Ungewisse. Das ist Chance und Herausforderung zugleich. Der Anfänger hat gar keine andere Chance, als zuweilen nicht zu wissen, was er tut. Das macht den Charme von Anfängergruppen aus. Die erfahrene Leiterin kann sich allzu leicht auf das bereits Erfahrene zurückziehen, und die Gruppen können dann mit zunehmender Kompetenz ihre Magie verlieren.
Es braucht also Mut, sich auch nach langjähriger Erfahrung immer wieder auf das Ungewisse einzulassen. Diesen Mut zu finden und zu stärken ist eines meiner Hauptanliegen in der Ausbildung, für die Teilnehmer/innen wie auch für mich selbst. Ganz bewusst erschaffe ich mir dort auch selbst Situationen, die Risiken beinhalten, und ermögliche so erst die Erfahrung, dass Sicherheit jenseits unserer Kontrolle liegt und dass das Sein uns trägt.
„Ich lege mich jetzt hier in die Mitte auf eine Matte und wünsche mir von allen, die dazu bereit sind, liebevoll berührt zu werden. Nach zehn Minuten gebt mir bitte Bescheid.” Mit diesen Worten begann ich – ohne weitere Vorwarnung – eines Tages eine Ausbildungssession. Das mag für andere Gruppenleiter eine leichte Übung sein, für mich war es ein Sprung mitten hinein in das Risiko, mich unmittelbar und ohne Vorbereitung in meiner Bedürftigkeit zu zeigen. Ohne die bewusste Bereitschaft, mich auf Ungewissheit einzulassen, hätte ich mich das nie getraut. Und es war sicher eine Hilfe, dass es sich um eine Ausbildungsgruppe handelte, denn was auch immer „schiefgehen” sollte würde wertvolles Lernmaterial sein. Ich wurde weit liebevoller berührt als ich es mir hätte vorstellen können und die Gruppe empfand diese meine „Dreistigkeit” sogar als Geschenk! Dieselbe Ak­tion könnte unter anderen Umständen auch eine völlig andere Bedeutung haben und ist deswegen nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen. In meiner Erfahrung ging es darum, als Leiter mein persönliches Risiko und meine Ungewissheit zu spü­ren und beide wohldosiert in die Leitung der Gruppe einfliessen zu lassen. Die Belohnung dafür erfolgt natürlich nicht immer in Form von liebevoller Berührung (wo wäre dann das Risiko?), aber sehr oft in Form von wachsendem Engagement und steigender Lebendigkeit aller Beteiligten.
Es gibt Grundbedingungen und Wegweiser, die das Leiten aus dem Nicht Wissen heraus ermöglichen oder zumindest erleichtern. Einige möchte ich hier besonders hervorheben:
Der Umgang mit dem eigenen Körper und den Gefühlen. Es gibt viele Esoterikseminare und Psychotrainings, die sich um diesen Punkt herum drücken. Wir können mit Techniken wie Affirmationen, Visualisierungen u.ä. zwar einiges im Leben verändern, aber wir müssen dann dafür sorgen, dass unsere Bewusstheit, mit der wir diese Techniken anwenden, die Oberhand gegenüber unseren dunklen und verdrängten Seiten behält, und vertiefen damit oft noch die innere Spaltung. Vieles was als Transformation verkauft wird ist nicht viel mehr als Verdrängung im Esoterikgewand. Sich in die Tiefen des Körpererlebens und die Ungezähmtheit unserer Gefühle hineinbegeben zu können, die auftauchenden Empfindungen wahrzunehmen und bereit zu sein, sie alle so wie sie sind zu umarmen ist eine der besten Voraussetzungen, um aus dem Nichtwissen heraus mit Menschen zusammen zu sein.
Verantwortung übernehmen. Mit zunehmendem Kontakt zu unseren Gefühlen werden oft kindliche Reaktionsmuster reaktiviert, mit denen wir gelernt haben Schmerz zu vermeiden und unsere Umwelt zu manipulieren. Die Verantwortung für mich und mein Erleben zu mir zurücknehmen zu können und die Verantwortung für ihr Erleben anderen zu überlassen, ohne mich dann davon abschneiden oder immerfort zu Hilfe eilen zu müssen, ist ein Prozess, in dem wir immer tiefere Ebenen unseres Seins zurückgewinnen und unser Vertrauen in das pure Dasein vertiefen können.
Resonanzen erkennen. Erfolg und Misserfolg sind unsere treuen Begleiter, sobald wir etwas in dieser Welt erschaffen wollen. Sie sind wertvolle Resonanz auf mein inneres Befinden. Wenn ich nur auf Erfolg aus bin und die Erfahrung eines Misserfolges nicht wirklich zulasse, dann verpasse ich die Wegweiser zu meinen blinden Flecken. Eine der für mich beeindruckendsten Erfahrungen in der laufenden Ausbildung ist es, im welchem Ausmaß der Erfolg oder Misserfolg der angehenden GruppenleiterInnen auf dem „freien Markt” ein Spiegel für die jeweilige Persönlichkeit ist. Und es ist befreiend, sich den eigentlichen „Ur-Sachen” zuzuwenden anstatt sich in - durchaus wichtigen - Marketing­strategien oder dem Jammern über den Konkurrenzdruck im Psychomarkt zu verlieren.
Fehler machen. Leiten aus dem Nicht-Wissen heißt auch bereit zu sein, Fehler zu machen, sich von den Konsequenzen der Fehler berühren zu lassen, sich mit Fehlern zu zeigen und aus Fehlern zu lernen, um dann möglicherweise wieder neue Fehler machen zu können. Am Ende einer meiner Ausbildungen bekam ich zu hören, ich können das alles recht gut, ich müsse nur noch lernen, Fehler zu machen. An diesem Koan habe ich lange gekaut, und ich ehre ihn als einen Schatz. Die ers­ten drei Punkte Fühlen und Annehmen, Verantwortung übernehmen und die Resonanz auf meine Handeln anerkennen und an mich heranlassen helfen enorm dabei, aus Fehlern – und dem Fehlen von Fehlern –zu lernen.
Die Balance von Sicherheit und Herausforderung. Den meisten Spaß und die zugleich auch größte Herausforderung beim Gruppenleiten nenne ich „hoch am Wind segeln”. Dabei bewege ich mich entlang meiner eigenen Herausforderungen, ohne dabei meine mögliche Überforderungen und Begrenzungen zu leugnen: niemand segelt gegen den Wind! Es ist natürlich okay, auch mal quer zum Wind oder mit Rückenwind zu segeln oder sich in Flauten treiben zu lassen. In einer Flaute kann nicht soviel passieren und wir können eher loslassen. Ohne sie wäre es auf die Dauer ziemlich anstrengend. Aber „am Wind”, das heißt mit dem Gespür für ein verkraftbares Maß an Risiko, entsteht eine sehr starke Resonanz mit der Gruppe und dem Gruppenprozess. Um so stärker diese Resonanz ist, desto mehr kann ich mich auch in bewegten Zeiten dem Nicht-Wissen überlassen.
Gruppen zu Leiten aus dem Nicht-Wissen ist ein Abenteuer für alle Beteiligten, ein Abenteuer, wie die meisten Menschen es in Zeiten der Rundum-Sorglos-Versicherungen kaum noch einzugehen vermögen und es zugleich massenweise im Fernsehen, im Kino oder in Harry Potter Büchern sehnsüchtig mitverfolgen.
Ich propagiere hier sicher keine Augen-zu-und-durch-und-alles-wird-schon-okay-sein-Gruppenleiter-Haltung, wie dies früher in manchen Encountergruppen vielleicht üblich war. Natürlich trage ich als Gruppenleiter Verantwortung für die Gruppen, die ich leite. Verantwortung ist jedoch etwas anderes als Kontrolle.
Kontrolle wird meistens aus vermeintlichem Besserwissen geboren und begrenzt die Bereitschaft, andere ihre eigene Wahrheit entdecken zu lassen und dadurch einen Raum zu schaffen, der größer ist als die eigene Persönlichkeit. Für Buchhaltungskurse mag das kaum Bedeutung haben, für Massagekurse schon eher und ganz sicher wenn Menschen zusammen kommen, um persönlich zu wachsen, zu reifen, zu heilen oder zu erwachen. Immer mehr Menschen tragen diese Seins-Haltung in ganz unterschiedliche Felder und Berufe hinein: Lehrerinnen, Kindergärtner, Unternehmensberater, Ärzte und Heilpraktiker, Sozialpädagogen, Psychotherapeutinnen, Seminarleiter. Es macht oft noch Mühe, die bezaubernde Qualität der Ungewissheit menschlichen Zusammenseins auch im beruflichen Feld anzuerkennen und ihr den gebührenden Platz zu geben. Du kannst es selbst beobachten, wenn du das nächste mal an einem Seminar teilnimmst und der Leiter oder die Leiterin Schwächen zeigt oder nicht alles unter Kontrolle hat. Würdest du das anerkennen?
Längst haben wir gehört und gelesen, dass die Wissenschaft ihre eigene Begrenzung anerkennen muss und über ihre Subjektivität nicht wirklich hinaus gelangen kann. Diese Erkenntnis ist in unserem Alltagsbewusstsein oft noch nicht angekommen, und nicht zuletzt im Esoterikmarkt steht die Anerkennung der eigenen persönlichen Begrenzungen nicht allzuhoch im Kurs. Ich wünsche mir mehr und mehr Menschen die sich trauen, das Land jenseits unseres Wissens zu entdecken. Kühne Pioniere, die uns aus diesem Land berichten, nennen es Liebe.
Saleem Matthias Riek ist Tantralehrer im Rahmen des The Art of Being Instituts, Autor des Buches „Herzenslust - Lieben Ler­nen und die tantrische Kunst des Seins” (Aurum Verlag) und liebt es, immer wieder neue Wege zu finden, die das Zusammensein mit Menschen herausfordernd und erfüllend sein lassen. Ÿ

 

Wendezeit 1/01 

Osho's Erbe

Warum nicht mit dem Ego spielen?

Saleem Matthias Riek

Osho, der vielleicht berühmteste indische Mystiker und Tantrameister hat nach seinem Tod 1990 eine bunte Schar von spirituell orientierten Frauen und Männern hinterlassen, die weite Teile der Esoterikszene beeinflussen, insbesondere Tantraschulen. Zuletzt behauptete Osho (früher bekannt als Bhaghwan Shree Rajneesh), er lebe nach dem Verlassen seines physischen Körpers in uns weiter, und auf diese These berufen sich viele seiner Anhänger. Wenn dem so ist, dann scheint der gute Osho eine ganze Menge innerer Konflikte gehabt zu haben, die jetzt allerorten zu Tage treten. Blasphemie? Kann es im Tantra überhaupt Blasphemie geben? Alles ist göttlich!

Ich verstehe mich selbst als Sannyasin (was soviel bedeutet wie „auf dem spirituellen Weg"; Osho nannte seine Schüler Sannyasins), oft allerdings in erstaunlich kritischer Distanz zu dem, was andere Schüler von Osho verbreiten. Es gibt nämlich nicht Weniges in der Osho-Szene, was mir geradezu wie eine unfreiwillige Karikatur spiritueller Suche erscheint. Die Betonung liegt dabei auf unfreiwillig. Diese Unfreiwilligkeit scheint mir ihre Wurzeln dort zu haben, wo wir uns ein ums andere Mal von unserem Ego ins Bockshorn jagen lassen und uns darum streiten, was denn nun erleuchteter, bewusster, spirituell reifer oder oshogemäßer sei. Solange wir uns nicht mit dem Ego anfreunden, hat es leichtes Spiel. Einige durchaus amüsante, aber auch schockierende Beispiele möchte ich hier beschreiben. Und Konsequenzen daraus ziehen: wenn das Ego schon mit uns spielt, warum spielen wir dann nicht mit dem Ego, anstatt in spiritueller Besserwisserei zu vertrocknen?

Das Thema Aids

Es gibt kaum ein Thema, bei dem die Szene paranoider und dogmatischer agiert als beim Thema Aids. In einer Einzelsession in Poona (dort liegt Hauptsitz der Osho Commune) verriet ich meiner Therapeutin, dass ich vor Jahren mal einen grenzwertigen Aidstest gehabt hatte, und ich arbeitete mit ihr an den Resten meiner damaligen Panik, die in der Sitzung noch einmal hochkam. Ich sagte ihr auch, dass die Tests seither wieder klar negativ gewesen seien (eigentlich ja klar, sonst wäre ich ja gar nicht in den Ashram reingekommen!). Am nächsten Tag las ich am Eingang des Ashrams - für Tausende Besucher sichtbar - eine Notiz, ich solle mich bitte dringend beim Gesundheitsoffice melden. Ich bekam einen Riesenschreck. Ich dachte zunächst, dass Nutan, meiner Liebsten, etwas passiert sein müsse. Weitere Horrorszenarien gingen durch meinen Kopf, was so dringend sein könnte, mich auf diese Weise ausrufen zu lassen. Im Health-Departement wurde ich dann damit konfrontiert, dass ich „einen positiven Aidstest verschwiegen" hätte. Der Sachverhalt selbst war schnell klargestellt und von weiteren Sanktionen wurde abgesehen. Ich war dennoch fassungslos, vor allem darüber, dass die Therapeutin mich hinter meinem Rücken und dann noch unzutreffend denunziert hatte. Einen krasser Vertrauensbruch, der mich um so mehr schockierte, weil es kein individuelles „Vergehen" der Therapeutin war, sondern von der Commune-Bürokratie unterstützt wurde.

Was dieser zunächst so unerfreulichen Begebenheit ein ganz andere Wendung verlieh war mein innerer Prozess. Ich nahm nämlich gerade an einer Therapiegruppe teil, und mein Thema dort war Vertrauen! Nachdem ersten Schock wachte ich plötzlich auf: „Hey, das passt ja wirklich wie die Faust aufs Auge. Ich arbeite an meinem Mangel an Vertrauen, und dann passiert mir sowas!" Paradoxerweise gab mir diese Erkenntnis ein Vertrauen, das viel tiefer reichte als es mein Vertrauen zu einer Therapeutin jemals könnte: ein Vertrauen in die Existenz, in der nichts unabhängig voneinander existiert, sondern alles miteinander verbunden ist und alles, was mir widerfährt, mein Spiegel.

Derartige Wendungen habe ich schon oft erlebt, aber der Ashram in Poona scheint ein Platz zu sein, der solcherart Synchronizität besonders eindrücklich zum Vorschein bringt. Wir sind alle miteinander verbunden. Alle unsere Egospiele können daran nichts ändern. Ist dies die Botschaft von Osho?

Trank er oder trank er nicht?

Es ist schon eine Komödie, wie manche von Osho's Schülern zu Pharisäern werden, ausgerechnet Schüler von Osho, der kaum etwas mehr aufs Korn genommen hat als Pharisäertum! Als ich im Fotodepartement des Ashrams ein Foto des Meisters bestellen wollte, auf dem er mit einem Weinglas zu sehen ist, wurde mir erklärt, dieses Foto werde nicht mehr herausgegeben. Osho habe nie Wein getrunken, und er habe sich zu dieser Fotosession unwillig breitschlagen lassen. Es erwecke ein ganz falsches Bild von ihm, deswegen könne ich es nicht mehr bekommen. Was für ein Witz! Oshos posthume Sachwalter sind um den seriösen Ruf ihres Meisters bemüht, der zu Lebzeiten alles tat, um seinen Ruf in der Öffentlichkeit zu ruinieren! Und obendrein noch die Unterstellung, Osho habe zu solch unflätigen Fotos mit einem Weinglas nicht nein sagen können.

Ich merke, ich könnte mich anhand solcher Begebenheiten auch in Rage schreiben. „Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen!" möchte ich der Frau zurufen, die sich im Osho Bookshop weigert, mir ein Buch umzutauschen, und mir statt dessen ein Zitat von Osho unter die Nase reibt, um mir zu beweisen, dass ein Buch doppelt zu besitzen mein spirituelles Wachstum durchaus voranbringen kann: weil ich es dann vielleicht noch einmal lese! Auch das ein Spiegel. Für meine Engstirnigkeit, Besserwisserei und Autoritätsgläubigkeit. Für meine Allmachtsphantasien, meinen rebellischen Geist und frühkindliche Erlösungshoffnungen: wenn ich alles recht mache, komme ich doch sicher in den Himmel, oder? Sag ja, Osho! (Er grinst nur sein breitestes Grinsen.) „Ich soll 'ich selbst sein' und Dir nichts nachbeten? O.K., ich gebe mein Bestes!" Ich gehöre wohl doch zum Club. Widerwillig muss ich es eingestehen.

Keine Liebe auf den ersten Blick

Ich selbst habe Osho nie persönlich kennengelernt, sein Einfluss begann mich jedoch schon Ende der siebziger Jahre zu erreichen, um dann wieder für ein Jahrzehnt unter der Oberfläche meines Bewusstseins zu verschwinden

Bei mir war es keine Liebe auf den ersten Blick. Als ich 1994 zum ersten Mal in Poona seinen Diskursen von der Videoleinwand lauschte, warfen seine Reden mich in ein Wechselbad der Gefühle. Manchmal kam ich tief berührt und erfüllt aus der Lecture, und andere Male war ich wütend und aufgebracht über so viel Unsinn, den er da erzählte und den Tausende der schweigend lauschenden Jünger zu schlucken schienen: „Gentechnik ist toll" oder „Homosexualität ist unnatürlich" waren solche Reizthemen für mich. Meinen Ärger darüber in Poona offen auszusprechen ließ ich schnell bleiben. Ich wurde meistens mit einem belehrenden Spruch oder einem mitleidigen Lächeln bedacht.

Solcherart Konformität war mir in der Osho Commune schon immer ein Greuel. Aber ich ließ mich nicht davon abhalten, näher hinzuschauen, was da alles in mir berührt wurde. Sannyas nehmen war anfangs noch kein Thema für mich, obwohl ich auch diese meine Verbocktheit immer wieder gespiegelt bekam. „Sannyas nehmen kann man nicht machen, das geschieht einem - wenn man Glück hat", wurde mir freundlich beschieden. Auch dieser Spruch brachte mich auf die Palme. Bis es mir selbst geschah.

Während mehrerer Wochen hatte ich an einer äußerst erschöpfenden Therapiegruppe teilgenommen und hatte während der abendlichen Diskurse von Osho geschlummert, so dachte ich zumindest. Auffällig war nur, dass ich am Ende des Videos immer auf den Punkt hellwach war, überhaupt nicht so, als hätte ich geschlafen. In diesen Wochen hat er mich anscheinend erwischt. Im Nachhinein betrachtet war ich wohl eher in einer Trance gewesen als im Schlaf, mein kritischer Verstand war ausgeschaltet, so dass etwas Tieferes mich berühren konnte. Ich wusste kaum, wie mir geschah. Als ich im Initiation-Office saß und mein Anliegen, Sannyas zu nehmen, vortrug, brach ein Schwall Tränen aus mir heraus, worauf meine Interviewerin treffend bemerkte, das sei wohl überfällig. Kurze Zeit später hieß ich also Saleem. Ich liebe diesen Namen und er verbindet mich mit meiner tiefsten Sehnsucht, der Sehnsucht nach meiner inneren Stille.

Sannyasin zu sein bedeutet für mich vor allem, mich immer wieder an diese Sehnsucht zu erinnern, ihr Raum und Nahrung zu geben. Wenn ich die heutigen Blüten der Sannyas-Szene wie z.B. die Debatten über Osho als eingetragenes Markenzeichen oder über die Osho-Treue oder Untreue der neuen Erleuchteten und ihrer Schüler/innen verfolge, dann reagiere ich zunächst nur mit Kopfschütteln. Das darf doch nicht wahr sein! Es bringt mein Ego in Wallung, wenn ich den Machtkampf um Marktanteile spüre. Manchmal könnte ich mich auch darüber totlachen, z.B. wenn ich in einem Osho-Center Osho's Robe wie ein Reliquie aufgebahrt sehe und Sannyasins flüsternd von der enormen Energie faseln höre, die ihr entströmt. Nein, diese Art Heiligkeit geht mir nach wie vor entschieden ab. Aber dann wird mir doch wieder bewusst, dass meine persönlichen Reaktionsweisen auch nicht weniger egobehaftet sind. Aber warum müssen wir denn so tun, als wäre dem nicht so?

Die Inquisition des Ego

Jetzt muss ich wohl aufpassen, was ich sage, denn in der Inquisition des Ego kann alles gegen mich verwendet werden. Bei manchem Zeitgenossen habe ich mich als spiritueller Mensch schon disqualifiziert, ehe ich ihm oder ihr habe in die Augen schauen dürfen. Und so einer wie ich ist dann auch noch Tantralehrer...

Bei den sogenannten Neuerleuchteten sieht es mit dem Ego nicht anders aus. Was soll ich von einem Satsanglehrer halten, der kämpferische Äußerungen gegen die Osho-Commune als einen Akt des Mitleids ausgibt. Was von einem anderen Meister, der in einem Satsang plötzlich harsch kritisiert wird und seine durchaus ahnbare Betroffenheit zu verbergen und sich subtil zu rechtfertigen sucht?

Um es klar zu machen: so menschliche Reaktionen sind mir durchaus sympathisch, weil ich es mitfühlen kann. Aber es sind Betroffenheiten des Ego, so wie du und ich sie doch auch kennen, oder nicht? Warum also das Ego-Versteckspiel? Es kommt mir gerade so vor wie bei einem Kind, das sich die Augen zu hält und glaubt, nicht mehr gesehen zu werden. Was soll ich davon halten, wenn Satsang mehr und mehr vermarktet wird. Haben Erleuchtete es nötig, auf diese Art zu missionieren? Oder ist es gar ihre spirituelle Pflicht? Die mich beunruhigende und doch zugleich amüsante Frage ist an dieser Stelle: „Wer durchschaut hier eigentlich wen?"

Auch in der Satsangszene also dasselbe Spiel, und bestimmt nicht nur da. Die ganze Esoterikszene ist voll des Versuchs, die kleinen Gelüste des Ego zu ummanteln und als etwas Höheres auszugeben. Das Ego schleicht sich ein, ohne dass wir es so recht wahrhaben wollen. Das wird auch so bleiben, solange wir mit dem Ego auf Kriegsfuß stehen. Dann operiert es nämlich aus dem Verborgenen, und es erwischt uns dort, wo wir es am wenigsten sehen wollen: in unserem spirituellen Selbstbild.

Sich nicht in die Karten schauen lassen

In diesem Geist verläuft die Debatte über Osho's Erbe. Es scheint, dass sich niemand so gerne in die Karten schauen lässt. Dass es bei der Auseinandersetzung um das Copyright von Osho um die Ebene des Ego und der Dualität geht, ist so offensichtlich, dass es schon lächerlich anmutet, wie die Osho Commune ihren meist recht erfolgreichen Kampf um Marktanteile mit spirituellem Vokabular und Osho's Zitaten führt, vor allem wenn man bedenkt, dass Osho gnadenlos Therapieformen aus aller Welt kopieren oder variieren ließ, ohne sich auch nur um Haaresbreite um Copyrights zu scheren. In Amerika hat es nun ein Gericht als nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar jedes Copyright auf den Namen Osho verworfen. Nicht weniger scheinheilig erscheinen mir aber die Kontrahenten in diesem Kampf, deren Ego ob solcher Groteske verständlicher Weise in Wallung gerät, die dies aber zuweilen mit dem Mantel selbstlosen spirituellen Zorns oder mit noch treffenderen Osho-Zitaten zu verbergen suchen.

Ich fühle die Versuchung in mir aufkeimen, ebenfalls die passenden Osho-Zitate herauszusuchen, um meine Thesen zu untermauern, doch gerade rechtzeitig fällt mir noch ein, wie albern ich diese Debatten um und in Oshos Namen immer wieder finde. Oshos Reden sind für fast jede nur denkbare These ein reichhaltiger Zitatenfundus, und ganz sicher immer auch für die Gegenthese.

Zu behaupten, das Phänomen Osho begriffen zu haben, wäre mit anmaßender Selbstüberschätzung noch gelinde beschrieben. Im Vergleich dazu sind die Auseinandersetzungen unter uns Erben fast allzu leicht begreifbar, weil allzumenschlich.

Wir bleiben auf uns selbst zurückgeworfen und auf die simple Tatsache, dass wir alle auch von egoistischen Motiven getrieben werden. Und ich wage zu behaupten: auch Osho war davor nicht gefeit. Im Gegenteil, kaum einer hat virtuoser oder mit mehr Inbrunst auf dem Klavier des Ego gespielt als er.

Die Gunst der Anhänger genossen

Glaubt jemand allen Ernstes, Osho habe die Zuwendung von Millionen von Anhängern nicht auch ganz persönlich genossen? Er habe alle die Trips mit den Rolex-Uhren und Rolls-Royces nur ausgespielt, um uns die Knöpfe zu drücken? Er habe die totalitäre Ranch in Oregon von Anfang an so geplant, um uns ein lebendiges Lehrstück in Faschismus zu präsentieren? Ich glaube das nicht, und ich fände es auch zynisch, wenn es so gewesen wäre. Ich glaube, Osho war genauso ein Mensch wie Du und ich, mit einem Ego wie Du und ich, einzigartig wie Du und ich. Wobei seine Einzigartigkeit allerdings besonders auffällig war. Und er schien Spaß mit seinen Egospielen zu haben. Er hat die ganze Welt provoziert. Er hatte den Mut, anderen auf den Schlips zu treten und heilige Kühe schlicht als Kühe zu betrachten. Und das heißt vor allem, dass er die Spiele gespielt hat und nicht die Spiele ihn. Er konnte sie auch sein lassen.

Was ihn möglicherweise am meisten unterschied war sein Bewusstsein darüber, dass ihn eigentlich nichts von uns unterscheidet, dass ihn nichts von uns trennt, und er liebte derartige Koans. Womit ich dann doch der Versuchung unterlegen wäre, meine Sicht von Osho in die Debatte zu werfen.

Ich stelle mir gerade vor, wie befreiend es wäre, wenn wir alle, die wir auf dem spirituellen Weg sind, mit dem Versteckspielen aufhören könnten. Wenn wir uns selbst und einander die Blüten unseres Ego unverblümt eingestehen könnten. Ja, das Ego ist nicht die wache Wahrheit, aber warum sollten wir uns nicht unsere Träume erzählen? Warum so tun, als wären wir traumlos wach oder wunschlos glücklich? Macht uns der Kampf gegen den Schlaf nicht vielleicht müder und damit schläfriger, als wenn wir uns zuweilen hemmungslos dem Schlaf des Vergessens hingeben, um dann erfrischt wieder „aufzuwachen"?

Wer will sich da zum Hüter der Wahrheit aufschwingen? Wer will entscheiden, was im Sinne Osho's ist und was nicht? Und warum überhaupt? Die Leitungscrew in Poona, obwohl offiziell nur für die Organisation zuständig, scheint sich da doch sehr wichtig zu nehmen. Dissidenten unerwünscht.

Auf einem Pinboard im Ashram von Poona wurden neue Redaktionsmitarbeiter der Osho Times gesucht. Neugierig ging ich zu einem Treffen im Boddhidharma Teagarden, der Teestube im Ashram. Als ich anbot, sehr persönlich über meinen Weg zu Sannyas zu schreiben, stieß das auf große Gegenliebe. Als ich allerdings andeutete, wie sehr ich manchmal mit Oshos Äußerungen im Clinch lag und dass ich durchaus nicht jede seiner Thesen, die er irgendwann mal geäußert hatte, voll unterschreiben würde, sondern dass ich seine Botschaft vor allem jenseits seiner Worte verstanden hätte, da erntete ich Stirnrunzeln und mir wurde vorsichtig aber bestimmt erklärt, dass die Osho Times nicht das geeignete Medium wäre, um Osho anzuzweifeln.

Ich glaube wir kommen früher oder später um die Erkenntnis nicht herum, dass uns die Verantwortung für unser Leben niemand abnehmen kann, kein Satsanglehrer, kein Osho, keine Commune. Wir kommen alle aus derselben Quelle, wir fließen alle in dasselbe Meer, und doch sind wir auf dem Weg dorthin in eine individuelle Existenzform eingebunden. Wir identifizieren uns mit einem Ego, wir leben mit der Illusion einer getrennten Existenz. Wer das nicht kann, wird psychisch krank und in dieser Welt kaum lebensfähig. Wer das allerdings für die letzte Wahrheit hält, schließt sich selbst aus von der grenzenlosen Erfahrung, nach der uns allen dürstet. Ich erlebe diese Erfahrung als Liebe und Stille.

Wenn wir von dort aus die Eskapaden unserer Egos betrachten: sind sie nicht durchaus amüsant? In ihrer Trotteligkeit, Verbohrtheit, Ahnungslosigkeit genauso wie in ihrer Raffinesse, Zielstrebigkeit und ihrem großen Wissensschatz durchaus liebenswert. Wenn wir dagegen zu Felde ziehen, sei es gegen uns selbst oder gegen den Ego-Splitter im Auge des Nächsten: könnte es sein, dass wir gerade wieder den Balken vor unser eigenes Auge geschoben haben? Lasst uns mit den Balken spielen, wie wir es als Kinder mit Bauklötzen getan haben. Dafür müssen wir sie allerdings bewusst zur Kenntnis nehmen. Es sind nur Bauklötze, nicht mehr und nicht weniger.

Ich wünsche mir einen öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb, in dem prämiert wird, wer Osho am besten mit seinen eigenen Zitaten widerlegen kann. Ich wünsche mir ein Gipfeltreffen aller Neuerleuchteten am ersten Karneval des nächsten Jahrtausends. Alle spielen vermummt und kostümiert blinde Kuh und erkennen sich an ihrer Energie. Bist Du es Swami Anand ... ?

Wenn wir so miteinander und unserer Erleuchtung spielen können, dann möchte ich auch erleuchtet sein, und keinen Tag früher! Dann brauche ich mir nämlich um einen Rückfall keine ernsten Sorgen zu machen. Bis dahin spiele ich lieber unerleuchtet, stolpere über meine Bauklötze und lasse mir zuweilen - nicht immer! - in oder besser hinter meine Ego-Karten schauen. In dieser Intimität erlebe ich immer mal wieder das Wunder der Liebe, nicht immer, aber immer öfter.

Saleem Matthias Riek (41 J.) ist Heilpraktiker für Körperpsychotherapie in eigener Praxis und Tantralehrer im Rahmen des Instituts „The Art of Being", das von Alan Lowen gegründet wurde. Er leitet, meist zusammen mit Nutan Gabrielle Riek, Seminare und Trainings zu Liebe, Intimität und Tantra in Süddeutschland, der Schweiz und Italien. Besondere Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Verbindung von Sex und Herz und das Sein Lassen, der Raum für unvorhergesehenes, wahrhaftiges und spontanes Geschehen. Er ist Autor des Buches „Herzenslust - Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins" (Aurum Verlag).
Art of Being


Wendezeit 2/00

Der Weg durch Lust und Liebe

Saleem Matthias Riek

Lust und Liebe wecken nicht nur unsere tiefsten Sehnsüchte. Lust und Liebe können auch tiefgreifende Wegweiser zu uns selbst, zu unserem Wesenskern, zu unserer spirituellen Essenz sein. Von unseren Bedürfnissen nach Lust und Liebe können wir uns jedoch genauso gefangen nehmen lassen, solange wir nur im außen nach Erfüllung suchen, anstatt selbst die Verantwortung zu übernehmen. Das ist leichter gesagt als getan. Aber jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Der erste Schritt auf dem Weg zu bewusster Lust und Liebe - und ein wiederholt notwendiger Zwischenschritt - ist die Bereitschaft, lieben zu lernen, alles zu vergessen, was wir bereits zu wissen glauben und uns auf das geheimnisvolle Land des Nicht-Wissens einzulassen.

In meinem Buch „Herzenslust - Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins" habe ich den Weg ausführlich und mit vielen Beispielen und Erfahrungsberichten beschrieben. Hier möchte ich einige der Kernthesen des Buches herausgreifen, und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ermuntern, diese Thesen auf sich wirken zu lassen. Die Thesen sind weder wahr noch falsch. Sie sind Fingerzeige und Ermutigung, selbst Forschender in Lust- und Liebesdingen zu werden.

• Wir alle befinden uns - ob wir es bewusst tun oder nicht - auf der Suche nach Lust und Liebe. Solange wir nicht nach innen schauen und uns selbst tief erforschen, gleicht die Suche einem Glücksspiel: mal landen wir einen Treffer und mal nicht. Wenn wir uns nach innen wenden werden wir merken, dass die Hindernisse, die wir so oft da draußen ausgemacht haben, in uns sind. Unser Partner verhält sich nicht so, wie wir es gerne hätten. Wir sind allein und finden keinen geeigneten Partner. Wir fühlen uns als Opfer persönlicher oder gesellschaftlicher Umstände oder haben altes Karma abzutragen: all diese Gedankengänge können Symptome dafür sein, dass wir uns selbst im Wege stehen. Der erste Schritt um wirklich Lieben zu lernen ist die Wende nach innen.

• Wenn ich das Mysterium der Liebe neu entdecken und erleben will, brauche ich die Bereitschaft, nicht zu wissen. Oft steht uns unser Wissen im Weg, Liebe wirklich und tief zu erfahren. Wir laufen unseren Bildern und Vorstellungen von Liebe hinterher, anstatt die Liebe in all dem zu entdecken, was bereits da ist. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für unsere Augen unsichtbar" heißt es schon im „kleinen Prinz". Die Augen sind in unserer visuell ausgerichteten Kultur meist mit Verstandesfunktionen verknüpft, die alles vergleichen, berechnen und auswerten. Liebe erschließt sich aber erst jenseits von unserem Verstand. Liebe ist ein Mysterium, das nicht gewusst, sondern erfahren und gelebt werden möchte.

• Meine Sehnsucht ist ein wertvolles Geschenk. Die meisten Menschen betrachten Sehnsucht als ein Indiz für einen Mangel. Wir sind so fixiert auf die Erfüllung unserer Wünsche und Sehnsüchte, dass wir das Wünschen und Sehnen selbst nicht gar mehr wahrnehmen oder gar abwerten. Dabei kann es wunderschön sein, sich zu sehnen, und noch schöner, diese Sehnsucht mit anderen Menschen zu teilen, anstatt andere für deren Erfüllung zuständig zu machen und damit in die Enge zu treiben oder in die Flucht zu schlagen. Im Feuer der Sehnsucht gelangen wir zu den tiefsten Quellen unseres Menschseins.

• Was immer mir widerfährt, ist ein Spiegel meiner selbst. „Es gibt keine Zufälle" ist leicht gesagt und gilt als ein esoterischer Gemeinplatz. Um einiges anspruchsvoller ist es jedoch, in jedem Ereignis, das uns widerfährt, wirklich uns selbst zu entdecken. Manchmal gehen wir durch verschiedene Phasen von Verleugnen, Rationalisieren, Schönreden, Abspalten, Beschuldigen oder Verdrängen hindurch bis wir entdecken, dass auch und gerade in ungeliebten Situationen unsere eigenen Schattenseiten zum Vorschein kommen: die Aspekte von uns, mit denen wir auf Teufel komm raus (nomen est omen) nichts zu tun haben wollen. Für manche Menschen ist es jedoch noch schwieriger, in Augenblicken des lustvollen Verzückens, des Wunderbaren und der Liebe sich selbst zu entdecken. Wir sind, was wir erleben.

• Mich selbst lieben zu lernen ist eine unendliche Entdeckungsreise. Wer würde nicht gerne hin und wieder aus der eigenen Haut schlüpfen, um freier, mutiger, lustvoller, attraktiver oder erleuchteter zu sein als er oder sie ist? Wenn wir in allen unseren Erlebnissen uns selbst entdecken, dann fängt die eigentliche „Entdeckungsreise" erst an: uns in all dem anzunehmen, was wir sind. Uns selbst anzunehmen heißt weder, alles toll zu finden, was wir tun, noch heißt es, uns mit unseren Schwächen auf fatalistische Weise abzufinden. Es heißt vielmehr, Verständnis für uns selbst zu gewinnen, auch und gerade für die Seiten von uns, die wir nicht leiden können. In dem Moment, wo wir damit entspannen können, wie wir sind, werden unsere Ressourcen frei und eine tiefe Verwandlung kann geschehen. Dies ist kein einmaliger Vorgang. Immer neue Schichten aus unseren Tiefen kommen an die Oberfläche, mit immer der gleichen Einladung an uns: liebe mich!

• Gefühle sind weder gut noch schlecht.Gefühle sind. Mit der Unterscheidung von guten und schlechten Gefühlen verletzen wir uns permanent selbst. Was uns in Zeiten von Wut, Angst, Trauer oder Schmerz am meisten weh tut ist die negative Bewertung, die wir diesen Gefühlen zuzuschreiben gelernt haben. Gefühle sind Energiebewegungen im Körper. Wir können sie nur frei lassen oder unterdrücken, wir können sie bewusst erleben oder verdrängen. Ungeliebte Gefühle sind meistens alte Gefühle aus Verletzungen in unserer Kindheit. Wenn wir unsere ungeliebten Gefühle nicht leben lassen, halten wir unbewusst an Vergangenem fest und reduzieren wir damit zugleich unsere Fähigkeit, ersehnte Gefühle hier und jetzt zu empfinden. Unser Gefühlsleben ist eine Ganzheit. Es zu zerschneiden hat einen sehr hohen Preis: wir schneiden uns buchstäblich ins eigene Fleisch.

• Wünschen ist eine Kunst, die im Loslassen ihren höchsten Ausdruck findet. Wunschlos glücklich ist nicht, wer sich seine Wünsche abgeschminkt hat. Und glücklich ist durchaus nicht immer der, dessen Wünsche in Erfüllung gehen. Wünschen ist eine Energiequelle, ein Lebenselixier, das hinaus in die Welt sprudeln möchte. Frei gelassen kommen die Wünsche zu Dir zurück oder auch nicht. Die Quelle des Wünschens wird jedoch niemals versiegen, solange Du weder an ihrer Erfüllung noch an ihrer Nicht-Erfüllung festhältst. Sie durchpulst Dich, sie macht Dich frei, Dir das Blaue vom Himmel herunter zu wünschen. Das ist weit besser, als wenn Dir der Himmel auf den Kopf fiele, oder?

• Wenn Er mehr Sex will und Sie mehr Liebe, oder Sie mehr Nähe und Er mehr Distanz (oder umgekehrt), dann stecken wir in einer Polarisierung. Im Grunde wollen wir beide beides.

Paare, die in einer Polarisierung feststecken verhalten sich oft wie beim Tauziehen: jeder versucht mehr oder weniger verbissen, den anderen auf seine Seite zu ziehen und erntet auf Dauer nur mehr Widerstand. Es braucht unseren Mut und unsere Bewusstheit zu entdecken, in welcher Weise der Partner unsere eigenen, vielleicht verdrängten Wünsche spiegelt, um wieder aufeinander zugehen zu können. Dann wird aus der Polarisierung eine pulsierende Polarität und erotische Spannung. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, solange wir nicht davon überzeugt sind, Recht behalten zu müssen.

• Treue und Freiheit sind zwei Flügel einer Liebe. Liebe ohne Freiheit trocknet aus, da sie sich vom Umfeld universeller Liebe abschneidet. Liebe ohne Verbindlichkeit bleibt an der Oberfläche. Wenn Treue so verstanden wird, dass kein anderer Mensch als mein Partner meine Lust und Liebe wecken kann, dann basiert sie auf einer Untreue gegenüber unserer erotischen und liebesfähigen Natur. Wenn Freiheit so verstanden wird, dass ich jedem erotischen Impuls nachgehen und ihn ausleben muss, dann bin ich nicht frei, mit einem Menschen tiefer zu gehen, auch dann, wenn es schwierig wird. Treue und Freiheit sind kein Widerspruch, sondern ein Koan, an dem entlang unsere Lust und Liebe lebendig bleiben kann.

• Unwahrheit und Bewertung schützen vor Schmerz, Wahrheit heilt. Wir haben oft viele Gründe, nicht die ganze Wahrheit zu sagen: wir fürchten die Konsequenzen, haben Angst, jemanden damit zu verletzen, haben Angst, nicht geliebt zu werden so wie wir sind. Hinter diesen Ängsten liegen alte Verletzungen, die wir wieder spüren, wenn wir die ganze Wahrheit sagen. Darin liegt zugleich die Chance der Heilung. Viel tiefer als unser Bedürfnis, dass andere uns gut finden, ist das Bedürfnis geliebt zu werden. Liebe liegt jenseits unserer Bewertungen. Wenn wir uns nicht zeigen wie wir sind, wer wird dann geliebt? Unsere Maske! Das ist zwar sicher, aber unerfüllend. Liebe, Wahrheit und Heilung sind drei Aspekte unserer Essenz und brauchen unsere Bereitschaft zum Risiko.

• Lust gepaart mit Bewusstsein ist ein Wegweiser zur Essenz. Unsere Lust kann uns ganz schön in die Irre führen. Viele Menschen haben z.B. erotische Vorlieben, die sie in Situationen oder Beziehungen führen, die ihnen nicht gut tun. Solche Gelüste haben einen Suchtcharakter, weil sie einen alten Schmerz in Schach halten sollen, und sind immer mit einem gewissen Aufwand verbunden. Wenn wir bewusst lernen, tief in uns hinein zu entspannen und dabei auch bereit sind, dass alter Schmerz wieder hochkommt und fühlbar wird, dann entdecken wir eine ursprüngliche Lust, die aus dem Sein anstatt aus dem Tun entspringt. Diese „Seinslust" führt uns in unsere Essenz.

• Mein Leben ist es wert, in allen Facetten gelebt zu werden. Tantra lehrt die Erfahrung jenseits von Dualität. Wir sind alle eins, wir sind alle miteinander verbunden. Ein Königsweg zu dieser Erfahrungsqualität, für den Tantra berühmt ist, ist bewusst gelebte Sexualität. Tantra geht jedoch weit darüber hinaus. Nichts ist gut oder schlecht. Das Mysterium des Lebens und unserer Existenz offenbart sich uns nicht, solange wir uns selbst, andere Menschen oder Situationen bewerten. Wir können uns dafür öffnen, indem wir mehr und mehr bereit sind, alle unsere inneren Facetten einschließlich unserer Schattenseiten kennenzulernen und auf bewusste Weise leben zu lassen, ohne uns selbst oder jemand anderen damit zu schaden.

• Wir brauchen einen geschützten, heiligen Raum, um lieben zu lernen. Unser Alltag ist oft geprägt von Gewohnheiten, unbewussten Verhaltensweisen und Anpassung an vermeintlich äußere Realitäten. Um mehr Lust und Liebe in unser Leben zu bringen, braucht es Zeit und Raum, den wir mit Achtsamkeit und Bewusstheit gestalten, so dass wir hierin lernen können. Wenn wir bereit sind, dem Leben und unserer Erfahrung ungeschminkt ins Auge zu sehen, entsteht ein heiliger, ein heilsamer Raum, jenseits von kirchlich-moralischer Heiligkeit. Die meisten Menschen sind überfordert, diesen heiligen Raum permanent zu erinnern. Fangen wir also mit kleinen Räumen an, die wir zum Lieben lernen reservieren.

• Mit Herz und Lust zusammen sein ist die vielleicht größte Herausforderung für unser begrenztes Ich, ein spiritueller Weg mitten ins Leben. Partnerschaft in Sachen Lust und Liebe ist eines der größten Abenteuer, das wir unternehmen können. Wenn wir die Fähigkeit zu Lust und Liebe in uns selbst entwickeln, anstatt nur dem Glück da draußen hinterherzurennen, dann können wir die Verantwortung dafür übernehmen. Wir können lernen, unsere authentische Antwort zu finden, was auch immer das Leben oder unser Partner uns gerade präsentiert. Wir entlassen unseren Partner aus der Zuständigkeit, uns Lust und Liebe zu bringen, und bringen statt dessen unsere eigene Lust und Liebe in die Beziehung ein. Wenn wir das wirklich tun, kommt sie doppelt und dreifach zurück. Wenn nicht, dann gibt es etwas für uns zu lernen. Zusammen zu sein und Verantwortung für unsere Liebe übernehmen ist ein spiritueller Weg: die tantrische Kunst des Seins.

 

Buchempfehlung: Saleem Matthias Riek: „Herzenslust - Lieben lernen und die tantrische Kunst des Seins" (Aurum Verlag)

Zeitschrift Wendezeit

Art of Being

Wassermann-Zeitalter 4/99

Liebesspiele für die Erleuchtung

oder

Das Ego im Tantra

Saleem Matthias Riek

Die blumigen Titel heutiger Tantrakurse und ihre Verheißungen sind vielfältig: ein Fest der Sinne; die Wiederentdeckung der Unschuld, die spannende Begegnung der Geschlechter; die Verbindung von Herz und Sex; die Heilung der Mann-Frau Beziehung; Feuer, Herz und Stille; die Befreiung von persönlichen und gesellschaftlichen Zwängen; spirituelle Partnerschaft; das Eintauchen in die absolute Liebe; die Entfaltung des ekstatischen Potentials; das Wunder des Seins; der kosmische Orgasmus; die Erleuchtung... die Liste ist lang und ließe sich noch eine Weile fortführen. Manchen macht diese Zusammenballung von Liebespoesie mißtrauisch, wenn nicht allergisch. Durchaus verständlich, liegt doch unsere Alltagsrealität meistens weit weg von derart Liebesidylle. Auch für Außenstehende kein Geheimnis: die Kurse laufen &endash; verglichen mit der sonst oft rückläufigen Zahl von Seminarteilnehmern &endash; sehr gut. Das kann wohl nicht nur an den Titeln liegen. Da muß doch was faul sein. Gerüchte und Verdächtigungen gibt es viele: die Leute gehen doch nur wegen dem Sex dorthin, das ist eine verkappte Partnerschaftsbörse, das hat mit dem traditionellen Tantra gar nichts mehr zu tun usw. usf. Die spirituell elaborierteste Variante dieser Verdächtigungen ist die Frage, ob oder wie weit Tantra &endash; insbesondere so wie es heute hier im Westen gelehrt und praktiziert wird &endash; überhaupt etwas mit ernsthafter spiritueller Suche zu tun hat &endash; oder doch nur der Gratifikation des Ego dient, dem Erzfeind aller spirituellen Entwicklung.1

Die Gründe, die Frauen und Männer in die Kurse führen, sind vielfältig. Bei näherem Hinsehen bekommen wir allerdings den Eindruck, daß viele Motivationen nicht aus einer spirituellen Suche entspringen, sondern dem Wunsch nach erfüllender Sexualität, nach liebevoller Beziehung, nach einem glücklichen Leben in Lust und Liebe. Kaum eine Tantraschule läßt sich jedoch gerne unterstellen, mit Spiritualität nichts am Hut zu haben, und schon entflammt die Debatte darüber, was denn eigentlich das richtige Tantra sei. Das Schweizer Magazin „Tantra"2 moniert, daß die klassischen Texte zum Tantra in der hiesigen Szene weitgehend unbekannt seien und empfiehlt Literaturstudium. Die Argumente in dieser Debatte sind manchmal nicht zimperlich, werden allerdings selten offen ausgetragen, sondern finden sich in versteckten Anspielungen oder gären in der Gerüchteküche der spirituellen Gemeinde.

Erstaunlich und auf den ersten Blick dazu im Widerspruch zu stehen scheint die Tatsache, daß sich die Tantriker in einem Punkt weitgehend einig sind: es geht darum, das Leben nicht in gut und böse zu unterscheiden, sondern in allen seinen Aspekten zu erleben und anzunehmen und insbesondere uns selbst so sein zu lassen, wie wir sind. Der Weg der tantrischen Transformation braucht keine asketischen Qualen, keinen selbstlosen Dienst an der Gemeinschaft, keinen Kampf gegen den inneren Schweinehund, sondern alles darf so sein, wie es ist; wenn wir darin bewußt bleiben, wird sich uns die göttliche Natur der Existenz offenbaren. Was würde sich als trojanisches Pferd in die Festung der spirituellen Suche besser eignen als diese tantrische Grundhaltung? Haben wir das Pferd erst hineingelassen, springen die Krieger des Egos mit ihren selbstsüchtigen Motiven hinaus und treiben ihr zerstörerisches Werk an unserer spirituellen Entwicklung.

Was aussieht wie ein großer und folgenschwerer Irrtum hat im Tantra Methode. Die Debatte über das richtige Tantra, die skeptische Frage, ob das heute populäre Tantra nicht nur eine pseudospirituelle Spielwiese ist, deutet auf die für mich größte Herausforderung auf dem tantrischen Weg hin: der Weg führt mitten hinein in all die „niederen" Gefilde des Ego, das auf die Verbundenheit mit der ganzen Existenz pfeift und einfach nur auf die Sicherung der individuellen Existenz, den persönlichen Vorteil und den eigenen Lustgewinn aus ist. Es ist tatsächlich leicht, sich darin zu vergessen und die spirituelle Sehnsucht (oder ist es eine Sehn-Suche?) aus den Augen und aus dem Sinn zu verlieren; umso mehr, als das Ego oft in täuschender Verkleidung daher kommt: als selbstloser Helfer (der doch nur den Dank einstreichen möchte), als spiritueller Lehrer (der sich von der ihm zufließenden Aufmerksamkeit und Bewunderung ernährt), als asketischer Mönch (hinter dem sich ein Perfektionist zu verbergen weiß). Wenn wir uns &endash; wie im Tantra &endash; mitten ins Leben hineinwagen, und besonders noch in das heikle Feld von Lust und Liebe, dann ist die Gefahr groß, daß das Ego mit uns sein Spiel treibt und uns dabei noch in der großartigen Illusion beläßt, auf einem spirituellen Weg zu sein. Nicht ohne Grund galt Tantra im Buddhismus als der zwar schnellste, aber auch schwierigste Pfad zur Erleuchtung.

Das Straucheln im Gestrüpp der eigenen Motivationen erlebe ich oft auch in unseren Seminaren und Trainings. Auch zu uns kommen Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Gründen, viele davon sicher erstmals mit Hoffnungen wie „freier mit der eigenen Sinnlichkeit und Sexualität umgehen lernen", „das Herz für eine neue Liebesbeziehung öffnen" oder „ein erfüllteres und glücklicheres Leben führen". Wir können und wollen die Motive unserer Teilnehmer weder prüfen noch überhaupt bewerten. Manche kommen mit einem sehr persönlichen &endash; aus spiritueller Sicht vielleicht egoistischem &endash; Motiv, finden, was sie suchen, und gehen wieder. Ist das ehrenrührig für mich als Tantralehrer? Wenn ja, so ist das sicher mein Ego, was sich gekränkt fühlt.

Die Schwierigkeit sehe ich auf einer ganze anderen Ebene. Wenn wir fixiert sind auf die Erfüllung unserer individuellen Wünsche, dann kreieren wir uns früher oder später unser eigenes Leiden. Wenn also unsere Wünsche nicht in Erfüllung gehen und wir haben kein spirituelles Verständnis und keine Bereitschaft, den damit verbundenen Gefühlen zu begegnen und daraus zu lernen, dann laufen wir wahrscheinlich davor weg und suchen woanders unser Glück (oder wir resignieren). In diesem Kreislauf sind wir dann gefangen wie ein Hamster im Laufrad, oder in Samsara, wie es die Buddhisten nennen.

Obwohl wir in jeder unserer Gruppen ausdrücklich darauf hinweisen, wie wichtig das Dableiben ist &endash; vor allem dann, wenn es innerlich schwierig wird &endash; kommt es doch hin und wieder vor, daß Leute mitten im Prozeß abbrechen. Für mich persönlich ist das immer schmerzhaft, und es kränkt auch meine Allmachtsphantasien und berührt die Kehrseite davon, meine Ohnmachtsgefühle. Bei näherem Hinsehen fällt mir dann jedoch auf, daß in den meisten solchen Fällen eine dringende persönliche Hoffnung oder Erwartung nicht erfüllt wurde oder eine Verletzung berührt wurde, die zu fühlen und anzuschauen die Person nicht bereit war. Beides ist im Kern das Gleiche, denn unsere persönlichen Wünsche sind dann so dringend, wenn wir in diesem Bereich verletzt sind. Von außen betrachtet, und zur Rettung meiner Ehre, könnte ich sagen, daß diese Personen von vorneherein keine spirituelle Motivation für Tantra hatten, und deswegen aufgeben, wenn es nicht wunschgemäß läuft. Sie haben es gar nicht besser verdient!!! Einige Beispiele:

Eine Frau begegnete ihrem Beziehungsmuster: die Männer, die sie will, begehren sie nicht, und die Männer, die sie begehren, die will sie nicht. Sie hatte gehofft, daß es im Tantra anders wäre, aber es war zunächst mal genauso wie in ihrem Leben.

Ein Mann, der zu Beginn des Trainings sehr aufs Flirten aus war, ließ sich zwischenzeitlich auf eine feste Partnerschaft ein. Fortan konnte er die gesamte restliche Gruppe nur noch so wahrnehmen, als seien alle nur auf Flirts aus und er habe da nichts mehr zu suchen.

Ein Paar, das enorme Probleme mit Eifersucht hatte, stieg aus einem Training aus in den irrigen Annahme, alle anderen erwarteten von ihnen, daß sie ihre Partnerschaft öffnen und wechselnde sexuelle Kontakte leben.

In diesen Beipielen war das Bedürfnis nach dem Schutz des Egos größer als die Bereitschaft, sich umzudrehen und den eigenen Schatten zu besichtigen. Es wäre zu unbequem oder schmerzhaft gewesen, der Wahrheit ins Auge zu blicken: der gnadenlosen Kritikerin, die Männer in begehrenswerte und abscheuliche Objekte unterteilt, dem Heuchler, der die eigene Flirtsucht selbstgerecht nach außen projiziert, den Ängstlichen, die sich in eine Opferrolle hineinmanövrieren, um den eigenen versteckten Wünschen oder Phantasien nicht begegnen zu müssen, die ihre Beziehung womöglich bedrohen würden. Was würde es helfen, diese Ausweichmanöver als Flucht vor dem eigenen Schatten zu brandmarken und eine genuine spirituelle Suche abzusprechen? Meiner Selbstgerechtigkeit viel, den Betreffenden aber wahrscheinlich wenig.

Wenn ich mich selbst ehrlich frage, warum ich zum Tantra gekommen bin, dann fallen mir auch als erstes Motive ein wie Wünsche nach ekstatischer Sexualität, die Sehnsucht nach einer Partnerin, mit der ich Lust und Liebe intensiv teilen kann, die Jagd nach aufregenden Erfahrungen, die mich den manchmal tristen Alltag vergessen lassen: alles Motive, die mehr mit meinem Ego zu tun haben als mit spiritueller Suche. Was ich dann im Tantra erfahren habe war, daß nicht selten Wünsche wie die obigen auf tiefgehende Weise erfüllt wurden, daß aber die Abstürze und Enttäuschungen im Kontrast dazu auch immer intensiver wurden. Auch stand ich einige Male kurz davor abzuhauen, in der Hoffnung, dem Schmerz zu entkommen. Einmal habe ich es getan, bin aus einer halboffenen Gruppe davongelaufen, ohne mich zu verabschieden. Schon auf dem Weg zum Bahnhof bemerkte ich unter all der Verzweiflung und dem Schmerz ein trotziges „Das haben sie jetzt davon, daß sie mich so gemein behandelt haben!" und „Das ist ihre gerechte Strafe, daß ich jetzt abhaue!"

Mit etwas Abstand konnte ich wieder sehen, daß einfach meine Erwartungen nicht erfüllt worden war, und spüren, daß das weh tat. Tantra ist für mich wie ein Reiten auf den Wellen des Ego. Die Wellen (meine Wünsche) wurden immer größer, die Abstürze und der anschließende Schleudergang im Strudel der Brandung immer heftiger. Gleichzeitig - durch das bewußte Dableiben, was auch immer geschieht &endash; wurde eine Ahnung in mir stärker: das Leben besteht nicht nur aus Wellen, sondern der ganze Ozean der Existenz umfaßt und umspült alles Leben. Es kann enorm befreiend und beglückend sein, dem ganzen Getöse in mir und um mich herum zuzuschauen und dabei innerlich still zu werden.

1) Diesem Thema widmet sich z.B. das Heft Nr. 13 der von Andrew Cohen inspirierten Zeitschrift „What is Enlightenment"

2) in der Ausgabe vom August 98, S.3

Der Artikel erschien leicht verändert im Connection Spezial „Tantra 99"

Wendezeit

Art of Being

Wassermann-Zeitalter 3/99

Was ist Tantra ?

Wiederverbindung von Liebe, Sexualität und Bewußtsein

von Saleem Matthias Riek

Tantra, das Wort mit dem schönem Klang, war bis vor 20 Jahren im Westen weitgehend unbekannt. Heute erfreuen sich Tantraseminare zwar immer größerer Beliebtheit, aber es ranken sich auch viele zweifelhafte Gerüchte darum herum. Tantra löst Sehnsüchte und zugleich auch Ängste aus, und das hat einen ganz einfachen Grund. Im Unterschied zu den allermeisten spirituellen Richtungen und Religionen, und auch im Unterschied zu den meisten Formen von Therapie und Selbsterfahrung, macht Tantra nicht den obligatorischen Bogen um das Thema Sexualität. Zwar scheint das Thema Sex heute weitgehend enttabuisiert zu sein, es prangt uns von überall her entgegen, nackte Körper in Illustrierten allerorten, in Talkshows werden die letzten intimen Details des Liebeslebens ans Licht gezerrt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß sich nur die Menschen in ihrer Sexualität wirklich wohl und frei fühlen. Mit Schlagzeilen wie "Tantra - Göttliche Ekstase oder Gruppensex?" stürzen sich manche Medien auflagensteigernd auf das Thema und spiegeln dadurch nur ihre eigene und unser aller tiefe Verletzung als sexuelles Wesen. Unsere Kultur hat nicht nur Sex und Herz voneinander getrennt, sie hat auch Sexualität zum Feind spiritueller oder religiöser Entwicklung erklärt, und die Folgen davon tragen wir alle in unseren Knochen, in unserem Körper. In Tantragruppen werden diese Themen in einer Offenheit und Direktheit angesprochen und erforscht, die sonst selten zu finden ist. Dabei ist behutsames Vorgehen besonders wichtig, um einen sicheren Rahmen für die Selbsterkundung zu schaffen.

Im traditionellen Tantra mußten sich die Schüler in jahrelanger Meditationspraxis üben, bevor sie in die sexuellen Praktiken eingeführt wurden. Damit war die Voraussetzung geschaffen, daß es nicht um Ausleben von Sex ging. Jemand, der das dort gesucht hätte, hätte längst vorher aufgegeben. In unserer Zeit und Kultur sind die traditionellen Rituale und Methoden kaum anwendbar. Stattdessen wurde die Essenz von Tantra - hauptsächlich vom indischen Mystiker Osho inspiriert &endash; in neue Formen eingekleidet und wird heute meist in einer Weise gelehrt, die sich oberflächlich kaum von anderen Formen der Selbsterfahrung unterscheidet. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied, der sich manchem sofort, anderen erst bei längerer Erfahrung im Tantra erschließt. Tantra beinhaltet weit mehr als die Beschäftigung mit unserer Sexualität.

Tantra bedeutet in seiner Essenz, das Leben in allen seinen Aspekten annehmen zu lernen, bedeutet das Leben zu leben anstatt es zu bewerten, bedeutet unsere ganze Palette von Gefühlen zu spüren anstatt sie in gute und schlechte Gefühle zu unterteilen und dann den vermeintlich guten Gefühlen hinterherzurennen.

Tantra bedeutet, unsere Fähigkeit zu Präsenz, zum unmittelbaren Gewahrsein, zur Meditation mitten in alle Erfahrungen unseres Lebens hineinzubringen und unsere Erfahrung damit zu verwandeln. Ein solcher Transformationsprozess ist unserem Kulturkreis eher fremd, sind wir doch darauf gedrillt, daß nur das entschlossene Tun Veränderung bewirkt. Unsere Kultur ist extrem männlich geprägt, in dem Sinne, daß weibliche Qualitäten wie Hingabe oder einfach SEIN zu kurz kommen. Tantra beschäftigt sich schon seit Tausenden von Jahren mit der archetypischen Polarität von männlich und weiblich und kann einiges zur Heilung der Beziehungen von Männern und Frauen beitragen. Im Tantra können wir entdecken, daß in der Hingabe an das, was ist, eine ganz andere Art von Veränderung geschieht, eine Veränderung, in der wir in einen Einklang mit der Existenz kommen, in der wir das Wunder des Lebens und der Existenz wieder zu seinem Recht kommen lassen.

Dieser Transformationsprozeß macht auch vor sinnlicher Erfahrung, vor prickelnder Erotik und lustvoller Sexualität nicht halt. Tantra lädt uns ein, unsere Unschuld als sinnliches und sexuelles Wesen wieder zu entdecken, für uns in Besitz zu nehmen und zu feiern. Wer allerdings glaubt, an den eigenen Macken vorbei den Traumpartner zu finden oder ein schnelles sexuelles Abenteuer zu erleben, wird enttäuscht! In diesem Prozeß begegnen wir all den Wunden und Verletzungen, die wir in diesem Bereich erlitten haben. Wessen sexuelles Erwachen wurde in der Pubertät gefeiert oder überhaupt nur liebevoll unterstützt und begleitet? Wer wurde nicht in seiner Würde als sexuellem Wesen mißachtet, durch Ignoranz, durch Vertuschung und Heimlichkeiten oder sogar durch direkten Mißbrauch? Aber anstatt sich diesen Verletzungen zu stellen, um sie zu heilen, greifen viele Menschen lieber nach der Wunderpille, die Männern ausdauernde Erektionen und neuerdings auch Frauen unzählige Orgasmen verspricht.

Tantra ist keine Wunderpille. Tantra verspricht nicht, daß wir dem Spüren unserer Wunden entkommen. Im Tantra werden paradoxerweise sogar gerade unsere verwundeten Bereiche zum Tor zu Intimität und zu unserer Essenz. In der Bereitschaft, alles zu spüren, die Lust wie den Schmerz, die Wut und Trauer genauso wie die Freude und die sexuellen Empfindungen, verwandelt sich unsere Erfahrung und führt uns in die Unmittelbarkeit des Da-Seins. In dem Dasein-lassen von dem, was ist, öffnet sich unser Herz. Wir können auf einer ganz tiefen Ebene entspannen, wenn wir nicht mehr anders sein müssen, als wir sind. Tantra beginnt mit der Liebe zu uns selbst und führt uns zur Liebe zu unserem Partner und unseren Nächsten und darüber hinaus zur Liebe für alle fühlenden Wesen und zur Liebe für die Existenz. Tantra schafft einen Erlebnisraum, in dem dies nicht nur schöne Worte bleiben, sondern praktisch und konkret werden kann. Dies beinhaltet die Chance, die Erfahrungen soweit zu integrieren, daß sie auch im Alltag ihre Früchte tragen können. Tantra ist kein leichter Weg. In Indien und Tibet, woher Tantra stammt, galt Tantra im Gegenteil als besonders herau fordernder Weg, als eine Wanderung auf des Messers Schneide. Die Methoden haben sich wie gesagt im westlichen Tantra sehr verändert, unseren kulturellen Bedingungen angepaßt. Aus Tantra ist auch ein Markt geworden, mit z.T. sehr unterschiedlicher Ausrichtung. Für manche steht der eigene Heilungsprozeß im Vordergrund, für andere das Lieben-Lernen, für dritte das Abenteuer des Lebendig Seins und für manche wird Tantra zu ihrem spirituellem Weg, zur Rückverbindung mit dem Sein. In dem breiten öffentlichen Zugang zum Tantra liegen Chancen wie Gefahren. Einerseits braucht niemand eine jahrelange Expedition in den Himalaja zu unternehmen, um Tantra kennenzulernen, andererseits kann in der nur oberflächlichen Beschäftigung mit Tantra das eigentliche Geschenk übersehen werden, das uns Tantra zu geben hat uns mit dem Leben in allen seinen Aspekten anzufreunden und darin unsere tiefste Natur, unser Wesen zu entdecken.

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Art of Being

Wassermann-Zeitalter 1/99

Liebe oder Ideale ? (1. Teil)

Wie wir der Liebe im Wege stehen

Saleem Matthias Riek

Liebe gehört sicher zu den am meisten beschworenen, besungenen, geforderten und ersehnten Phänomenen unserer Kultur. Gleichzeitig ist die Abwesenheit von Liebe in unserer alltäglichen Erfahrung genauso wie die lieblose Art und Weise, in der unsere Gesellschaft organisiert ist, unübersehbar. Zwei Seiten derselben Medaille, wie es scheint, denn was wir nicht haben, ersehnen wir, was uns fehlt, fordern und beschwören wir. Erstaunlich ist jedoch, daß der Mangel an Liebe dabei konstant zu bleiben scheint. Vielleicht haben wir nur noch nicht die richtige Adresse für unsere Forderungen, den wirklichen Gott für unsere Gebete, die stimmige Affirmation für unsere Wünsche oder den passenden Partner für unsere Sehnsüchte gefunden. Wer suchet der findet, so heißt es doch, oder?

Aber suchen wir an der richtigen Stelle? Mir kommt es so vor als suchten wir wie der bekannte Narr, der in einer dunklen Ecke seinen Schlüssel verloren hat und ihn unter der Laterne sucht, weil es dort heller ist. Wir suchen im Reich der Ideale, wo alles hell, rein und klar ist, und wo suchen wir nicht? In unserem alltäglichen, eher dunklen, grauen und nebulösen Beziehungsdickicht, das manchmal so verworren ist, daß dort nichts mehr zu finden zu sein scheint. Aber genau darin haben wir die Liebe verloren, genau dahin haben sich all die Verliebtheiten entwickelt, manche früher, manche später, in unseren unbewußten, unklaren Gewohnheiten ist unsere Liebe ersoffen.

Dorthin zu schauen ist mühsam, also fangen wir an zu träumen, schwärmen insgeheim von unserem idealen Liebhaber, von der Traumfrau, die uns versteht, annimmt und mit der die "Körperchemie", sprich Erotik, einfach fließt. Speziell für erfahrene Esoteriker sollte es ja kein Problem sein, die ideale Beziehung zu manifestieren, den Seelenpartner, der irgendwo auf uns wartet, per Horoskopie, Channeling oder vielleicht doch lieber über eine spirituelle Partneragentur in unser Leben einzuladen.

Gestern bekamen wir zwei Feedbackbögen von unserem letzten Workshop, von einem Mann und einer Frau. Beide beschreiben ausführlich wieviel sie erfahren und gelernt haben, gefehlt habe nur seine Traumfrau bzw. ihr Traumpartner. Ich schätze die Offenheit in dieser Mitteilung, denn oft gestehen wir uns solche Wünsche und Ideale gar nicht mehr ein, und doch bestimmen sie unser Handeln. Gerade wenn unsere Ideale unbewußt sind, sind wir innerlich so fixiert, daß wir unseren Traumpartner gar nicht mehr erkennen würden, wenn er auf einem schwarzen Ross statt auf einem weißen Schimmel daherkommt.

Oft kommen Männer und Frauen in unsere Gruppen, die eine Trennung hinter sich haben. Für manche ist es eine schockierende Erfahrung, daß die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen der Öffnung für eine neue Begegnung vorausgeht. Neue Begegnungen reichen nicht aus, um eine Trennung zu verarbeiten und zu überwinden. Auch hier braucht es die Bereitschaft, hinzuschauen und anzuerkennen, was da ist, anstatt nur in neue Träume und Sehnsüchte zu fliehen.

Wenn wir die Liebe wiederentdecken und mehr in unser Leben einladen wollen, wo können wir sie suchen und finden? Ist die Liebe wirklich oder ist sie ein unerreichbares Ideal? Ist Liebe eine Realität und von Dauer oder ist sie nur etwas, was wir uns aus dem Reich des Schönen, Guten und Wahren borgen, bis wir wieder in der kalten, lieblosen und einsamen Normalität unserer Existenz aufwachen? Die Vorstellung, die Welt gemäß unserer Ideale neu erschaffen zu müssen, um glücklich sein zu können, ist neben Resignation und Fatalismus eine der destruktivsten Gewohnheiten, mit denen wir unsere Beziehungen vergiften, unser soziales Netz zerreißen, unsere Kultur und unsere Natur zerstören und uns von unserer spirituellen Verbindung abschneiden. Idealen nachhängen und sie manifestieren zu wollen ist so verlockend und phantastisch wie Autobahnbau, Kommunismus und positives Denken. Was sich der Realisierung entgegenstellt wird platt gemacht oder verleugnet. Der Preis, den wir dafür zahlen, wird uns meist erst spät bewußt. Dann suchen wir schnell nach einem neuen Ideal, weil uns nicht klar ist, daß jedes Ideal seinen Schatten hat.

Unsere Sucht nach Idealen verweist auf ein grundlegendes Mißtrauen: wir mißtrauen dem, was ist, wir mißtrauen dem Sein. Wir sehen keinen Wert darin, wir streben nach Höherem. Die Wurzel für dieses Mißtrauen liegt in uns selbst: wir fühlen uns nicht gut genug, wie wir sind, wir müssen uns anstrengen, um liebenswert zu sein, wir müssen unsere wahren Motive, Empfindungen und Gedanken verschleiern, gut unter Kontrolle halten oder verbergen, denn ein negatives Urteil von außen würden wir nicht mehr verkraften. Das Dispolimit auf unserem Selbstwertkonto ist bereits durch unsere eigenen Selbstzweifel, Selbstvorwürfe und Schuldgefühle weit überzogen.

Also arbeiten wir an uns, wir jagen von Workshop zu Workshop, von Therapie zu Therapie, von Pontius zu Pilatus, jedoch niemand spricht uns frei. Vielleicht sind wir ein Stück weiter gekommen, haben ein altes Trauma geheilt, aber leider sind drei neue aufgebrochen. Wie wir sind, ist nie gut genug, das ist oft die Wurzel unseres Tuns und Strebens. Viele erleben dieses Muster in der Projektion, weil es zu schmerzhaft ist, die eigenen Unwertgefühle ständig zu fühlen: der Partner oder die Partnerin ist nicht gut genug. Ich liebe sie nicht mehr, die Libido ist verschwunden, er ist so unbewußt über seine Trips, wir haben uns auseinanderentwickelt... Und noch beliebter ist die Projektion noch weiter nach außen: die Regierung, die Gesellschaft, die Kirchen, die Kultur, die Zivilisation, alles nicht gut genug. Darauf können wir uns alle einigen, oder nicht?

Liebe in dem finden, was ist, scheint ein ähnlich albernes Unterfangen wie der Versuch der Alchimisten, aus Blei Gold zu fertigen. Genau dieses Unterfangen hat aber dafür gesorgt, daß meine Liebe zu Nutan durch alle Krisen hindurch immer wieder neu erblüht. Wenn die Liebe wirklich ist und kein Ideal, und wenn Liebe nicht nur ein Einzelfall ist, die "sechs Richtigen" im Lotto sozusagen, sondern universell anwesend, dann lohnt es sich, genauer hineinzuschauen in das, was ist.

Mit "The Art of Being", die Kunst des Seins, ist unsere Arbeit im Bereich Liebe, Intimität und Tantra überschrieben, ein Titel, den vor Jahren Alan Lowen seiner Arbeit gab. Liebe und Intimität ist das, was entsteht, wenn wir aufhören, es zu verhindern. Alles was es dazu braucht, ist die Erlaubnis, daß dasein darf, was da ist. Es ist ein Loslassen von allen solltest, müßtest, dürftest, ein hineinentspannen in das, was du wirklich fühlst, was du wirklich bist. Die Basis dafür ist der Körper, der uns unmittelbar mit unserer Existenz in Kontakt bringt. Verankert in unserem Körperbewußtsein werden wir sicherer in dem, was wir fühlen. Wir können lernen, traurig zu sein, wenn wir traurig sind, wütend zu sein, wenn wir wütend sind, lustvoll zu sein, wenn wir lustvoll sind. Das klingt provozierend einfach. Dieses Sein Lassen ist jedoch etwas ganz anderes als jeden Trip hemmungslos ausleben. Wann immer wir mehr oder weniger zwanghaft etwas tun oder etwas zum Ausdruck bringen müssen, wann immer wir subjektiv davon überzeugt sind, keine Wahl zu haben oder nur eine Wahlmöglichkeit sei richtig, gibt es etwas, was wir tief im Innern nicht dasein lassen. Zwanghafte Wutausbrüche sind z.B. meistens eine Vermeidung von Schmerz, zwanghaftes Weinen oft eine Vermeidung, Hilflosigkeit direkt zu zeigen oder um Hilfe zu fragen. Das heißt nicht, daß an der Wut oder Trauer etwas falsch wäre, die Zwanghaftigkeit ihres Ausdrucks ist jedoch ein Hinweis darauf, daß noch mehr da ist, was angeschaut und "sein gelassen" werden möchte. Wenn wir sicherer sind in unseren Gefühlen, sind wir mehr und mehr auch in unseren Gedanken in Kontakt mit dem, was ist. Blei wird zu Gold, das Sein Lassen verwandelt unsere Erfahrung.

Ich erinnere mich an eine Situation mit Nutan. Wir liegen zusammen im Bett und wollen uns nah sein. Plötzlich überfällt mich eine bleischwere Müdigkeit. Früher hätte es oft nur zwei Auswege aus dieser Situation gegeben: Ich sage, daß ich zu müde bin und schlafen möchte, und beende so die Situation. Oder ich gebe indirekt Nutan die Verantwortung für meine Müdigkeit, mache ihr Vorwürfe oder sage etwas Verletzendes und provoziere damit ihre Wut und wir enden in einem heftigen Streit. In diesem Fall entschied ich mich, klar und bewußt diese Bleischwere zu fühlen, in sie hinein zu atmen ohne sie weghaben zu wollen, und ziemlich bald spürte ich eine enorme Traurigkeit. Die Müdigkeit war wie weggeblasen, und nach dem Erlauben der Trauer kam wie aus dem Nichts die Lust, die vorher wie unerreichbar schien, und mit ihr die Liebe. "Love is letting be", dieser Satz von Alan Lowen ist wie ein Scheinwerfer für mich geworden, mit dem ich auch im Dunkeln nach der Liebe suchen kann und mich nicht in die Welt der Ideale flüchten muß. Die Lotusblume wurzelt und nährt sich im Schlamm.

Sollten wir also all unsere Träume und Hoffnungen, unsere Ideale und Visionen begraben und nur noch im Trüben fischen ? Sollten wir auch in der unbefriedigendsten Beziehung ausharren und sie solange sein lassen, bis der häßlichste Frosch zum Prinzen wird? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sein lassen ist in jedem Fall kein Aussetzen und warten auf bessere Zeiten. Im Sein Lassen entdecken wir, daß auch unsere Wünsche, Träume und Ideale da sind, und es steckt enorm viel Kraft und Energie darin, sie unsere Wünsche, Träume und Ideale sein zu lassen. Ideale sind dazu da, uns anzutreiben, zu motivieren, zu begeistern, sie können uns die Kraft geben, Unmögliches zu realisieren. Doch hüte sich wer kann vor dem Irrtum, daß Liebe die Realisierung unserer Wünsche sei. Liebe ist immer bereits da, wir haben den Kontakt zu ihr hier und jetzt verloren und wir können sie immer nur hier und jetzt wiederfinden.

(Fortsetzung in Wassermann-Zeitalter 2/99)

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Art of Being

Wassermann-Zeitalter 2/99

Liebe oder Ideale ? (2. Teil)

Wie wir der Liebe im Wege stehen

Saleem Matthias Riek Viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommen in unsere Tantra-Seminare, weil sie sich die Erfüllung einiger ihrer Sehnsüchte versprechen: mehr Sinnlichkeit, die Verbindung von Sex und Herz, die Rückverbindung mit dem Sein, die Hochzeit von Liebe, Sexualität und Meditation... Und es ist nichts verkehrt daran, aus diesen Gründen in unsere Seminare zu kommen, denn nicht selten werden solche Wünsche wahr. Wenn die Zeit im jeweiligen Gruppenprozeß reif ist, sagen wir die ganze Wahrheit: Tantra hat nichts mit der Erfüllung von Wünschen zu tun. „Mit Speck fängt man Mäuse" war ein passender Kommentar eines Teilnehmers. Und tatsächlich, vielen ist bei der ersten Anmeldung nicht bewußt, daß Tantra über die Erfüllung von Wünschen weit hinaus geht.

Mit Wünschen ist das nämlich so eine Sache: manchmal werden sie erfüllt und manchmal nicht. So ist das Leben. Wir können affirmieren, was das Zeug hält, kreieren und diskreieren, wie es neu-esoterisch heißt, wieviel wir wollen, da haben wir einmal nicht aufgepaßt und schon ist es passiert: wir haben, was wir nicht wollten (zumindest nicht bewußt). Viele spirituelle Traditionen lehren im Kern die Abstinenz, das Loslassen von all unseren Wünschen und Begierden, um uns aus dem Teufelskreis von Wünschen und Leiden zu befreien. Tantra zeigt uns einen Weg, Erfolge und Mißerfolge vollständig zu erfahren und dasein zu lassen. Mit Mißerfolgen, Zurückweisungen und unerwünschten Gefühlen genauso dasein zu können wie mit Erfolg, Glück und liebevoller Begegnung ist eine Fähigkeit, durch die wir entdecken können, daß Liebe immer da ist, egal wie tief wir gerade im Schlammassel stecken. Tantra ist der Weg mitten durch alle Aspekte unserer Existenz hindurch.

In dem Maße in dem wir alle Aspekte unserer Erfahrung annehmen lernen, verwandeln sich die Diskrepanzen von Wunsch und Wirklichkeit und entwickeln sich von einem Dilemma zu einer lebendigen Pulsation, die uns Energie gibt. Wir spüren einen Wunsch, wir visualisieren eine Idee, wir malen uns eine Traumphantasie in allen Einzelheiten aus, und dann lassen wir los und sind bereit, all dem zu begegnen, was dann wirklich geschieht: die Anwort des Lebens oder der Existenz auf den Impuls, den wir zum Ausdruck gebracht haben. In dieser Anwort steckt unendlich viel mehr Weisheit als wir wahrzunehmen in der Lage sind, es lohnt sich, genauer hinzuschauen, um dann wieder unsere innere Antwort darauf zu finden. Es ist der Respekt vor dem was ist, einschließlich vor uns selbst, wie wir sind, der uns der Wirklichkeit der Liebe näher bringt.

Auch als Leiter von Workshops sind wir mit der Polarität von Wunsch und Wirklichkeit konfrontiert. Wir wählen ein Thema, haben ein ungefähres Programm, aber wir wissen vorher nicht, was sich dann wirklich ereignen möchte. In jeder Gruppe gibt es das offizielle Thema und das ungeplante, inoffizielle Thema. Letzteres ist nicht selten ein Schattenthema, etwas, was wir nicht gerade bewußt einladen würden. Das Spannende ist nun, daß wir uns zwar die liebevollsten Übungen und Rituale ausdenken können, um den Boden für Vertrauen und Authentizität zu schaffen, wirkliche Liebe ereignet sich aber im Ungeplanten, im Raum des Nicht-Wissens, und tiefer und zuverlässiger als es planbar wäre. Das sind für mich die beglückendsten Momente meiner Arbeit, wenn die Realität der Liebe die Gruppe führt und auch wir als Leiter ihr einfach folgen und Raum geben.

Viele Gemeinschaften stolpern über ihre Fixierung auf die Verwirklichung von Idealen, über ihre Ideologie. Das Zegg (Zentrum in Belzig) beispielsweise tritt an mit der Vision der freien Liebe und verwirklicht diese Vorstellung mit bewundernswerter Entschlossenheit. Erotische Kontakte sind dort relativ leicht zu knüpfen. Aber damit nicht genug. Ein Zukunftsmodell wird entworfen, erprobt und wenn es funktioniert, soll es in Serie gehen. Für mich ist es nicht überraschend, daß ein solches Projekt auch Feindschaft auf sich zieht, denn Ideologie produziert Schatten. Wenn diese Feindschaft (z.B. in den allerdings längst unzutreffenden Sektenvorwürfen) dann als Beweis der eigenen revolutionären Radikalität herangezogen wird, ist der Projektionsmechanismus perfekt. Welche inneren Vorgänge und Prozesse wollen dort nicht angeschaut werden? Welches Selbstbild wäre bedroht, wenn sich zeigen würde, daß sich in einem solch avantgardistischen Projekt die gleichen Lieb- und Respektlosigkeiten abspielen wie überall sonst auch? Es braucht viel Anstrengung, ein solch idealistisches Projekt am Laufen zu halten, weil es mehr auf das setzt, was (noch) nicht ist als auf das was bereits da ist. Viele Gemeinschaften zehren sich damit aus, weil die real existierende Wirklichkeit vermeintlich nie gut genug ist. Es ist im Kern dieselbe Art von Anstrengung, die wir brauchen, um den inneren Schweinehund zu überwinden. Wie wäre es, diesen Schweinehund mal näher in Augenschein zu nehmen: Blei zu Gold verwandeln durch das Licht des Bewußtseins. Liebe ist nicht anstrengend. Es ist anstrengend, Liebe zu wollen und ihr gleichzeitig mit unseren Idealen im Wege zu stehen.

Ich habe lange geglaubt, ich müßte die richtigen Menschen finden, um wirklich in einer Gemeinschaft leben zu können. Dann habe ich geglaubt, ich müßte nur die richtige Vision und die richtige Methode finden. Ich habe mich nie wirklich der ebenfalls verbreiteten Vorstellung anschließen können, daß der richtige erleuchtete Meister die ideale Gemeinschaft stiften könne. Wohin du schaust, je idealer der Anspruch desto größer der Schatten. Inzwischen habe ich die Hoffnung auf die Realisierung einer idealen Gemeinschaft aufgegeben. Gemeinschaft entwickelt sich in der Bereitschaft, mit den Menschen zusammen zu sein, mit denen du zusammen bist, in der Bereitschaft, deine Impulse hineinzugeben und dann zu lauschen, was sich hier ereignen will, jenseits aller Ideale und Pläne. In diesem Raum des Nichtwissens entsteht Liebe, Intimität und auch Gemeinschaft.

In einem früheren Beitrag berichtete ich über eine Projektgruppe in Freiburg, in der wir lieben lernen erprobt haben. Sie hat sich inzwischen aufgelöst und neue Projekte sind daraus entstanden. Wenn ich mir das Scheitern näher anschaue, so war es zu einem großen Teil das Schielen auf die großen Ideale der Liebe und der mangelhafte Respekt gegenüber all den Unzulänglichkeiten, die sich zwischen uns ereignet haben. Gegenseitige Schuldprojektionen nahmen überhand („Ihr seid zu unverbindlich, Ihr seid zu wenig mutig, Ihr bringt euch nicht ein, Ihr dominiert alles ...") und die Liebe, die bereits da war, wurde unter der Visionssuche nach dem großen Experiment gemeinschaftlicher Liebe begraben. Jetzt fangen einige von uns neu an und backen kleinere Brötchen...

Ideale produzieren Schatten. Wenn wir an sie glauben, lassen sie sich davon anstrahlen und geben das reflektierte Licht als ihr eigenes aus. Ideale erzeugen Abfall in Form von mangelnden Respekt gegenüber allem, was ihnen nicht entspricht: weg damit. Die ideale Gesellschaft ist die lichte Kehrseite der Abfallgesellschaft. Wenn wir davon genug haben brauchen wir uns nur in der Natur umschauen: die Natur kennt keinen Abfall. Die Natur kennt keine Ideale, die Natur ist einfach da, im Zyklus von werden und vergehen, von geboren werden, wachsen, blühen, reifen und sterben.

Genauso ist es mit unserer inneren Natur, unserer Sinnlichkeit und Lebendigkeit. Wir können uns einen idealen Körper antrainieren, der wahrscheinlich auch nie gut genug sein wird. Oder wir können beginnen, uns auch in unserer Körperlichkeit zu fühlen, wahrzunehmen und so sein zu lassen. Der umgangssprachliche Ausdruck für diese Haltung und Empfindung ist Lust.

Lust ist ein grundlegendes Kriterium dafür, ob wir in der Verfolgung unserer Ideale noch in Kontakt sind mit unserer Wirklichkeit, mit unserem Sein, oder ob wir dabei sind, uns für eine bessere Welt abzustrampeln, weil diese nicht gut genug ist. Letzteres vertreibt jede Lust, und die unbewußte Verzweiflung über deren Abwesenheit führt manche bis in den Fanatismus.

Liebe ist immer schon da. Wir brauchen uns nicht zu verändern, um zu lieben. Wir brauchen uns nicht anzustrengen oder zu verbiegen, um geliebt zu werden. Es braucht unsere Bereitschaft, uns tiefer und tiefer sein zu lassen, wer wir wirklich sind. Wenn es irgendeine höhere Wahrheit gibt, wenn unsere Sehnsucht nach Einssein und Rückverbindung mit dem Sein mehr ist als eine Illusion, was für ein Witz, all dem durch Ideale, Ausgeburten unseres Verstandes, näher kommen zu wollen. Es braucht unser Vertrauen, daß die Existenz gut genug ist. Auch für mich mit meinen hochtrabenden Idealen.

 

Saleem Matthias Riek ist Tantralehrer, Körperpsychotherapeut und Sozialpädagoge und leitet seit 10 Jahren Selbsterfahrungs-, Therapie- und Tantragruppen. Seit 1994 leitet er meist zusammen mit Nutan Gabrielle Riek Tantraseminare im Rahmen des „The Art of Being" - Instituts, das vor Jahren von Alan Lowen (Hawaii) gegründet wurde.

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Art of Being

Wassermann-Zeitalter 6/98

Intimität als spiritueller Wegweiser? (1. Teil)

Saleem M. Riek

Diese Fragestellung wird vielleicht manchen überraschen. Die Vielfalt spiritueller Wege blüht, soll diesen ein weiterer hinzugefügt werden? Es geht mir mehr darum, eine Qualität näher zu beleuchten, die Spiritualität auf den Boden bringt, in unsere alltäglichen Kontakte und Beziehungen. Was nützt uns die Erfahrung des meditativen All-Eins-Seins, wenn wir sie in unseren zwischenmenschlichen Begegnungen nicht auch leben lernen? Oder anders gesagt, es ist möglicherweise leichter, die ganze Menschheit zu lieben als den eigenen Nachbarn. Bei dem wird es nämlich konkret.

Wenn wir einen anderen Menschen wirklich nahe an uns heran lassen, werden unser „Schatten" ziemlich unruhig: es könnte Licht ins Dunkel unserer bestgehüteten Geheimnisse, schrulligen Gewohnheiten oder verleugneten Gefühlswelten fallen. Intimität ist der Ort, wo unsere verdrängten Seiten und unverarbeiteten Wunden ans Licht kommen, und im Licht liebevoller Bewußtheit kann Intimität heilen.

Intimität, so würden viele meinen, ist das, was wir nicht mit jedem Menschen austauschen würden. Intime Geheimnisse teilen wir, wenn überhaupt, nur mit unserer besten Freundin, unserem besten Freund. Die Intimsphäre ist der Bereich, der niemanden außer mir etwas angeht. Intimität wird auch mit Sex gleichgesetzt, in Begriffen wie Intimkontakt oder Intimschmuck steht intim für unsere Sexualorgane. Das Lexikon übersetzt intim mit „innerst und vertrautest".

Die Frage, wen wir wieweit in unsere Karten schauen lassen, kann ziemlich heikel und brisant werden, wenn wir den kulturellen Konsens verlassen, daß Intimität keinen Fremden etwas angeht. Viele unserer alltäglichen Lügen und Halbwahrheiten würden auffliegen. Die meisten Moralapostel ständen plötzlich ziemlich dumm da. Die ganze Persönlichkeitsstruktur vieler Menschen würde zusammenbrechen, wenn sie alle ihre Intimitäten preisgeben würden. Viel Energie, die wir für unser Image und unsere Versteckspiele einsetzen, könnte frei werden. Gleichzeitig brauchen wir einen Schutz, um in unserer Verletzlichkeit nicht hilflos Mißbrauch, Verachtung, Grobheit und Gewalt ausgesetzt zu sein. Keine Kontrolle über die eigene Intimsphäre zu haben ist für viele Menschen eine der größten Bedrohungen.

Um gleich eines klarzustellen: mir geht es in keiner Weise um zwanghafte Offenheit. In der Leitung von Tantragruppen, in denen es sehr viel Raum für Intimität gibt, lege ich großen Wert darauf, daß niemals jemand irgend etwas tun muß, was er oder sie nicht will. Das Prinzip der Freiwilligkeit und der Respekt vor den individuellen Grenzen ist für mich die Basis, auf der Vertrauen und Innigkeit wachsen können. Öffnung erzwingen oder sogenannte Widerstände brechen zu wollen war und ist einer der Holzwege in der psychospirituellen Szene. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, daß unser Versteckspiel und die Vermeidung von Intimität und Nähe so sehr zu unserer zweiten Natur geworden sind, daß wir gar nicht mehr merken, wie sehr wir uns verschlossen haben. Alle möglichen Rationalisierungen müssen dafür herhalten, daß wir uns nicht zeigen, wie wir sind.

Als ich mein erstes Tantraseminar besuchte, erzählte ich außer meiner damaligen Freundin niemandem davon. Ich schämte mich und befürchtete, man könnte denken, ich hätte „so etwas nötig". Ich arbeitete damals schon als Körpertherapeut, und in den diversen Ausbildungen hatten wir viel Körperkontakt, und auch Sexualität und die Dynamik von Mann und Frau waren Themen gewesen. Aber nie entstand in diesen Gruppen eine Atmosphäre, daß Sexualität nicht nur theoretisch, zu Hause und in der rechtmäßigen Beziehung, sondern hier und jetzt o.k. sei. Erst im Tantra erlebte ich plötzlich diese Erlaubnis, nach der ich mich solange gesehnt hatte. Jetzt war ich um so mehr mit meinen eigenen Verboten, Ängsten, Peinlichkeiten und meiner Mißbrauchsgeschichte konfrontiert, und das tat zeitweilig sehr weh. Gleichzeitig blühte ich auf und fühlte mich nach vier Tagen wie ein frisch geöffnetes, zittriges Blatt im Winde. Als ich nach Hause kam, traf ich noch am gleichen Abend meine Freundin, und wir hatten eine der schönsten erotischen Begegnungen. Sie genoß meine Offenheit und überfließende Liebe. Nach und nach keimte jedoch die Frage in ihr auf, was zum Teufel ich den da eigentlich gemacht habe, was mich so geöffnet hat. Ich machte den Fehler, zuviel zu erzählen, und sie flippte vor Eifersucht aus. Was sie vor allem nicht verkraftete war die Intimität, die ich mit anderen geteilt hatte. Für sie war das Reservieren von Intimität für eine Person der Beweis für die Liebe. Intimität mit anderen Menschen war ihr Beweis genug, daß ich sie nicht wirklich liebe und annehme und daß sie für mich nicht gut genug sei.

Das war der Anfang vom Ende unserer Beziehung, Tantra war fortan nur noch ein Streitapfel.

Es gab viele Gründe für das Scheitern unserer Beziehung. Die verbreiteten Glaubenssätze über Intimität haben dabei eine entscheidende Rolle gespielt, vor allem der, daß Intimität etwas Privates sei. „Privat" übersetzt das Lexikon mit „gesondert, für sich stehend". Privatheit ist somit der Zaun, den unsere Kultur um die Intimität errichtet hat. Kein Wunder, daß sich Vertrauen in unserer Kultur nicht ausbreiten kann, wenn außerhalb - und großteils auch innerhalb - dieses Zaunes niemand mit offenen Karten spielt.

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Wassermann-Zeitalter 6/98

Intimität als spiritueller Wegweiser? (2. Teil)

Saleem Matthias Riek

Viele Menschen leiden unter Einsamkeit, unter mangelnder „connection". Sie sind oft nicht darüber im Klaren, daß sie selbst es sind, die dem Gefühl der Verbindung im Wege stehen. Intimität entsteht, wenn wir aufhören, sie zu verhindern. Intimität wieder erlauben zu lernen ist spirituelles Lernen. Wenn wir begreifen, wie wir die Wahrnehmung unserer Verbindung wieder herstellen können, lernen wir, wie wir uns mit dem Sein, der Existenz, dem Universum oder wie immer wir es nennen wollen, rückverbinden können.

Ein Freund, der in Chefetagen großer Konzerne ein- und ausging, verriet mir einmal, wie er seine Angst vor den Industriebossen reduzierte: er stellte sich vor, wie auch diese mächtigen Männer aufs Klo gingen. Das Bewußtsein dieser grundlegenden Gemeinsamkeit machte es ihm leichter, denen da oben als Gleichen zu begegnen. Auf diese Weise unterlief er das Machtgefälle. Machtverhältnisse brauchen das Versteckspiel und fürchten Intimität wie der Teufel das Weihwasser.

Manche Menschen können unmöglich mit anderen Menschen in einem Zimmer schlafen. Dabei geht es nicht darum, daß die anderen vielleicht schnarchen könnten, sondern mehr darum, daß wir im Schlaf keine Kontrolle mehr haben. Wir alle haben unsere Refugien und Gewohnheiten, an die niemand rühren darf. Können wir uns eingestehen, daß wir einfach Angst haben, gesehen zu werden, wie wir sind? Manchmal verbergen wir soviel voreinander, daß unsere grundsätzlichen menschlichen Gemeinsamkeiten nicht mehr spürbar sind. Intimität entsteht, wenn wir im Kontakt sein und die Kontrolle loslassen können.

„Muß man, darf man sich ausziehen?"

Das Ausziehen der Kleidung in Tantraseminaren ist immer wieder ein Thema, an dem vieles deutlich wird. Wenn uns Interessierte anrufen, sind es öfter die Männer, die fragen „darf man sich da ausziehen?". Die Frauen fragen eher „muß man sich da ausziehen?". Beide Fragen kristallisieren - auf geschlechtsspezifische Weise - die gleiche Angst, daß wir nicht wir selbst sein dürfen. In einer Gruppe bewußt die Kleidung abzulegen ist anders als in der Sauna oder am Nacktbadestrand, wo wir uns nach dem Motto „es ist doch nichts dabei" ausziehen. Sich auszuziehen und sich dabei intensiv zu fühlen ist ein physisches und psychisches Enthüllen. Dabei bewußt

zu atmen und sich auch dessen bewußt zu sein, daß andere zuschauen, bringt viele Empfindungen an die Oberfläche: Scham, Peinlichkeit, Stolz, Verletzlichkeit, Angst oder Lust. Wenn dies in einer Atmosphäre von Angenommensein geschieht, kann es enorm heilsam sein. Auch die Erlaubnis, wirklich hinzuschau-

en, anstatt verstohlen zu blinzeln, ist befreiend. Wir entdecken, daß an unserer Nacktheit nichts falsch ist. In Anbetracht des Tumultes oder der gespielten Coolness, die wir rund um unsere Nacktheit veranstalten, ist es erstaunlich, daß wir nicht zumindest mit Unterwäsche auf die Welt gekommen sind. Wir waren unschuldig und schamlos, bevor wir mit Botschaften bombardiert wurden, was an uns alles nicht stimmt. Wenn wir uns davon wieder befreien, haben wir wahrscheinlich immer noch Vorlieben. Manche Körperteile mögen wir lieber als andere, aber es ist nichts falsch daran einen nackten Körper zu haben, ihn zu betrachten und betrachtet zu werden. Wenn wir bereit sind, zu fühlen, was wir fühlen, können wir uns zeigen, wie wir sind. Wenn wir uns zeigen wie wir sind, machen wir uns berührbar und riskieren, etwas zu fühlen. In diesem Prozeß können wir zu unserer Unschuld als sinnliches und sexuelles Wesen zurückfinden.

Intimität entsteht durch Berührung

Berührung ist ein zentrales Thema in unserer Arbeit, und zwar nicht nur physische Berührung. Wenn wir uns berühren lassen von dem, was wir sehen, hören, fühlen, schmecken oder riechen, spüren wir die Verbindung. Die Sinne bringen uns in Kontakt mit uns selbst und miteinander. Berührung ist mit so vielen Ängsten verbunden, weil sie uns so nah geht. Wir sind in unserer Kindheit generell viel zuwenig liebevoll berührt worden. Dieser Mangel ist vielleicht noch grundlegender als der verbreitete sexuelle Mißbrauch. Vielleicht ist zuwenig Berührung sogar die Basis für Mißbrauch, denn unpassende oder gewalttätige Zuwendung ist für ein Kleinkind immer noch besser zu ertragen als keine Zuwendung. Babies ohne jede Aufmerksamkeit sterben. Also haben wir vieles mit uns machen lassen, was sich ganz und gar nicht gut angefühlt hat. Diese Wunden sind oft schlecht verheilt und nur oberflächlich vernarbt. Wenn wir uns tief berühren lassen, fühlen wir auch diese Wunden wieder. Das ist einer der Gründe, warum so viele Menschen in einem Slalom durch das Leben gehen: um all die Menschen und Situationen herum, die etwas Unangenehmes in uns berühren könnten. Wir halten das für selbstverständlich und geben die Verantwortung dafür ab, wie wir uns fühlen. Schließlich gibt es ja unendlich viele unangenehme Zeitgenossen, die wir nicht an uns heran kommen lassen wollen. Manche treiben den Slalom so weit, daß sie alle anderen Menschen und alle intime Situationen meiden.

Ich kann mich noch gut an eine meiner ersten Gruppen mit Alan Lowen erinnern, als wir mit verbundenen Augen durch den Raum tasteten und uns berühren durften. Nach kurzer Zeit kam ich auf einen Horrortrip und nahm mir eine „Auszeit" am Rand. Ich machte vor allem eine gierige, dicke Frau für meinen Ekel verantwortlich. Später hatte ich dann Gelegenheit, all meinen Ekel auszudrücken. Ich schämte mich sosehr, daß ich nie wieder meine Augen öffnen wollte. Ich erwartete nur ekelverzerrte Gesichter um mich herum. Das Gegenteil geschah: als ich all meinen Mut zusammennahm und die Augen öffnete, sah ich in überwältigend liebevolle Augen und meine Angst löste sich in Glückstränen auf. Und das Erstaunlichste für mich war dann, daß ich später diese vermeintlich gierige, dicke Frau mit aller Liebe berühren konnte. Es waren meine Gier und mein Ekel gewesen, die ich in ihr gesehen und verurteilt hatte.

Uns berühren zu lassen macht das Leben intensiv und erfahrungsreich. Wir lassen uns aber innerlich nur dann wirklich berühren, wenn wir bereit sind, alles zu fühlen, was in uns berührt wird. Sonst sind wir innerlich unbeteiligt, während jemand uns vielleicht streichelt, anlächelt oder etwas Liebevolles zu uns sagt. In einer unserer Gruppen erzählte eine Frau, wie sie gelernt hat, aus ihrem Körper heraus zu gehen, wenn ihr Vater gewalttätig wurde. Später ertrug sie die Sexualität ihres Mannes in 15 Ehejahren und war innerlich weg, sie war nicht in ihrem Körper. Wieder fühlen zu lernen und präsent sein zu können bedeutete für sie auch, die Wut und Ekelgefühle zu erlauben, die sich in vielen Jahren aufgestaut hatten.

Befriedigender Kontakt braucht unsere Anwesenheit im eigenen Körper. Wenn wir nicht im Körper zu Hause sind, dann kommunizieren vielleicht zwei Intellekte miteinander, aber sie werden sich von den Worten des anderen nicht berührt fühlen. In diesem Zustand lassen sich Kriege verabreden oder Wirtschaftsstrategien erarbeiten, in diesem gefühllosen Zustand wird Politik gemacht. Kein Wunder, daß die Politik nicht mitfühlt, was sie anrichtet. Religionen haben uns Jahrtausende lang gepredigt, daß wir unseren Körper überwinden, unsere „Fleischeslust" besiegen und die Niederungen der materiellen Existenz hinter uns lassen sollten. Da wir jedoch alle einen Körper haben, fallen wir alle immer wieder in das „Böse" hinab und sind über die entsprechenden Schuldgefühle bestens manipulierbar. Viele spirituelle Richtungen des New Age sind in ihrer Körperfeindlichkeit nicht viel weiter als die katholische Kirche. Manche spirituell weitgereisten Zeitgenossen wirken ziemlich blutleer. Sie verhalten sich so, als habe Gott einen großen Fehler begangen, das Universum durch und durch sexuell zu erschaffen. Diesen Fehler müßten wir jetzt durch Abstinenz ausbügeln. Wenn Spiritualität etwas mit der Rückverbindung zur Einheit zu tun hat, aus der wir alle kommen, dann führt uns Intimität geradewegs an die Punkte, an denen wir uns von der Einheit getrennt haben und gibt uns damit die Chance, uns zu heilen.

Intimität braucht die Bereitschaft, all die verinnerlichten Schuld- und Schamgefühle zu fühlen, anzunehmen und vielleicht sogar zu feiern. Wenn unser Lehrer Alan Lowen in seinen Gruppen sagt „feiert Eure Peinlichkeit, laß Dich rot werden, schwitzen und zittern", sieht er meistens in ziemlich erstaunte Gesichter oder erntet Gelächter. Die Scham feiern?? Schuld- und Schamgefühle verlieren ihre Macht über uns, wenn sie einfach sein dürfen. Auf diese Weise werden wir unverschämt.

Intimität ist nicht unbedingt die größtmögliche Nähe

Mit „unverschämt" meine ich nicht distanzlos. Intimität ist nicht unbedingt die größtmögliche Nähe. Intimität ist die Nähe, in der ich mich und den anderen am meisten spüre. Gestern rief auf eine unserer Anzeigen ein fremder Mann an und fragte als erstes, vor jeder Begrüßung: „ich habe einen kleinen Penis, macht das was?". Das nenne ich Distanzlosigkeit, eine Art Flucht nach vorn, und das geschieht, insbesondere bei Männern und im Schutz der Anonymität des Telefons, relativ häufig. Eine solche Pseudooffenheit ist eine ebenso effektive Vermeidung von Intimität wie völlige Verschlossenheit.

Für Intimität braucht es oft nicht sehr viel. Bei einem offenen Abend haben wir von einer Frau zu hören bekommen, daß einige Minuten Augenkontakt intensiver waren als alles, was sie in 20 Jahren Ehe erlebt hatte. Das hört sich kraß an, ist aber vielleicht gar nicht so ungewöhnlich. Viele lernen in der Ehe, wie sie mit möglichst wenig Reibungsverlusten aneinander vorbei leben können, und wenn das nicht klappt, scheitert die Ehe. In einer langfristigen Liebesbeziehung Intimität immer neu zu erleben heißt auch, den anderen immer wieder so zu sehen, als kenne ich ihn oder sie nicht. Je mehr eingespielt und anscheinend selbstverständlich ist, desto weniger Risiko liegt im Kontakt. Auf die Dauer wird das langweilig, die Beziehung stirbt innerlich und die Liebe wird durch Gewohnheit ersetzt.

Ich wohne seit fast zwei Jahren mit Nutan auf sehr engem Raum zusammen. Viele der beschriebenen Vermeidungsmuster entdecke ich auch bei mir. Seit einigen Wochen lerne ich, Zeiten des Zusammenseins und Zeiten des Alleinseins klarer zu trennen und klar zu vereinbaren, wann wir zusammen sein wollen und wann nicht. Das Zusammenwohnen, -leben und -arbeiten verführt uns oft dazu, daß wir in einem „Kontaktbrei" ohne Konturen verschwimmen. Die Lust aufeinander und die Erotik läßt dann nach. Obwohl wir beide aufregenden Abenteuern mit anderen Menschen nicht abgeneigt sind, liegt darin keine Lösung. Intimität bekommt als spiritueller Weg mehr Tiefgang, wenn wir uns ihrem Ruf auch und gerade in einer dauerhaften Beziehung stellen. Die erfüllendsten Liebesnächte erlebe ich dann, wenn ich völlig von meinen Erwartungen und Vorstellungen loslasse. Das ist mit Nutan manchmal schwer, weil mein Verstand sich doch noch so gut an die vielen wunderschönen Begegnungen mit ihr erinnert und am liebsten eine Neuauflage inszenieren würde.

Wenn einer die Nacht in der Badewanne verbringen muß…

Nutan und ich waren beide Mitglied in einer Pioniergruppe in Freiburg, die sich dem Lieben lernen jenseits der üblichen Beziehungsmuster widmete. Die Gruppe wurde von niemandem geleitet. Die verschiedenen Wünsche und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen war oft eine Herausforderung. Hinter Machtkämpfen stehen meistens unsere verschiedenen Strategien, Intimität zu kreieren, auf die wir fixiert sind. Dadurch sehen wir nicht, daß andere dasselbe Ziel haben. Wir schufen miteinander Erfahrungsräume, in denen wir lieben lernen können. Eines der Experimente war, mit anderen aus der Gruppe eine Nacht zu verbringen, ohne daß ich mir diese Person normalerweise für ein „Date" ausgesucht hätte. Es ist in keiner Weise vorgeschrieben, was in dieser Nacht geschehen soll, muß oder darf, die Vereinbarung besteht lediglich darin, diese Nacht zusammen zu verbringen, und sei es, daß einer in der Badewanne übernachten muß, weil man sich gar nicht verträgt. In diesen Nächten sind erstaunliche Dinge geschehen, manche Antipathien haben sich in Luft aufgelöst und neue Freundschaften sind entstanden. Wenn ich eine Nacht mit jemand zusammen bin, entsteht ein ganz anderer Kontakt als wenn man einen Kaffee zusammen trinkt. Die vielfältigen Bewertungen und Urteile, die wir übereinander haben, stehen plötzlich einfach im Weg und es entsteht eine Neugier, wer der andere denn wirklich ist. Oft haben wir das Versteckspiel einfach losgelassen. Zumindest wurde es ziemlich anstrengend, sich weiter zu verstecken. Viele sind auch an Grenzen gekommen, vielleicht an die Grenzen unserer Liebesfähigkeit, wo wir uns selbst oder den anderen nicht so annehmen können, wie wir sind. Der Impuls „jetzt möchte ich lieber allein sein" hat oft damit zu tun, daß wir im Kontakt nicht das erlauben, was wir allein erlauben würden. Im Kontakt entspannen heißt mich zeigen und sein lassen, wer ich bin. Je mehr mir das gelang, desto schöner und erfüllender waren die Begegnungen.

Beim nächsten Gruppentreffen wurde über die „Dates der Woche" berichtet, so daß alle aus den Erfahrungen lernen konnten. Oft wurden die „Tricks" transparenter, mit denen wir gewöhnlich Intimität vermeiden oder die Ängste, die wir damit verbinden. „Wenn ich mich völlig öffne, wird sie dann zuerst wieder zumachen und mich damit verletzen? Bevor das geschieht mache ich lieber selbst dicht." oder „Vielleicht baut er Erwartungen auf, wenn ich soviel Liebe gebe, und läßt mich dann nicht wieder los." oder „Ohne zusammen zu schlafen bin ich kein richtiger Mann gewesen, und dann wissen es nachher alle, also tue ich alles, um zum Ziel zu kommen." Das Experiment zeigte auch, wieviel leichter es fällt, Nähe, Liebe und Intimität zuzulassen, wenn erstens eine klare Erlaubnis dafür gegeben ist (in diesem Fall durch die Vereinbarung in der Gruppe) und zweitens auch eine klares Ende ausgemacht ist (in diesem Fall eine Nacht). Uns selbst zu erlauben, jemanden einfach zu lieben, und uns selbst auch zu erlauben, wieder Grenzen zu setzen, wo wir das brauchen oder möchten, ist offensichtlich so schwer, daß wir es oft erst gar nicht riskieren. Ich bin jedoch dankbar für solche Hilfskonstruktionen, denn der Liebe ist es egal, warum und wieso sie da sein darf. Sie möchte einfach gelebt werden.

Nicht auf den zündenden Funken warten

Ich lerne, wie ich Liebe und Intimität initiieren kann, ohne auf den zündenden Funken zu warten, der vielleicht irgendwann vom Himmel fällt. Mehr und mehr wächst in mir das Vertrauen, daß es nur meine eigene Begrenzung ist, aufgrund derer ich andere nicht lieben kann. Ich liebe unsere Arbeit, in der wir im Wesentlichen einen Raum kreieren, in dem es leichter fällt, lieben zu lernen. Wenn niemand die Gruppe leitet, ist das ungleich schwerer, aber um so wichtiger. Intimität ist der Wegweiser. Situationen zu schaffen, in denen wir uns nah sein können und gleichzeitig die Offenheit, daraus zu lernen anstatt an Zielen und Erwartungen festzuhalten, ist für mich der Schlüssel. Je mehr wir lieben lernen, desto weniger Bedingungen muß der andere erfüllen, um von uns geliebt zu werden. Das Lernfeld heißt Intimität. Und es muß nicht nur hinter der verschlossenen Schlafzimmertür stattfinden. Intimität kann überall da stattfinden, wo wir bereit sind, uns mit uns selbst und all dem zu verbunden zu fühlen, was uns umgibt. Ich glaube, das ist ein wichtiger Aspekt für die Transformation unserer individualistischen Kultur. Und vielleicht ein Wegweiser zur Erleuchtung, der es bekanntlich auch egal ist, wie Du sie erlangst. Also warum nicht durch Liebe, Lust und Intimität?

Zeitschrift Wendezeit

Art of Being

Wassermann-Zeitalter 4/98

Bewußt lieben lernen

Saleem Matthias Riek

Tantra ist kein Geheimtip mehr unter den spirituellen Wegen, zigtausende Frauen und Männer haben inzwischen Tantraseminare besucht. Über Tantra gibt es viele Gerüchte, und tatsächlich gibt es auch zwielichtige Angebote, die sich des Namens Tantra bedienen. Das Spektrum reicht von sogenannten Tantramassagen, die von Prostituierten angeboten werden, bis hin zu sehr esoterischen Einweihungslehren, über die in der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist. In diesem Artikel geht es um Tantra als einen spirituellen Weg, der zwar in der Essenz auf traditionellen Lehren des Ostens aufbaut, in der Praxis aber mit vielfältigen Elementen der Körperpsychotherapie und humanistischen Therapie, mit Begegnung, Berührung und mit Meditation arbeitet. Diese manchmal als „Neotantra" bezeichnete Form des Wachstumsprozesses ist im Westen heute mehr und mehr verbreitet und dennoch bei weitem nicht überall anerkannt. Das Maß an Intimität und Vertrautheit, das in den Gruppen entsteht, ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Fernsehberichte wirken deshalb manchmal sogar abstoßend. Die uralte Weisheitslehre des Tantra ist in ihrer Essenz jedoch so interessant, daß wir sie gerne einem breiteren Publikum bekannt machen möchten. Die Praktiken tibetischer Mönche sind dabei auf uns nicht ohne weiteres übertragbar. Tantra ist jedoch so undogmatisch, daß sehr leicht passende Methoden aus unserem Kulturkreis gefunden werden können, um Tantra zu erfahren und zu lernen.

Tantra ist ein Weg des Ja. Es ist kein „Ja und Amen", sondern ein tiefes Daseinlassen von allem, was ist. Tantra beginnt bei uns selbst. Wie können wir ein Ja zu uns finden, so wie wir sind? Ohne uns selbst zu beschönigen, ohne uns in die Tasche zu lügen? Ohne unsere Schwächen wegzuaffirmieren? Die Basis von Tantra ist Selbstliebe. Wir alle haben in unserer Kindheit gelernt, daß wir so, wie wir sind, nicht o.k. sind. Wir schämen uns, wir verurteilen uns, wir lehnen uns in bestimmten Aspekten selbst ab. Wir mißtrauen unseren eigenen Gefühlen, wir verlieren den Kontakt mit der Weisheit unseres Körpers und haben den Reichtum unserer Lebendigkeit reduziert. Vielen Menschen ist ihre Selbstverurteilung und Selbstvermeidung nicht bewußt. Sie spüren Verachtung, Wut, Angst oder einfach Empfindungslosigkeit gegenüber anderen Menschen. Die Wurzel hierfür sind alte Verletzungen und Ungeliebtsein aus der Kindheit und daraus folgend mangelnde Selbstliebe.

Tantra lehrt uns, das Leben in allen seinen Facetten anzunehmen, zu bejahen, zu feiern, und das heißt zuallererst die Lebendigkeit in uns. Das Ja kann in manchen Fällen auch ein Ja zum Nein sein. Wenn wir uns erlauben zu fühlen, was wir fühlen, zu sein, wer wir sind, geschieht Heilung. Der Heilungsprozeß kann nur da anfangen, wo wir jetzt sind, mit allen Verletzungen, Narben und Verkorkstheiten, die wir mit uns herumtragen. Um an Tantragruppen teilzunehmen braucht es deswegen keine andere Voraussetzung außer der Bereitschaft, sich selbst tiefer kennenzulernen und zu begegnen. Diese Bereitschaft brauchen wir allerdings wirklich! Wir haben es einige Male erlebt, daß eine begeisterte Teilnehmerin ihren Partner überredet hatte, mitzukommen. Der war dann bereit, „es sich mal anzuschauen", aber nicht, sich auf sich selbst einzulassen. Das geht bei einem offenen Abend, aber bei einer längeren Gruppe ist es unerträglich, anderen beim Prozeß des Sich-Öffnens zuzuschauen und selbst verschlossen zu bleiben. Die Bereitschaft, bei sich selbst anwesend zu sein, sich selbst kennenzulernen, ist eine Art Eintrittskarte zum Tantra. Und nicht nur zum Tantra, wohl auch für die Liebe, die die Flitterwochen überdauern soll.

Liebe ist sein lassen. Liebe wird so sehr mißverstanden, und Millionen Menschen leiden unter einem Mangel an Liebe. Viele Krankheiten sind die Folge von zuwenig Liebe. Aber kaum jemand gesteht es sich ein oder gibt zu, darüber noch etwas lernen zu können. Liebe setzt Selbstliebe voraus. Wenn wir uns selbst nicht so sein lassen können wie wir sind, können wir auch unsere Nachbarn nicht sein lassen. Wir werden jeden Menschen meiden oder sogar hassen, der uns tiefer dort berühren könnte, wo wir uns selbst nicht mögen. Wir machen dann andere für unsere Beziehungsdesaster verantwortlich, wo nur der Blick auf uns selbst wirklich helfen könnte. Liebe entsteht aus dem Einverstandensein mit dem, was ist, und das ist viel mehr als das romantische Gefühl, das uns Werbung und Kino als Liebe verkaufen. Tantra lehrt, uns wirklich für die Liebe zu öffnen. Dabei kann es helfen, zunächst mal alles zu vergessen, was wir über die Liebe zu wissen glauben, und noch einmal neu hinzuschauen und hinzuspüren. Was ist Liebe wirklich? So viele, wenn nicht alle Menschen, möchten lieben und geliebt werden, und dennoch gibt es oft sowenig Liebe auf dieser Welt. Wäre das nicht Anlaß genug, etwas mehr darüber in Erfahrung zu bringen? Tantra öffnet neue Türen zu unserer Liebesfähigkeit, in Räume, die wir uns kaum vorstellen können, wenn wir sie nicht erfahren haben.

Tantra wird oft mit bestimmten sexuellen Praktiken in Verbindung gebracht. Es ist kein Wunder, daß unsere sexualfeindliche wie sexualsüchtige Kultur diesen Aspekt von Tantra herausgreift und skandalisiert. Tantra bejaht unseren Körper, unsere Lust, Erotik, Sinnlichkeit, Sexualität. Darin unterscheidet sich Tantra grundlegend von allen Religionen und spirituellen Lehren, die den Körper zu überwinden trachten und Sex tabuisieren. Die berühmten Skulpturen indischer Reliefs zeigen in aller Freizügigkeit sexuelle Stellungen und wirken auf unseren Kulturkreis obszön. Die Obszönität ist jedoch nicht mehr als ein Spiegel unserer sexuellen Schuld-, Scham- und Minderwertigkeitsgefühle. Bei genauerem Betrachten sehen wir die atemberaubende Schönheit der sexuellen Vereinigung, die im traditionellen Tantra als ein Symbol für die Vereinigung mit Gott galt. In Indien und Tibet gab es viele Jahre der Vorbereitung, ehe sexuelle Praktiken in die Schulung einbezogen wurden. Wer sich von Tantra die schnelle sexuelle Befriedigung erhofft, ist auf dem Holzweg. Tantra weist weit über die Befriedigung unserer Wünsche hinaus. Indem der Wunsch und das Verlangen völlig akzeptiert und angenommen wird, braucht es nicht mehr zwingend seine Erfüllung. Tantra lehrt die Überwindung unserer Fixierungen und unseres Verlangens durch die völlige Hingabe an das, was ist. Wenn du einen Wunsch hast, gib dich dem Wunsch hin, wenn er erfüllt wird, gib dich der Erfüllung hin, wenn er enttäuscht wird, gib dich der Erfahrung deiner Enttäuschung hin. Wenn wir auf diese Weise unsere Wünsche leben lassen, ohne auf ihre Erfüllung festgelegt zu sein. nehmen unsere Lebendigkeit und Lebensfreude enorm zu. Wir können z.B. von unserem Partner das Blaue vom Himmel herunter wünschen. Wenn wir ihn nicht gleichzeitig dafür verantwortlich machen, uns unsere Wünsche zu erfüllen, sondern ihn wirklich frei lassen, auf unseren Wunsch zu antworten, dann geschehen manchmal Wunder, die zu wünschen uns gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Und manchmal ist es schmerzlich, den Wunsch wieder loszulassen. Auch das gehört zum Ganzwerden dazu.

Es geht im Tantra also nicht um vordergründige Befriedigung. Wer die sucht, wird im Tantra enttäuscht werden. Um die sexuelle Energie für unser Wachstum und unsere spirituelle Entwicklung nutzen zu können braucht es die Bereitschaft, auch die Wunden wieder zu fühlen, die wir als sexuelle Wesen erfahren haben. Wer hat in der Pubertät unser sexuelles Erwachen gefeiert? Wer konnte jemanden offen und ehrlich um Rat fragen? Manche Tantrainteressenten kommen in eine Gruppe und erwarten, frei, erotisch und liebevoll sein zu können, in dem Glauben, bislang nur die falschen Menschen getroffen zu haben. Der Weg führt jedoch zunächst nach innen, wir müssen uns dem Schmerz stellen, den die sexualfeindliche Erziehung in uns hinterlassen hat, der in unseren Körpern und Seelen darauf wartet, gefühlt und losgelassen zu werden. Dadurch werden wir frei, mit erotischer Energie zu spielen. Tantra ist kein leichter Weg, er braucht die Bereitschaft, sich wirklich mit sich selbst zu konfrontieren und die Verantwortung für sich zu übernehmen. Wer hierzu bereit ist, dem öffnen sich allerdings ungeahnte Dimensionen von Lust und Liebe.

Oft wird die Frage gestellt, ob Tantra die Tendenz hat, feste und verbindliche Beziehungen aufzulösen. Wie zu allen anderen Themen auch lehrt Tantra die Erfahrung anstatt Bewertungen. Es ist also jedem selbst überlassen, die passende Form zu finden, Liebe im Alltag zu leben. Das kann sowohl monogam sein als auch in offenen Begegnungen. Andererseits können wir im Tantra jedoch sehr viel lernen, wie wir erfüllende, freie und verbindliche Beziehungen leben können.

Tantra im Westen hat viele Methoden der humanistischen Psychotherapie und der Körpertherapie integriert, um uns für die Erfahrung des Ja, des Annehmens der Existenz, der Liebe zu uns, zu unseren Mitmenschen und zu unserer Natur wieder zu öffnen. Es wird mit Atem, Bewegung, Tanz, mit Spüren, Berühren und Begegnung gearbeitet, immer eingebettet in den verbalen Austausch über die Erlebnisse. Hierin unterscheiden sich Tantragruppen oft wenig von körpertherapeutisch orientierten Seminaren. Die Grundhaltung geht jedoch über Therapie hinaus, und wir müssen keine Lösungen finden oder alle Traumata geheilt haben, um uns anzunehmen, wie wir sind. Wenn wir uns als sexuelles Wesen selbst akzeptieren können, wenn wir uns als Mann und als Frau lieben gelernt haben, können wir die enorme Kraft erotischer Energie nutzen, wie wir selbst es wollen. Wenn die sexuelle Kraft frei fließen kann, wenn wir sie nicht mehr einschränken müssen, um z.B. das Fühlen alter Verletzungen zu vermeiden, dann wird es möglich, sexuelle Energie in allen Bereichen unseres Lebens einzusetzen. Mit speziellen Übungen und Techniken lehrt Tantra, die Energie durch den Körper zu lenken und uns auch in ekstatischen Zuständen zu entspannen. Sexualität kann zur Meditation werden. Es gibt Tantraschulen, die diesen eher technischen Aspekt in den Vordergrund stellen. Dabei geht manchmal die Verletzlichkeit als liebendes Wesen verloren. Wenn wir uns mit ganzem Herzen öffnen, dann sind wir verletzlich, auch dann, wenn wir noch so selbstbewußt und spirituell entwickelt sein mögen. „The Art of Being", heißt die spirituelle Schule, die von Alan Lowen gegründet wurde und einen anderen Weg geht. Im Namen „Die Kunst des Seins" kündigt sich die unmittelbare Einfachheit von Tantra an. Zurückfinden zum Sein, nichts tun müssen, um anerkannt oder gut genug zu sein, diese Qualität entfaltet eine Magie, die sowohl heilsam als auch tief berührend ist. Es ist allerdings erstaunlich, wieviel Angst viele Menschen davor haben, einfach nur sie selbst zu sein. Wir sind es so gewohnt, uns zu verstecken, zu verstellen, Erwartungen anderer zu entsprechen oder nett zu sein daß wir oft gar nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind, wenn wir alle diese Gewohnheiten loslassen. Um uns selbst wieder zu entdecken, brauchen wir Zeit, einen geschützten Rahmen und Unterstützung für unser eigentliches Wesen. Oft brauchen wir eine Krise im Leben, eine Trennung, eine Krankheit, den Verlust unserer Arbeit, den Tod eines nahestehenden Menschen, um unsgrundlegend neu zu orientieren und unsere Prioritäten neu zu ordnen. Wir müssen aber nicht darauf warten. Wir können auch jetzt schauen. Was ist mir wirklich wichtig in meinem Leben? Ist Liebe auf der Liste weit oben, bin ich dann auch bereit, entsprechend viel Zeit und Energie dafür aufzuwenden, diese Liebe wirklich in mein Leben zu bringen? Bewußt lieben lernen fängt mit diesem kleinen Schritt an, ehrlich mir selbst gegenüber zu sein. Und wenn Liebe leben - im Einklang mit unserer Sexualität und unserem Bewußtsein - ganz oben auf der Prioritätenliste steht, dann kann Tantra eine enorme Unterstützung auf dem Weg sein.

Wendezeit

Art of Being

Wassermann-Zeitalter 3/98

Die Heilung in Erotik und Sexualität

Saleem Matthias Riek

Erotik und Sexualität sind Lebensbereiche, in denen die wenigsten von uns sich wirklich frei fühlen. Auch nach vielen Jahren Therapie, auch nach viel Selbsterfahrung und Meditation bleibt oft eine große Unsicherheit im Umgang mit der eigenen Lust, im Umgang mit erotischen oder sexuellen Situationen. Es fällt uns schwer, offen über unsere Bedürfnisse zu sprechen, oder wir haben Mühe, Sex und Herz wirklich zu verbinden.

Wir alle haben Strategien gelernt, dies nicht dauernd zu fühlen: Entweder reservieren wir Erotik für bestimmte Situationen, z.B. nur mit dem festen Partner; oder wir schneiden uns von der Lust ab, brauchen gar keinen Sex; oder wir überfüttern uns mit sexuellen Reizen. Ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht, wir sind immer auch sexuell. Wir sind sexuelle Wesen. Die sexuelle Polarität von männlich und weiblich ist ein Grundbaustein unseres Universums. Diese eigentlich banale Tatsache ist völlig pervertiert worden. Wir leben in einer gespaltenen Kultur: einerseits werden wir überflutet mit sexuellen Reizen, andererseits gibt es im persönlichen Bereich noch immer viele Tabus. Einerseits reden im Zeitalter von Aids Prominente in Talkshows vermeintlich offen über jede sexuelle Spielart - nichts bleibt unausgesprochen von Analverkehr bis zart dominant. Andererseits tun wir uns im Alltag schwer, direkt und unkompliziert unsere erotische Befindlichkeit auszudrücken.

Wir haben unsere sexuelle Unschuld verloren. Aus natürlichen Impulsen sind zwanghafte Hintergedanken geworden: „Hallo, ich würde gerne einmal mit Dir zusammen schlafen" würde wohl kaum jemand offen aussprechen, und wenn es jemand täte, wäre es für die meisten ein Schock.

Kennen Sie den bezeichnenden Comic, in dem eine Frau und ein Mann in der U-Bahn nebeneinander sitzen und unter Mobilisierung all ihren Mutes die Augen zueinander rollen, um sie bei der Begegnung der Augen sofort wieder abzuwenden? Wen erstaunt der Erfolg der Single-Parties in den Städten? Es sprießen die Partnervermittlungsinstitute und die Kontaktanzeigenspalten. Manchmal beginnen wir unsere Workshops mit einem Spiel. Die Ecken des Raumes sind definiert durch vier mögliche Motive, an dem Seminar teilzunehmen. Die Teilnehmer begeben sich in die Ecke, die für sie am ehesten zutrifft. Eine Ecke heißt „Ich bin hier, um meine Traumfrau oder meinen Traummann kennenzulernen - oder wenigstens einen Mann oder eine Frau, die mir gefällt". Diese Ecke bleibt meistens leer, obwohl es bei der Vorstellung der Ecken hier am meisten Gelächter gibt. Ich habe meine Frau in einer Tantragruppe kennengelernt, und ich bin bestimmt nicht der Einzige. Aber hätte ich gewagt, mich mit diesem Motiv zu zeigen? Wohl kaum. Man oder frau könnte denken, ich hätte es nötig…

Manche meinen vielleicht, Sex sei so intim, daß es selbstverständlich heikel sei, sich mitzuteilen. Das mag stimmen. Mir kommt es jedoch oft so vor, als wenn wir alle mit vielen Pflastern, Verbänden und Warnschildern herumlaufen, mit denen wir uns davor schützen, an unseren Wunden berührt zu werden. Wir sind immer sexuell. Auch Dein Nachbar, den Du vielleicht durch und durch unerotisch findest, ist sexuell. Was würde es in uns berühren, Sexualität auch da wahrzunehmen, von wo wir sie individuell oder kollektiv verbannt haben? Unsere Gefühle würden wahrscheinlich von Irritation bis zu Ekel reichen. Sind wir hier noch bereit, die Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen?

Als Kinder ist uns beigebracht worden, daß es da etwas gibt, das nichts für uns ist, daß wir uns da unten nicht oder zumindest nicht öffentlich berühren sollen. Die Geheimnisse um Sexualität haben uns nicht nur neugierig gemacht, sie haben uns in unserer Unschuld und Spontaneität auch tief verletzt. Selbst wenn kein direkter Mißbrauch an uns verübt wurde ist es kein Wunder, wenn wir mit dem verstärkten Erwachen unserer Sexualität in der Pubertät überfordert waren. Wer hatte in dieser wichtigen Zeit einen Menschen, den er offen fragen konnte?

Selbst wenn wir im Laufe der Jahre ein mehr oder weniger befriedigendes Sexualleben aufbauen konnten, tief im Innern sitzt die Wunde, daß Sex nicht o.k. ist oder daß wir sexuell nicht o.k. sind. Sie wird von Scham- und Schuldgefühlen, von Wert- und Glaubenssystemen und von einer Reduzierung unserer Erlebnisfähigkeit eingekapselt. Wir haben uns so sehr an unser Wundsein gewöhnt, daß wir uns einen unschuldigen, spontanen und respektvollen Umgang mit unseren sexuellen Impulsen kaum mehr vorstellen können. Sogar in unseren Phantasien spalten wir Gefühle wie Geborgenheit, Nähe und Intimität von Lust, Geilheit, erotischem Knistern und Sexualität ab. Wir sehen die Spaltung im Kino gespiegelt, da gibt es den Erotik-Thriller oder den romantischen Schmachtfetzen, beides zusammen bringen nur die seltenen Ausnahmen. Männer und Frauen haben meist unterschiedliche Strategien entwickelt, mit dieser Wunde zu leben. Männer können es meistens weniger ertragen, nicht sexuell zu sein und suchen Wege, Sex verfügbar zu machen. Pornographie, Prostitution oder normaler ehelicher Dreiminutensex sind nur die Extreme. Durch die Vermeidung von allzuviel Gefühl beim Sex vermeiden Männer auch den Schmerz. Frauen sind meist mehr mit ihren Gefühlen verbunden und identifiziert. Sie haben sich daher oft die sexuelle Lust abgeschnitten oder auf sehr bestimmte Situationen begrenzt. Männer haben große Angst, nicht sexuell sein zu können oder zu dürfen. Frauen haben große Angst, sexuell sein zu müssen. Beide Geschlechter projizieren die verdrängte Seite auf das andere Geschlecht. Frauen haben Panik vor sexuell fordernden Männern, Männer rennen vor emotional „verschlingenden" Frauen davon. Manchmal, und augenscheinlich immer öfter, ist es umgekehrt. Beide Geschlechter brauchen sich natürlich auch, denn sonst kommt es weder zur Liebe noch zum Sex (abgesehen von homosexuell liebenden Menschen). Also haben wir die ganze Palette der Manipulationen gelernt. Frauen täuschen sexuelle Lust vor, um vielleicht doch etwas Liebe vom Mann zu bekommen, Männer täuschen Liebe vor, um Sex zu bekommen. Beide Geschlechter haben Sex und Herz getrennt, als Schutz vor zu großem emotionalen Schmerz. Beides wieder zusammen zu erleben gelingt oft nur punktuell und in einem geschützten Rahmen, z.B. einer Zweierbeziehung. Irgendwann bricht dann der alte Schmerz hervor, und wer darauf nicht vorbereitet ist, wird wahrscheinlich seinen Partner beschuldigen oder seine Gefühle zum Absterben bringen. Und damit auch die Lust.

Du wirst niemals eine glückliche Beziehung auf Dauer führen können, in der Sex und Herz lebendig sind, wenn Du Dich den schmerzhaften Gefühlen nicht stellen willst. Die meisten von uns leben einen mehr oder weniger befriedigenden Kompromiß. Die Vision von freier und erfüllter Liebe und Sexualität haben viele entweder als unrealistisch begraben oder in Phantasien verbannt. Oft braucht es eine Krise, z.B. eine Trennung oder eine Krankheit, damit die Vision und die Enttäuschung, den Kontakt mit ihr verloren zu haben, wieder zum Vorschein kommt. Wie kommt es, daß viele Paare sich einander das Bestimmungsrecht über ihre Geschlechtsorgane überschreiben? Ich drücke das so kraß aus, um die Absurdität aufzuzeigen, die sexuelle Treue beinhaltet. Treue ist im Kern etwas ganz anderes als die Reservation der Liebe oder der Sexualität für eine Person. Wie kommt es, daß gute Gefühle zwischen zwei Menschen einen dritten in den Wahnsinn treiben können? Der Grund ist, daß viele Situationen unvermeidlich unsere Verletzungen berühren. Diese sind so verbreitet, daß wir die vielfältigen Strategien, sie nicht mehr zu spüren, für normal oder sogar natürlich halten. Eifersucht wird zum Gradmesser unserer Liebe - ein höllisches Mißverständnis.

Heilung geschieht nicht von allein. Im Gegenteil, die meisten Paare verletzen sich nur noch immer weiter, indem sie sich gegenseitig für ihren Schmerz verantwortlich machen. Die permanenten Lügen, mit denen Männer und Frauen sich zu manipulieren versuchen, treiben noch weiter weg vom Zugang zu dem liebevollen und sexuellen Wesen, das wir eigentlich sind. Der Mann, der ehrlich und direkt nach Sex fragt, handelt sich im ungeschützten Rahmen genauso eine Abfuhr ein wie die Frau, die bedingungslos geliebt werden will. Wir haben alle den Affentanz gelernt, den wir aufführen, bevor wir uns unsere wahren Bedürfnisse und Wünsche offenbaren.

Heilung braucht einen Schutzraum, in dem die Vorzeichen umgekehrt werden, in dem Ehrlichkeit unterstützt wird und Manipulation ins Leere läuft; einen Raum, in dem wir uns erlauben können, zunächst einmal wirklich zu fühlen, was wir fühlen. Unser Körper bringt uns mit unserer Wahrheit in Kontakt, denn er lügt nicht. Unsere Gefühle werden eindeutiger, je intensiver wir sie spüren. Trauer ist einfach Trauer, Wut ist Wut, Angst ist Angst. Lust ist Lust. Heilung setzt ein, wenn wir beginnen, die Verletzungen und den Schmerz wieder wahrzunehmen. Wir entdecken unsere Vision von befreiter, unschuldiger Liebe. Sowohl der Schmerz als auch unsere gewagtesten Träume sind wichtige Triebkräfte, die uns auf den Weg der Heilung schicken. Betäubung tut das Gegenteil, sie hält uns im status quo gefangen.

Die Verletzung unserer Sexualität hat sich tief in den Körper eingegraben. Der Zwang zu ejakulieren, die unterbrochene Verbindung mit sexueller Lust oder die Fixierung auf ganz bestimmte Formen der Stimulation sind Ausdruck davon, daß unser Körper nur noch eingeschränkt lustfähig ist. Körperarbeit und bestimmte Übungen und Techniken können sehr hilfreich sein, das Empfindungsvermögen zu erweitern. Vielleicht erfahren wir, daß wir zu mehr Lust fähig sind als wir es uns je vorstellen konnten. Der Heilungsprozeß beschleunigt sich enorm, sobald wir zu unserer spontanen Lust- und Liebesfähigkeit wieder Zugang gefunden haben, denn dann wollen wir mehr davon. Das kann zugleich auch eine starke Prüfung sein, denn die Diskrepanz zwischen aktueller Realität und dem, was wir leben wollen und zeitweise sogar erleben (z.B. in einer Gruppe), kann schwer auszuhalten sein. Wenn die Amplitude unserer Erlebnisse stärker ausschlägt, wenn wir meinen, Achterbahn zu fahren, zeigt das an, daß wir lebendiger werden.

Der Prozeß geschieht sowohl auf der körperlichen, der emotionalen wie auch auf der geistigen und spirituellen Ebene. Heilung in Erotik und Sexualität beinhaltet verschiedene Aspekte auf den verschiedenen Ebenen.

Im Körper beinhaltet die Heilung

• die Schulung der Körperwahrnehmung als Basis aller weiteren Prozesse

• das Erforschen der individuellen Lustfähigkeit und der lustbegabten Körperzonen

• die Auflösung von Muskelpanzerungen, die den Energiefluß behindern

• das Annehmen der individuellen Eigenheiten der sexuellen Reaktion: für Frauen z.B. die Art und Weise, wie sie zum Orgasmus kommen; für Männer z.B. sexuelle Phantasien als Stimulans

• das Ausdehnen und Erweitern der sexuellen Empfindungsfähigkeit durch

- das Lernen, sich Berührung ohne Kontrolle hinzugeben

- das Lernen, den Atem durch den Körper zu lenken

- das Lernen, sexuelle Lust durch den Körper zu kanalisieren

- das Loslassen des Ejakulationszwanges beim Mann

- das Lernen, in sehr erregten Zuständen zu entspannen

• die Wahrnehmung unserer feinstofflichen Körper (Aura)

Auf der emotionalen Ebene lernen wir

• uns selbst zu lieben wie wir sind

• die eigene Weiblichkeit bzw. Männlichkeit sowie auch die Gegengeschlechtlichkeit in uns anzunehmen

• Sex und Herz wieder miteinander zu vereinbaren

• sexuelle Lust und tiefe Nähe mit einem Partner verbinden zu können

• alle Gefühle zu erlauben und damit auch die sexuelle Empfindungsfähigkeit zu erhöhen

• unsere Bedürfnisse und unsere aktuellen Grenzen genau wahrzunehmen

• mit Lust zu spielen

Die Heilung unserer Gefühlswelt stößt nicht zuletzt dort an Grenzen, wo wir alten Glaubenssätzen und Urteilen über Sex, Liebe oder unser Selbstbild und Ich-Ideal aufsitzen.

Heilung beinhaltet auf der geistigen Ebene u.a.:

• die „Sollte" und „Müßte" in Bezug auf uns und unsere Mitmenschen loszulassen

• die Fähigkeit zu direkter und unvoreingenommener Erfahrung zu entwickeln

• die Rücknahme von Projektionen

• die Bereitschaft, die volle Verantwortung für sich zu übernehmen

• die Fähigkeit zu erweitern, Nähe und Distanz, Bindung und Freiheit in bewußt gewählten Beziehungen individuell zu gestalten, d.h. erfüllende Liebesbeziehungen einzugehen und auch dauerhaft zu leben.

Der Heilungsprozeß führt früher oder später auch in den spirituellen Bereich.

Auf der spirituellen Ebene geht es um

• Aufhebung der Spaltung zwischen gut und böse, zwischen Sex und dem „Göttlichen"

• Entwicklung der Fähigkeit zu ekstatischen Zuständen ohne Drogen

• die Möglichkeit, sexuelle Energie für den Prozeß des Erwachens zu nutzen

• sich in jede Erfahrung voll einlassen zu können und gleichzeitig den Scheinwerfer des inneren Beobachters eingeschaltet zu lassen.

• Leben, Lieben und Bewußtsein miteinander zu verweben.

Für alle Ebenen gibt es kraftvolle Übungen und Techniken, die uns unterstützen können. Mit diesen arbeiten wir in unseren Einzelsitzungen, Gruppen und Workshops. Sie machen aus dem Heilungsprozeß ein lebendiges und intensives Abenteuer, das allein schon eine Reise wert wäre. Sie führen uns in Erlebnisräume, von denen wir vielleicht noch nicht einmal zu träumen wagten. Sie bewirken den Unterschied von Theorie und Praxis und können nicht im Rahmen eines solchen Artikels vermittelt werden.

Heilung und Wachstum brauchen mehr als Techniken und Übungen! Heilung braucht im Kern einen Raum, in dem wir so sein können wie wir sind. Viele Menschen scheuen vor Tantragruppen zurück, weil sie auch dort befürchten, anders sein zu müssen als sie sind: attraktiver, lustvoller, selbstbewußter, männlicher, weiblicher. Wir haben es ja auch selten erlebt, daß unsere einzigartige Schönheit gesehen wird, wenn wir uns zeigen wie wir sind. Es braucht Mut, diese Erfahrung möglich zu machen, denn wir müssen dafür unseren Schutz durchlässig machen.

Heilung braucht einen Rahmen, in dem jeder für sich selbst anwesend ist, in dem jeder für sich selbst die Verantwortung übernimmt. Das beinhaltet die Bereitschaft, niemand anderes zu beschuldigen oder zu bestrafen für das, was er tut oder nicht gibt oder was meine Wunden berührt. Das beinhaltet die Bereitschaft, sich selbst wirklich und echt kennenlernen zu wollen und sich schrittweise - im eigenen Tempo - auch so zu zeigen. Das beinhaltet die Bereitschaft, sich selbst und die anderen so sein zu lassen, wie wir und sie sind. Daraus entsteht Liebe. Lieben ist Sein lassen.

Ein Raum, in dem wir mit all dem sein können, was wir sind, mit allen Ängsten, Gelüsten und Verlangen, Gefühlen und Gedanken…, ein solcher Raum entwickelt eine eigene Magie. Je mehr wir uns erlauben, authentisch zu sein in unserem Ja und unserem Nein, können wir das auch anderen zugestehen. Energien kommen zum Fließen, einfach weil wir sie lassen und weil es ihre Natur ist, zu fließen. Tiefe Bindungen und Verbindungen entstehen, weil es unsere Natur ist, uns zu verbinden. Heiße Erotik und lustvolle Sexualität erwachen, einfach weil wir sexuelle Wesen sind. Liebe geschieht, weil es unserem tiefsten Sein entspringt, zu lieben. Meditation stellt sich von allein ein, wenn wir all das austauschen, was wir einander zu geben haben, und wir mit uns und miteinander eins werden. Ein solcher Raum ist heilig, und er kann von jedem kreiert werden, der die schützenden Regeln einhält. Das erfordert allerdings ein großes Maß an Bewußtheit. Es kann in einer Liebesbeziehung geschehen, es kann mit einer Gruppe sein.

Der größte Feind in diesem heiligen Raum ist die Mißachtung der eigenen Grenzen. Wann immer Du Deine Grenzen mißachtest und etwas tust oder mit Dir geschehen läßt, wofür Du nicht wirklich bereit bist, wirst Du wahrscheinlich später einen Schuldigen suchen, Dich selbst mit eingeschlossen. Du wirst dich erst dann für den Heilungsprozeß wieder öffnen können, wenn Du entdeckt hast, wann und wie Du Deine Grenzen mißachtest hast. Der zweitgrößte Feind sind die Urteile. Du solltest sie wann immer möglich in Urlaub schicken, denn sie fußen fast immer auf alten Glaubenssätzen, die die Offenheit für neue Erfahrungen begrenzen. Wenn Dein Urteil jedoch zu stark ist, drücke es aus, aber kennzeichne es als Dein Urteil und nicht als die Wahrheit. Erwarte nicht, daß andere sich entsprechend Deinem Urteil verändern. Sei bereit zu fühlen, was in Dir geschieht, wenn andere tun, was Du verurteilst. Diese beiden und noch andere Feinde werden sich immer wieder einschleichen. Behandle sie als Deine Lehrer, erfahre was geschieht, wenn Du ihnen folgst, und lerne mehr und mehr, Deiner eigenen Wahrheit zu vertrauen.

Dieser heilige Raum, den Alan Lowen „The Art of Being" genannt hat, wird in unserer Kultur dringend benötigt. Solange wir uns nicht vorbehaltlos unserer Wahrheit stellen, haben wir nicht die Kraft, Liebe zu erschaffen. Wir bekämpfen im anderen, was wir in uns nicht sehen und annehmen wollen. Wir werden manipuliert, egal ob wir uns anpassen oder in Opposition stehen. „Art of Being"-Räume oder entsprechende Zusammenkünfte können Keimzellen einer Kultur werden, die unserem wahren Wesen entspricht. Wir lernen darin, unsere Liebe sein zu lassen, uns in allem wiederzuerkennen. Wir werden uns dann ganz spontan um alles kümmern, was wir selbst, unsere Freunde und Nachbarn, unsere Umwelt, unsere Natur und unser Planet brauchen.

Unsere Betonung von Erotik und Sexualität ist nicht zufällig. Sexuelle Energie ist nicht nur schöpferische Energie, sie ist zugleich auch die am meisten pervertierte, bis zur Unkenntlichkeit in düstere Verliese verdrängte Kraft, ohne die keine wirkliche Transformation geschehen kann. Spirituelle Praxis und Disziplin, die Sex verleugnet oder oberflächlich „überwindet", erzeugt weitere Schattenbereiche in unserer Psyche und wird auf die Dauer blutleer und lustlos. Die Heilung von Erotik und Sexualität ist eine Basis für die Heilung unseres Seins.

Wendezeit


Art of Being