Psychologie

 

Wendezeit 1/01

Wie Liebe gelingt

Ingeborg Oelmann

Bert Hellinger ist mit der Entwicklung seiner verdichteten Form des systemischen Familien-Stellens eine inzwischen auch international vielbeachtete Erweiterung therapeutischer Handlungsmöglichkeiten gelungen, die wegführt von der problemorientierten Ebene auf die lösungsorientierte Ebene Ein guter Schritt mit einer phänomenalen Wirkung.

Eine gelungene Paarbeziehung ist der große Traum vieler Menschen. Eine gelungene Paarbeziehung, in der sich die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben verwirklicht, in der wir uns zufrieden und glücklich fühlen. Eine Paarbeziehung, in der wir unserem Wesen entsprechend geliebt und gewürdigt werden, in der wir uns entfalten können und auf unseren individuellen Weg ins volle Leben kommen.

Es gibt heute - Dank Bert Hellingers systemischer Familientherapie - die zündensten Antworten darauf und die tiefgreifendsten Lösungen.

Der erste und wichtigste Schritt ist, den Platz als Kind in seiner Ursprungsfamilie (wieder) einzunehmen und allen Vorgeborenen ihren angestammten Platz in Achtung und Liebe (zurück) zu geben. Bert Hellinger fasst seine Erfahrung folgendermaßen zusammen:

Wenn die Familie auf diese Weise in Ordnung gebracht ist, kann der Einzelne aus der Familie hinausgehen. Dann spürt er die Kraft der Familie im Rücken. Erst wenn die Bindung an die Familie anerkannt ist und die Verantwortung klar gesehen und verteilt wird, fühlt sich der Einzelne entlastet und kann seinem Eigenen, Besonderen nachgehen, ohne dass ihn das Frühere belastet oder einholt.

Jeder Mensch hat ein inneres Bild seiner Familie, welches seine Beziehung zu anderen Menschen und zur Wirklichkeit bestimmt. Wir leben mehr oder weniger - unbewusst - das Schicksal eines Familienmitgliedes nach und können deshalb oft eigene, individuelle Lösungen nicht wahrnehmen.

So werden beispielsweise Krankheiten, an denen schon ein Familienmitglied gestorben ist, von einem Kind wieder aufgenommen und durchlebt. Viele Probleme bis hin zu schweren Unfällen und Todesphantasien resultieren (meistens) aus einer Verstrickung innerhalb der Familie, die wir erst erkennen und verstehen können, wenn wir unsere Familie aufgestellt haben. Das lässt sich am besten in einem Seminar durchführen.

Für eine eigene Aufstellung bitten wir andere Teilnehmer/innen, als Stellvertreter/innen für wichtige Personen aus unserem Beziehungssystem mitzuwirken. Diese Stellvertreter/innen stellen wir dann so zueinander auf, wie unser inneres Bild unserer Familie ist. Auch für uns selbst suchen wir eine Vertretung. Wenn die Familienmitglieder aufgestellt sind, setzen wir uns so, dass wir einen guten Überblick haben und alles hören können. Unter Zuhilfenahme der Aussagen der Stellvertreter und des eigenen Bildes von geordneten Beziehungen arbeitet der Systemtherapeut an einer guten Lösung für alle Beteiligten.

Das verblüffende, ja das merkwürdige Phänomen bei einer Familienaufstellung ist, dass die Stellvertreter fühlen wie die Personen, die sie vertreten, ohne dass sie diese kennen.

Dabei können wir beobachten, dass nicht nur die Stellvertreter von den wirklichen Personen beeinflusst und in einem gewissen Sinne besessen sind - zum Beispiel, wenn sie plötzlich deren Symptome fühlen und von der Kraft dieser Schicksale zu Boden gezwungen werden -, sondern dass auch umgekehrt die Lösung, welche die Vertreter für die wirklichen Personen in der Aufstellung leisten, auf diese zurückwirkt. Daher kommt es zum Beispiel vor, dass Eltern für ihre an Magersucht erkrankte Tochter, die selbst nicht dabei ist und nichts von einer Aufstellung weiß, durch die gute Lösung, die gefunden wurde, ab diesem Zeitpunkt vollkommen normal wieder ihr Essen zu sich nimmt. Doch wie kann das sein? Der gesunde Menschenverstand sucht nach einer logischen Erklärung. Doch durch das Nichtwissen der Folgen einer Lösung der Aufstellenden und das ebensolche Nichtwissen der abwesenden Personen lässt sich dieses Phänomen vielleicht am ehesten durch die Annahme eines wissenden Feldes (Dr. med. Albrecht Mahr) erklären oder, wie der Physiker Rupert Sheldrake in seinen Büchern schreibt, durch das morphogenetische Feld, oder, wie Bert Hellinger es nennt, einer allen Beteiligten gemeinsamen, sie einenden und steuernden großen Seele. Denn dass es sich hierbei um etwas Aktives handelt, das auf eine persönliche Lösung zusteuert, ist unübersehbar. Wir müssen also Abschied nehmen von einem das abendländische Denken und Fühlen seit langem beherrschenden Bild, als sei alles Wirkliche nur im Subjekt, als schaffe und konstruiere das Subjekt seine Gedanken, Anschauungen und Gefühle und als sei es im Grunde von äußeren Einflüssen abgeschottet und gegen sie immun. Wir sind aufgefordert, uns der Wirklichkeit, wie sie sich zeigt und wie sie uns fordert, zu stellen und zu fügen.

Beim Familien-Stellen wird erfahrbar, dass diese große Seele nicht nur die Lebenden umfasst, sondern auch die Toten. Hier unterscheiden zu wollen, als könnte das sich nur auf die Lebenden und nicht auf die Toten beziehen, verkennt, dass es mit Bezug auf die Lebenden nicht weniger geheimnisvoll ist, wie die Anwesenden und Abwesenden miteinander verbunden sind, als mit Bezug auf die Toten. Der einzige Unterschied ist, dass wir es bei den Lebenden nachprüfen können, bei den Toten nicht. Dass wir etwas nachprüfen können, fügt der Wirkung nichts hinzu!

Die Wirkung geht ja aller Nachprüfung voraus. Es gibt sie auch ohne Nachprüfung!

Dennoch haben einige Menschen das Bedürfnis, beweisen oder verleugnen zu wollen. Doch wem bringt das was? Reicht die gute Wirkung der gefundenen Lösung, in der sich die Weite und Tiefe der großen Seele manifestiert, nicht aus? Die Klienten, die die wechselnden Wirkungen erlebt haben und sich nach einer Aufstellung befreit fühlen, haben dieses Bedürfnis sicher nicht.

Auf lange Sicht gesehen kann Bert Hellingers systemische Familientherapie für das Leben vieler Menschen als eine Quelle echter Befriedigung erlebt werden. Dazu gehört, als ein ganz tiefer Vollzug, das Nehmen der Eltern. Es beinhaltet die Zustimmung zum Leben und zum Schicksal, so wie es durch unsere Eltern vorgegeben ist. Mit all den Grenzen, die uns dadurch gesetzt werden; mit allen Möglichkeiten, die uns damit geschenkt werden; mit allen Verstrickungen in die Schicksale dieser Familie und auch die Schuld dieser Familie, in ihr Schweres und Leichtes, was auch immer. Diese Zustimmung ist ein religiöser Vollzug. Sie ist eine Entäußerung, ein Verzicht auf Ansprüche, die über das hinausgehen, was von unseren Eltern auf uns übergegangen ist. Diese Zustimmung geht weit über die Eltern hinaus, weit zurück zum Urgrund allen Seins, und vor dessen Geheimnis können wir uns nur verneigen. Im Verneigen und im Nehmen unserer Eltern stimmen wir diesem Geheimnis zu und fügen uns ihm. Im Verneigen und im Nehmen werden wir leicht. Das Herz weitet sich. Wir werden ganz und die Fülle unseres Lebens beginnt.

Natürlich gibt es da noch ein Geheimnis. Es ist wohl so, dass jeder von uns etwas ganz Eigenes, Einzigartiges in sich trägt, das nicht von unseren Eltern abzuleiten ist. Wir sind sozusagen in den Dienst genommen für etwas Schweres oder Leichtes, für etwas Gutes oder Böses. Wir können das nicht beurteilen, und wir können das nicht verstehen. Wer aber in jedem Moment sein Bestes bereit ist zu geben, dem offenbart sich dieses volle Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten als eine Herausforderung die uns bewegt, immer wieder neues Potential, das in uns ruht, zu wecken und zu öffnen.

Wenn wir uns dem anvertrauen, dann erleben wir das, wofür wir in den Dienst genommen sind - unsere Berufung, die aber nicht auf unserem Verdienst beruht! Wenn wir das in der Tiefe begreifen, werden wir - wie Martin Heidegger sagt - endlich das werden, was wir sind, und in der eigenen Verantwortung für jeden unserer Schritte wird sich unsere Sehnsucht erfüllen, wo immer sie hingehen mag. Diesem Weg gilt es ohne Angst zu vertrauen.

Ein nächster Schritt wäre nun, den Eltern für ihre Mühe zu danken.Sie nähren uns, passen auf uns auf - was immer. Es ist gemäß, alles so zu nehmen, wie wir es bekommen. Es ist genug, auch wenn wir uns anderes oder mehr wünschen; denn wenn es uns nicht genügt, tragen wir den Schaden, manchmal sogar in Form von tödlichen Krankheiten. Ein guter Schritt wäre, den Eltern zu sagen: „Ich möchte Euch danken für das Viele, das ich von Euch bekommen habe. Es genügt mir und ich nehme es mit Liebe." Dann fühlen wir uns voll und reich, was immer auch war. Dann fügen wir hinzu: „Den Rest mache ich selbst, und lasse Euch jetzt in Frieden." Die Wirkung solcher Sätze geht sehr tief, sie ziehen eine hohe Qualität guter Folgen nach sich, die man sich nicht denken kann. Wir haben unsere Eltern und die Eltern haben uns und doch sind wir frei, unser Leben zu leben, in Achtung vor den Eltern, ohne Abhängigkeit. Das erfüllt uns und lässt uns auf vollen Touren laufen. Alles andere macht uns leer und schwach, weil wir unseren gemäßen Platz als Kind im Familien-System nicht eingenommen haben.

Auf unserem angestammten Platz müssen wir ebenfalls begreifen, dass wir auf einen eventuellen Reichtum der Eltern keinen Anspruch haben. Wenn wir uns etwas davon zukommen lassen oder vererben, ist das ein reines Geschenk! Das gilt auch für die persönliche Schuld der Eltern. Auch diese gehört ihnen allein. Wir dürfen uns nicht herausnehmen, aus Liebe diese Schuld für die Eltern tragen zu wollen oder gar zu sühnen. Wir nehmen damit unseren Eltern die Kraft und schwächen sie und letztlich auch uns; oftmals führt das bis in den Tod.

Wir verlassen damit unseren gemäßen Kinder-Platz und nehmen den Platz der Eltern ein und behandeln diese, als seien sie die Kinder. Zu unserer eigenen Lebensfülle gehört, dass wir achten, was den Eltern persönlich gehört und dass sie das alleine machen können und müssen. Wir dürfen uns nicht anmaßen, besser zu wissen, was für sie gut ist!

Die Eltern sind groß und die Kinder sind klein, und die Kinder fühlen sich gut, wenn sie in Bezug zu den Eltern auf dem Kinder-Platz bleiben. Deswegen ist es gemäß, dass die Kinder nehmen und die Eltern geben. Wenn die Kinder aber sagen: „Ihr müsst noch mehr geben", dann schließt sich das Herz der Eltern. Weil das Kind fordert, können sie das Kind nicht mehr mit Liebe überschütten. Das ist die Wirkung von solchen Forderungen. Es hat für das Kind schlimme Folgen, denn auch wenn es durch das Fordern etwas bekommt, wird es damit nicht froh werden. „Was ich fordere kann ich, wenn ich es bekomme, nicht nehmen."

Stellen Sie sich vor, ein Kind sagt zu seinen Eltern: „Wenn ich jetzt studiere, werde ich ausziehen und dann müsst Ihr mir genug Geld für alles geben, denn arbeiten kann ich neben dem Studium nicht." Wie geht es da den Eltern? Ihr Herz schließt sich. Und wie anders würde es den Eltern gehen, wenn das Kind sagen wurde: „Wenn ich jetzt studiere und eine eigene Wohnung nehme schaue ich, dass ich mein Studium und die Wohnung selbst finanzieren kann." Da bleibt das Herz der Eltern offen und sie geben gern das dazu, was sie für richtig erachten und was ihnen möglich ist.

Es tut einem Kind gut zu nehmen, was die Eltern geben. Doch einige Kinder lehnen auch das Geschenk der Eltern ab, weil sie sich vor dem Druck des Ausgleichens scheuen, vor der gefühlten Verpflichtung oder Schuld. Sie sagen: „Ich nehme lieber nichts, dann fühle ich auch keine Verpflichtung oder Schuld". Solche Kinder fühlen sich arm, leer und ungeliebt. Die Ordnung wäre, dass sie sagen: „Ich nehme alles mit Liebe und gebe es, wenn ich groß bin, weiter."

Diese Kinder sind in der Fülle, wie auch ihre Eltern. Das ist eine Weise des Nehmens, die gleichzeitig ausgleicht, weil die Eltern sich durch dieses Nehmen mit Liebe geachtet fühlen. Sie geben dann um so lieber, und die Kinder geben es, wenn sie groß sind, weiter. Das ist dann der Ausgleich im Guten. Das Kind schaut im Geben nach vorn und nicht zurück. So haben es ja auch die Eltern gemacht. Sie haben von ihren Eltern genommen und es an die Kinder weitergereicht. So gelingt Liebe zwischen Eltern und Kindern.

Wenn dann so ein Kind, das mit Liebe das genommen hat, was die Eltern ihm gegeben haben, auf einen Partner trifft, der ebenfalls mit Liebe genommen hat, dann ist das eine gute Konstellation. Doch meistens ist das nicht der Fall oder zumindest bei einem Partner nicht gelungen. Dieser sehnt sich dann nach einer guten Mutter und glaubt, sie endlich in dem Partner gefunden zu haben. Die Verliebtheit verblasst, wenn erkannt wird, dass der Partner Ansprüche und Bedürfnisse äußert, die der andere Partner nicht erfüllen kann. Wenn man also - unbewusst - eine Mutter sucht, wird man allerdings auch einen Partner finden, der einen noch erziehen will. Der einen sozusagen nach dem eigenen Bild formen möchte. Damit beginnt der Beziehungskrieg und meistens der Verlust des Anderen, der ja schon erzogen ist und deshalb nicht nacherzogen werden kann. Er ist richtig wie er ist, nur eben anders. So wie man selbst auch richtig ist, wie man ist, nur anders.

Doch Viele denken, dass die Welt in Ordnung wäre, wenn alle so wären wie sie selbst. Jede Familie denkt so. Schaut man aber genauer hin, dann hat jede Familie ihre besonderen Werte.

Die Ordnung und somit die Lösung wäre nun, wenn die Partner die Unterschiede als gleichwertig und ebenbürtig gegenseitig anerkennen und erkennen, dass sie bereichert werden durch den Partner und dessen Familie. Wenn die Partner begreifen, dass jeder seine Wurzeln in seinem Ursprungssystem hat und damit auch anders geprägt ist, und dass man diese verschiedenen Wurzeln nicht zu einer machen kann, sondern als Grundlage für das Gelingen der Paarbeziehung die Familie des Anderen anerkennt und würdigt. Wenn ich die Eltern des Partners verachte, verachte ich diesen Teil in meinem Partner und auch in unseren gemeinsamen Kindern. Wenn ich aber seine Familie und ihn selbst so nehme, wie sie sind und wie er ist, auch das Unvollkommene achte, dann entfaltet sich eine Kraft, die die Liebe gelingen lässt.

Es gibt natürlich eine Menge Fallen in die wir tappen können - bewusst oder unbewusst. Um es uns leichter zu machen, die Fallen zu entdecken, müssen wir erst einmal einiges an Wissen anhäufen, das uns Bert Hellinger durch seine Lebenserfahrung und durch sein 25-jähriges Arbeiten an dieser herausragenden systemischen und phänomenologischen Familien-Therapie auf Videos, CDs und in vielen guten Büchern beschert hat. Wahrlich, es kann so leicht sein. Man braucht es nur zu beginnen.

 

Anschrift der Autorin: Ingeborg Oelmann, Allerfeldstr. 17, D-31832 Springe, Tel. 05045-9037, Fax 05045-961066.

 

Literatur: Johannes Neuhauser (Hrsg.): Wie Liebe gelingt (Die Paartherapie Bert Hellingers), Carl-Auer-Systeme Verlag, ISBN 3-89670-105-3.

Bertold Ulsamer, Ohne Wurzeln keine Flügel (Die systemische Therapie von Bert Hellinger), Goldmann Verlag, ISBN 3-442-14166-4.

Internationale Arbeitsgemeinschaft (IAG) (Hrsg.), praxis der systemaufstellung (Systemische Lösungen nach Bert Hellinger), c/o Akademie im Park, Heidelbergerstr. 1a, D-69168 Wiesloch.

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