Alternativmedizin in

Wendezeit



Wendezeit 2/00

Die Fünf »Tibeter«

Arnold H. Lanz

Es war in den 30er Jahren. Das Britische Weltreich begann rund um den Globus zu zerbröseln. Für britische Beamte und Soldaten war der Dienst irgendwo am „Ende der Welt" hart und entbehrungsreich. Man sprach im Zusammenhang mit dem Kolonialdienst von „schmutzigen Jahren" („dirty years").

Einer dieser Soldaten war ein Oberst Bradford. Der Dienst in Asien, bei sengender Sonne und eisiger Kälte, unter schlechten hygienischen Verhältnissen und bei geringer Abwechslung im Alltag hatte aus ihm einen angeschlagenen und kranken Mann gemacht. Dem sich abzeichnenden Weltkrieg mit Deutschland und Japan und den damit verbundenen Entbehrungen sah er mit großer Sorge entgegen.

Im Jahre 1939 quittierte dieser Mann den Dienst, ausgelaugt, anfällig und kränkelnd. Und er war auf der Suche nach einem Weg, um seine alte Kraft und Energie wiederzufinden.

Wie wir alle war er ein Kind des Westens, das mit esoterischem Geschwafel, übersinnlichem Hokuspokus und dergleichen nichts am Hut hatte.

Während seiner Dienstjahre in Asien hatte er jedoch von einem sagenhaften Mönchsorden irgendwo im tibetanischen Bergland gehört. Dort sollte es Mönche geben, die im kargen Gebirge ein Leben fristeten unter denselben Bedingungen, die seine Konstitution zerrüttet hatten. Sie hatten keinen Komfort, wenig zu essen und viel zu tun. Aber der Legende nach blieben sie bis ins hohe Alter jugendlich fit und leistungsfähig.

Eine Sage, ein Gerücht, das unter dem Leuten umging. Aber mit dem Mut der Verzweiflung machte sich der ermattete Engländer auf die Suche nach diesem tibetanischen Kloster.

Ein besonderes Kraut? Eine speziell ausgewogene Ernährung? Stunden- und tagelange Meditation? Ein esoterischer Jungbrunnen? Was war das Geheimnis dieser Mönche - falls es sie überhaupt gab? Jedenfalls war Bradford entschlossen, es zu lüften.

Die Legende wird zur Wahrheit

Tatsächlich fand Colonel Bradford das geheimnisumwitterte Kloster. Und er fand die Gerüchte um die Lebenskraft von greisen Mönchen auch voll bestätigt.

Wonach er aber auf den ersten Blick vergebens suchte, das war irgend etwas Besonderes im Leben dieser Menschen. Kenner der asiatischen Heil- und Lebenskunde wissen um die Praktiken, die heute auch im Westen in aller Munde sind.

Yoga - Tai Chi - Akupunktur

Und Kenner wissen, dass diese (und viele andere) Techniken aus der Weisheit Asiens einerseits jahrelanges Studium brauchen und meist mit einer völligen Umstellung der persönlichen Gewohnheiten verbunden sind. Andererseits haben alle diese Techniken einen esoterischen Touch - und das ist für uns mit unserem westlichen Realismus meist nicht akzeptabel. Und nicht zuletzt brauchen diese Techniken Tag für Tag viel Zeit.

Was Colonel Bradford vorfand, waren kräftige, gesunde Menschen, die auch im höchsten Alter nichts von ihrer Gesundheit und ihrer Spannkraft einbüßten.

Aber was war ihr Geheimnis? Sie nahmen keinen „Zaubertrank" zu sich. Sie meditierten nicht, bis sie samt Gebetsteppich vom Boden abhoben. Sie aßen nichts Außergewöhnliches.

Und doch konnten selbst Neunzigjährige den ganzen Tag harte Feldarbeit verrichten und dabei fröhlich vor sich hin summen.

Das „Geheimnis"

Tatsächlich war die Antwort auf das Geheimnis überraschend banal.

Die lebenskräftigen Mönche führten täglich fünf einfache Bewegungsabläufe aus. Das war alles.

Fünf ganz bestimmte Körperübungen.

Keine Gymnastik - dafür sind die Bewegungen viel zu wenig anstrengend. Kein Yoga - dafür sind sie viel zu einfach zu lernen.

Colonel Bradford lernte von den Mönchen diese Bewegungsabläufe. Und sie gaben ihm Jugendlichkeit, Kraft und Vitalität zurück.

Nach dieser regelrecht märchenhaften Erfahrung wurde Bradford zum begeisterten Prophet dieses einfachen Energie- und Fitnessprogramms, das heute unter dem Namen die Fünf »Tibeter« bekannt ist.

Er kehrte nach Indien zurück, lehrte sein neues Wissen (für dessen Wahrhaftigkeit er selbst lebendes Beispiel war) und schrieb damals ein Buch, das alleine in der deutschsprachigen Welt rund 1,3 Millionen mal verkauft wurde.

Was sind die Fünf »Tibeter«

Die Fünf »Tibeter« sind „pflegeleicht". In der Anwendung sind sie ausgesprochen einfach und dabei sehr wirkungsvoll.

Sie sind rasch zu lernen und können von jedermann täglich innerhalb weniger Minuten angewendet werden. Man benötigt weder Geräte noch spezielle Bekleidung. Man kann sie so einfach in den Tagesablauf einschließen wie das Zähneputzen.

Und nach und nach fand in den Jahrzehnten seither das Wissen um die Fünf »Tibeter« Eingang in die westliche Medizin. Zuerst Therapeuten, Naturheiler, Heilpraktiker.

Aber auch in den „heiligen Hallen" der großen Wissenschaft fand das Verfahren immer wieder Bestätigung und Anerkennung. Als etwa die NASA nach einer Fitness-Methode für die Astronauten suchte, studierte sie die Wirkungsweise der »Tibeter«. Das war die Geburtsstunde des Fachgebiets der Isometrik.

Fünf körperliche Übungen, die man täglich während einiger Minuten zu verrichten hat, wirken kräftigend, ausgleichend und harmonisierend auf den Energiehaushalt. Sie steigern die Abwehrzellenproduktion um 15% und stärken so unser Immunsystem.

Was leisten die Fünf »Tibeter«?

Zu allererst beseitigen diese tibetanischen Riten viel von den „Reibungsverlusten", die uns das moderne Leben auferlegt. Sie wirken Nervosität, Spannungen und innerer Unruhe entgegen. Man wird zum ausgeglicheneren, gelassenen Menschen (was als solches schon für die Gesamtgesundheit wichtig ist).

Die Übungen sprechen die Atmung an, normalisieren den Blutkreislauf und fördern die allgemeine Beweglichkeit und Gelenkigkeit. Viele Berichte über weitere Gesundheitsgewinne liegen vor: So verschwinden Kopfschmerzen und Migräne, Asthma wird gelindert, Fettpölsterchen beginnen zu schmelzen, Allergien und Verstopfung werden abgebaut. Und dadurch, dass sie das Immunsystem kräftigen, beugen sie beispielsweise Erkältung und Grippe vor und geben uns Energie, damit wir den Alltagsstress schadlos verkraften.

Sie sind ein ganzheitlich wirkendes Energie- und Fitnessprogramm. Es aktiviert die körpereigenen Heilungskräfte, wirkt harmonisierend auf den Stoffwechsel, baut bestehende Blockaden und Verkrustungen ab, stärkt das Immunsystem und führt dem Organismus neue, belebende Energie zu. Energie, die man schon bald als Leistungsvermögen, Freude und als positive Lebenseinstellung nicht mehr missen möchte.

Aus der Heilpraxis

Ich persönlich kam während meiner Heilpraktiker-Ausbildung mit den Fünf »Tibetern« in Kontakt. Seither praktiziere ich sie jeden Tag und stelle heute fest, dass ich mich fitter und leistungsfähiger fühle als vor 30 Jahren. Von täglicher Ausgeglichenheit und guter Laune ganz zu schweigen.

In der Praxis wende ich sie auch an.

Sie sind ein ideales Selbsthilfeprogramm bei chronischen Krankheiten wie Kopfschmerzen, Migräne, Arthritis, Asthma, kalten Händen und Füße usw.

Ebenso wirkungsvoll sind die Übungen bei Kreislaufbeschwerden, Regel- und Schlafstörungen und bei Wechseljahresbeschwerden. Sie wirken nicht nur körperlich, sondern mildern insbesondere auch die Auswirkungen von Stress, Anspannung und Hektik.

Die berüchtigte Midlife Crisis tritt gar nicht erst auf.

Gereiztheit, Niedergeschlagenheit, Nervosität, Unruhe, Depressionen, Angst werden durch die »Tibeter« gemildert und verschwinden. An ihre Stelle treten Zuversicht, Lebensbejahung und Leistungsvermögen.

Wenn die Übungen werden richtig erlernt, kann das Programm von Jung und Alt gefahrlos angewandt werden. Einzig Menschen mit einem künstlichen Hüftgelenk oder mit Wirbelsäulenproblemen (Lordose) sollten vorher Ihren Arzt konsultieren. Die Fünf »Tibeter« sind ein wertvolles Stück fernöstlicher Heilkunst, das jedermann täglich zu seinem eigenen Nutzen anwenden kann.

In ihrer Wirkungsweise kommen diese Übungen unserem modernen Alltagsleben sehr entgegen. Was kann man gegen regelmäßiges Kopfweh, gegen Müdigkeit und Antriebslosigkeit oder Wechseljahre- Beschwerden konkret tun?

Eine Kur? Ist oft aus finanziellen Gründen nicht möglich.

Jogging oder ein Fitnessprogramm? Vielen fehlt die Zeit und persönliche Disziplin dafür.

Ideal wäre ein kurzes aber trotzdem wirkungsvolles Üben, das so in den Tagesablauf eingebaut werden könnte, dass es einfach mitläuft. Ganz automatisch, wie Essen und Schlafen.

Im Laufe der Zeit habe ich von vielen Patienten übereinstimmende Berichte ihrer Erfahrungen mit den Fünf »Tibetern« bekommen:

Müdigkeit und Nervosität verschwinden zusehends und machen Lebensfreude und Vitalität Platz.

Kopfschmerzen, Migräne, Arthritis, kalte Hände oder Füße usw. werden abgebaut.

Kreislaufbeschwerden, Regelstörungen und Schlafstörungen werden gemildert.

Hektik und Stress werden wesentlich besser gemeistert. Missstimmungen, Angst und Minderwertigkeitsgefühle verschwinden.

Alle diese Wirkungen sind zurückzuführen auf die Aktivierung und Regenerierung der körpereigenen Heilungskräfte. Der Ablauf der natürlichen Funktionen wird harmonisiert. Allfällige körperliche Unterfunktionen werden angehoben, Überfunktionen in ihrer Wirkung und Leistung optimal koordiniert. Nicht zu vergessen die segensreiche Wirkung auf das Immunsystem (aus dem großenteils die Heilung überhaupt kommt).

Wichtig dabei ist auch und vor allem, dass man die Übungen der Fünf »Tibeter« einmal genau erlernt.

Weitere Infos zu Seminarangeboten bei Arnold H. Lanz, Kantonal approbierter Heilpraktiker, Immagass 1A, 9490 Vaduz, Tel. (0041) +75 233 33 20, Fax (0041) +75 232 05 45, E-Mail arnold@lanz.LOL.li

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 Wassermann-Zeitalter Nr. 5/99

Wissenschaft und Transzendenz des Heilens

Dr. Peter Gilgen

(Transzendenz = Die Grenze der sinnlich-physikalischen Wahrnehmung und Erforschung überschreitend: Das Übersinnlich-Göttliche)

„Die Krankheitswahrnehmung und das Heilen rühren an die Sinnmitte des Menschen. Die Art, wie wir Störungen lokalisieren und beheben, gibt Auskunft darüber, wie wir uns unsere Existenz als Leib und Seele vorstellen." (R. Grossinger)

Kaum ein Begriff wird heute derart beansprucht wie der Gebrauch des Wortes „heilen", kaum ein Wort so oft mißbraucht wie der Begriff der „Wissenschaftlichkeit".

Nicht wer heilt, hat recht - das Recht auf Heilung wird von der Schulmedizin in Berufung auf ihre Wissenschaftlichkeit in Anspruch genommen. Wissenschaft wird dabei allzu oft nicht als spezifische Erkenntnismethode, sondern als absoluter Zugang zur Wirklichkeit und Vertrauenswürdigkeit verkauft.

Wie fatal und unhaltbar dieser Anspruch selbst aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist, soll im folgenden erläutert werden. Auch wird sich im weiteren zeigen, daß es Zugänge zum Wissen und zum Heilen gab und gibt, die zwar zurzeit „wissenschaftlich nicht anerkannt", gleichwohl aber überzeugend, vertrauenswürdig und erfolgreich sind.

„Wissenschaftlich nicht anerkannt"

„Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, dann beginnst du alles unter dem Gesichtspunkt von Nägeln zu sehen."(Maslow)

Das wissenschaftliche Weltbild, welches das 19. und 20. Jahrhundert weitgehend prägte, wird vorab durch die Theorie und Methode des „empirischen Rationalismus" charakterisiert.

Als wissenschaftliche Erkenntnis darf danach gelten, was verstandesmäßig (rational) erklärbar und über unsere fünf Sinne objektiv nachvollziehbar ist (empirische Beobachtung und experimentelle Wiederholung).

Die großen Erfolge, welche die Naturwissenschaften damit erlangten, mögen dafür verantwortlich sein, daß dieses Vorgehen zur wissenschaftlichen Erkenntnismethode par excellence aufgestiegen ist. Man begann, nur noch für wissenschaftlich zu halten, was dieser Methodik genügte.

Verstand und Logik, Sinneswahrnehmung (Beobachtung) und Experiment sind aber keineswegs die einzigen Mittel, um zu „Wissen-schaffenden" Erkenntnissen zu gelangen.

Intuition und Vision, Traum und Trance, Medialität und außersinnliche oder paranormale Wahrnehmungen sind ebenso bedeutende Erkenntnisfähigkeiten des Menschen und haben als „Wissenschaft" in verschiedenen Kulturen und Epochen zentralen Stellenwert bei der Erforschung des Lebens erlangt.

Sogar Albert Einstein, Inbegriff des modernen Wissenschaftlers, sagte wiederholt: „Es gibt keine logischen Pfade zu diesen Gesetzen; nur Intuition auf der Grundlage einfühlsamen Begreifens der Erfahrung kann zu ihnen führen."

Wenn Einstein hier von Naturgesetzen spricht, wieviel mehr mag dies erst für menschliche, geistige oder gesellschaftliche Gesetze gelten, wo es um die Erklärung von Leben, von immateriellen Phänomenen geht?

Die empirisch-rationale Methode funktioniert am besten im mechanisch-materiellen Bereich, wenn alle Einflußfaktoren bekannt und meßbar sind. Probleme tauchen auf, wenn offensichtlich Einflüsse bestehen, die mit den Methoden der Sinneswahrnehmung und des rationalen Verstandes nicht mehr faßbar und quantifizierbar sind.

Wo beispielsweise psychische oder metaphysische Faktoren wirksam werden, geraten die Beobachtung, Erklärung und Prüfung der Vorgänge mit dieser Methodik in arge Schwierigkeiten.

Wir können nicht ausschließen, daß das Universum und die ganze Schöpfung von einem geistigen oder metaphysischen Prinzip erschaffen wurde und weiterhin in Gang gehalten wird (selbst moderne Physik und Biochemie bestätigen dies). Dagegen schließen wir mit einer materialistisch orientierten Wissenschaft zum vornherein die Möglichkeit aus, die Gesetze und Wirkungen eines solchen geistigen Urprinzips wirklich zu verstehen, weil sie immer nur materielle Resultate erfaßt und erzielt.

Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie machen heute ganz klar: Jede wissenschaftliche Perspektive, jede Theorie und Methode, jedes Untersuchungsinstrument hat einen begrenzten Erklärungs- und Anwendungsbereich.

Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit haben also nichts zu tun mit „Wahrheit" oder „Gültigkeit", mit „der Realität" oder „Objektivität". Sie vermitteln uns allenfalls einen Ausschnitt davon.

„Wissenschaftlich nicht anerkannt" heißt demnach vorerst einmal nur, daß die derzeit etablierten Wissenschaften mit den heute verfügbaren und akzeptierten Methoden und Modellen ein bestimmtes Phänomen nicht nachvollziehen und erklären können oder wollen - mehr nicht.

Entwicklung und Perspektiven der Wissenschaften

„Veraltete Theorien sind nicht prinzipiell unwissenschaftlich, nur weil sie ausrangiert wurden." (Thomas Kuhn)

Der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn hat in seinen Arbeiten dargelegt, daß sich die Wissenschaften keineswegs in Kontinuität und stetem Wachstum entwickelt haben, sondern in Widersprüchen, Sprüngen und „Revolutionen".

Doch wie im gesellschaftspolitischen Bereich bedeuten Revolutionen nicht zwangsläufig auch eine Verbesserung, Vervollständigung oder Vertiefung der Erkenntnis, ein Näherrücken an die absolute Wahrheit, sondern vorerst einmal lediglich eine Veränderung der Betrachtungsweise und Darstellung der Realität (sowie der Machtverhältnisse und Wertsysteme in Wissenschaft und Gesellschaft).

Magisches Denken ist aber nicht an sich besser oder schlechter als mythisches (Gebser), analytisches nicht wissenschaftlicher als dialektisches. Ebensowenig ist ein logisch objektivierender Ansatz prinzipiell gültiger als ein intuitiver und subjektiver Zugang zum Untersuchungsobjekt, zumal wenn es sich dabei um ein „Subjekt", den Menschen handelt.

Wer sich mit Wissenschaftsgeschichte befaßt, stellt bald einmal fest, daß das, was als „wissenschaftlich", als glaubwürdig, als geprüft und gültig bezeichnet wird, mit jeder Kultur und Zeitepoche ändert. Hier wird das Materielle und Manifeste zur „Realität" erhoben, da sind es die Ideen (Plato), und dort wiederum wird die „geistige Wirklichkeit" hinter allen irdischen Erscheinungen zur letzten Ursache und Verläßlichkeit.

Entsprechend verändern sich auch die Untersuchungs- und Erklärungsmethoden und damit die Bereiche und Vorgänge, die ihnen zugänglich sind oder nicht.

„Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können." (Albert Einstein)

Wiewohl die Wissenschaften ihr Weltbild, ihre Denk- und Erklärungsmodelle (Paradigmas) immer wieder grundlegend geändert haben, sind sie stets aufs neue der Versuchung erlegen, sich für (allein) gültig zu erklären und alternative Erfahrungen und Methoden als unhaltbar, abergläubisch oder gar ketzerisch abzutun.

„Vorurteile sind selbstverständlich mit dem Geist echter Wissenschaft unvereinbar; trotzdem ist von allen Fehlern, die dem wissenschaftlichen Denken unterlaufen, dieser am weitesten verbreitet." (Prof. K. Friedrichs)

Wenn beispielsweise wie vor einigen Jahren hundert Wissenschaftler öffentlich proklamieren, an der Astrologie sei nichts dran, sich aber herausstellt, daß kein einziger davon sich in dieses Gebiet vertieft, es erforscht und einer ernsthaften Überprüfung unterzogen hat (was für jede wissenschaftliche Hypothese selbstverständlich ist), so ist an dieser Aussage ebenso viel oder wenig dran wie an der Behauptung eines Analphabeten, die Relativitätstheorie sei nichts als Aberglaube.

Man hüte sich davor zu glauben, daß Aussagen von Wissenschaftlern oder Nobelpreisträgern automatisch wissenschaftlich seien. Besonders zweifelhaft sind jene, die gar nicht das Forschungsgebiet des Betreffenden darstellen.

Spätestens seit Heisenberg, Bohr und Einstein wissen wir auch aus den „exakten" Naturwissenschaften, daß es so etwas wie eine „objektive" wissenschaftliche Erkenntnismethode ebensowenig gibt wie eine objektive und umfassende Erklärung (Theorie) der Realität.

Bei jeder Erforschung und Überprüfung eines Phänomens bestimmen - abgesehen von der Gründlichkeit - die eingenommene Perspektive, die Theorie und Methode das Resultat und das, was wir überhaupt beobachten und erklären können.

„Vergessen Sie nicht, daß wir Menschen die Welt nie direkt (und objektiv) erfahren, sondern vielmehr Landkarten oder Modelle (genau wie in den Wissenschaften) unserer Erfahrung von der Welt erschaffen, so daß die einzige Realität, die wir jemals kennen werden, eine subjektive Realität ist." (L. Cameron-Bandler in Anlehnung an G. Bateson)

Das ist der Grund, weshalb wir alle die Welt und das Leben ein wenig anders erfahren, und warum die Menschen verschiedener Epochen und Kulturen unterschiedliche „Wirklichkeiten" sehen und erleben; denn jede Zeit und Kultur entwirft und sozialisiert ihren Mitgliedern auch eine bestimmte Landkarte und Weltsicht.

Die eine als falsch, die andere für richtig zu erklären, wäre nicht nur überheblich, sondern auch aus wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Gründen unmöglich.

Die wirklich wissenschaftliche Herausforderung besteht also vielmehr in einer Vereinigung und gegenseitigen Befruchtung oder Ergänzung der verschiedenen Perspektiven und Erkenntnismethoden - ähnlich wie bei der Entdeckung von Niels Bohr in der Atomphysik, daß wir beispielsweise Licht nur durch zwei logisch sich widersprechende, aber eigentlich sich ergänzende (komplementäre) Begriffe, Teilchen und Welle, hinreichend beschreiben können.

Wenn wir heute dieser Erkenntnis nicht Rechnung tragen, wird man morgen über unsere „Wissenschaftlichkeit" ebenso geringschätzig schmunzeln, wie das heute oft im Hinblick auf mittelalterliche oder außereuropäische Wissenschaftsauffassungen geschieht.

Im nächsten Wassermann-Zeitalter: Die moderne Wissenschaft des Heilens.

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 Wassermann-Zeitalter Nr. 4/99

Der Umgang mit Krankheit

Dr. Peter Gilgen

„Wir neigen dazu, die Gefühle und die innere Weisheit des Körpers ebenso auszublenden wie die Keime des Leidens… Wir beschließen, so wenig wie möglich zu empfinden, damit wir das erleben können, was wir unter 'Gesundheit' verstehen." (R. Grossinger)

Der oberflächliche Geist unserer Zeit hat uns glauben lassen, daß Gesundheit einfach Abwesenheit von Krankheit bedeute. Körperliche wie psychische Beschwerden werden als sinnloses Unheil gefürchtet, verdrängt und unterdrückt oder möglichst rasch beseitigt.

Heute wissen wir aber, daß Kinderkrankheiten zum Beispiel meist größeren Sprüngen in der geistigen und seelischen Entwicklung der Kinder vorangehen. Auch vom Erwachsenen kann Krankheit als „Sprungbrett zu größerem Verständnis" (Cayce), als „Chance" und „Weg" (Dethlefsen) für persönliche Entwicklung und Transformation genutzt und erfahren werden.

Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Menschen aus Krankheit, Leid oder Depression stärker, glücklicher und erfüllter herausgewachsen sind, und irgendwie dankbar zurückblicken auf jenen Lebensabschnitt, der den Umschwung bewirkte und sie reifen ließ.

„All diese verschiedenen Formen der Krankheitserscheinungen sind nur Heilbestrebungen des Körpers (und der Seele), weshalb es darauf ankommt, dieselben nicht - wie es die Schulmedizin macht - zu unterdrücken und latent zu machen, sondern zu unterstützen, indem wir dem Körper (und Geist) helfen, diese Heilkrise rasch und für ihn ungefährlich zu vollziehen; denn nur so kann der Körper (und Mensch) wirklich gesunden." (A. Rosendorff)

Der Körper gibt über die Art der Krankheit und Schmerzen oft auch Hinweise, wo und wie wir uns im Leben falsch oder unangemessen verhalten, uns vom „Ruf" unseres Innern, vom „Plan" unseres Daseins entfernen. Der Körper bedient sich einer „Symbolsprache", um uns zu einer Korrektur zu führen, bevor er uns dazu zwingt.

In den vergangenen Jahren sind dazu einige Bücher erschienen (beispielsweise von Dethlefsen, Tepperwein und Tietze), die uns helfen mögen, den „Sinn" einer Krankheit zu verstehen.

Danach weisen etwa Nierenprobleme auf Probleme in Beziehungen oder Enttäuschungen hin, Verstopfung auf die Angst loszulassen oder Geiz, Übergewicht auf Unsicherheit, Selbstablehnung, Verlustangst oder Liebesentbehrung, Tumore auf falsches Wachstum im Seelisch-Psychischen oder Kindheitsverletzungen und Schocks… Problematisch dabei ist die Tendenz zur Verallgemeinerung. Die Krankheitsgründe und -zusammenhänge sind nach meiner Erfahrung komplexer und vor allem sehr individuell. Nicht jeder, der Arthritis hat, fühlt sich ungeliebt und ist verbittert, auch zeigt nicht jeder Schnupfen an, daß man „verschnupft" auf jemand oder etwas ist. Und Menschen, die jedem glatt ins Gesicht sagen, der über Nierenschmerzen klagt, er solle mal die Partnerschaft genau unter die Lupe nehmen, zeigen nur die Verzerrungen dieser Betrachtungsweise.

Die Deutung der „Körpersprache" darf nicht stereotyp und undifferenziert zu be-/verurteilenden Verallgemeinerungen führen: Der Mensch und seine „Krankheitssymbole" sind so individuell wie seine Erfahrungen und Träume.

Warnsignale aber kennt der Körper auf jeden Fall:

„Vor fast allen körperlichen Beschwerden steht eine Zeit, in der wir uns nicht ganz fit oder ein wenig erschöpft fühlen. Zu diesem Zeitpunkt gilt es, unseren Zustand zu behandeln, wieder fit zu werden und zu verhindern, daß es zu Schlimmerem kommt." (E. Bach)

Einschränkungen unseres Wohlbefindens und körperliche oder psychische Beschwerden sollen uns aufhorchen und überlegen lassen, was im Umgang mit unserem Körper, unserem geistigen und emotionalen Leben, in unseren Beziehungen zu Mitmenschen, zur Natur oder zum Übernatürlichen nicht stimmt.

Solche Gedanken können unsere ganze Lebensart in Frage stellen. Es kann sich aber auch um kleinere Korrekturen handeln, die wichtig für unser Leben im Alltag sind und uns helfen, uns zu „verbessern". In welchen Situationen, bei/vor/nach welchen Denk- oder Verhaltensweisen treten die „Körperzeichen" oder „Verstimmungen" auf? Was passiert, wenn ich mich in diesen Situationen oder Phasen anders verhalte?

Bewußtwerdung ist der erste Schritt zur Korrektur, zur Gesundung. Und denken wir vor allem daran: Auch Krankheit und Leid haben im Leben einen Sinn - und wir müssen immer wieder herausfinden, ob er in der „Hingabe" und „Duldung" oder im „Wachrütteln" und in der „Veränderung" liegt.

Die „primitive" Kunst des Heilens

„Der bessere Arzt hilft vor dem Aufkeimen der Krankheit. Der schlechtere Arzt beginnt erst dann zu heilen, wenn sich die Krankheit bereits entwickelt hat. Und weil er so spät zu Hilfe kommt, nennt man ihn unwissend." (in T. Svoboda)

Dieses Zitat stammt aus dem ältesten medizinischen Buch der Welt, „Des Gelben Kaisers Klassiker der Inneren Medizin" (vermutlich 3. Jahrtausend v.Chr.). Danach müßte die gesamte moderne Medizin und Ärzteschaft als „primitiv" bezeichnet werden und nicht die althergebrachte Heilkunde.

Doch die Verantwortung für diesen Notstand liegt offenbar nicht beim heutigen Arzt allein. Der chinesische Text fährt fort:

„In sehr alten Zeiten wurden die Lehren der Weisen von allen befolgt. Jene lehrten, die Willenskraft zu stärken und die Bedürfnisse und Wünsche einzuschränken. Ihr Geist lebte in Harmonie… (sie) folgten den Gesetzen der Natur und ihre Körper blieben deshalb von Krankheiten verschont."

Unser aufgeblähter Gesundheitsapparat entspricht also nur dem (Un)Geist unserer Zeit, der Gesundheit offenbar als passiven Zustand betrachtet.

Anders haben es seit eh und je die Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin gesehen: „Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Naturheilmethoden es den Patienten nicht so bequem machen wie die Schulmedizin. Sie verlangen vom kranken Menschen eine recht starke Disziplin, eine Abkehr von liebgewonnenen Gewohnheiten und Enthaltung von verschiedenen Genußmitteln." (A. Rosendorff)

Offensichtlich wurde aber schon zu Urzeiten „gesündigt", und kranke Menschen mußten geheilt werden.

Interessant ist hier die Reihenfolge in der Bedeutung und Wirksamkeit der Behandlungsmethoden, die das chinesische Werk aufzeigt, weil wir diese prinzipiell in der gesamten Naturheil-, Erfahrungs- und Paramedizin wiederfinden:

1. Heilung des Geistes

2. Richtige Ernährung

3. Natürliche Heilmittel

4. Akupunktur

5. Mechanische Untersuchung und Behandlung innerer Organe, bzw. Chirurgie.

Edgar Cayce hat immer wieder betont:

„Wenn also jemand körperliche oder geistige Störungen beheben möchte, so wird es notwendig sein, die geistige Einstellung zu ändern und die Lebenskräfte konstruktiv und nicht destruktiv einzusetzen."

Auch zum dritten Punkt finden wir in seinen Heilungsanweisungen wiederholt Bestätigung:

„Dem Menschen steht in der Natur alles zur Verfügung, was als Gegenstück zu dem in den geistigen und seelischen Bereichen gelten kann oder ein Gegenmittel für jedes Gift, für jedes Übel, das dem einzelnen begegnen mag. Man muß sich nur auf die Natur, die natürlichen Quellen, besinnen."

Ausgangspunkt und Kernstück jeder Heilung sind aber immer der Geist, die Veränderung des Denkens und Handelns, die zur Krankheit führten.

In der primitiven Heilkunst spielt dabei die Beziehung zum Heiler, seine geistig-spirituelle Autorität und Persönlichkeit eine wichtige Rolle - ein Phänomen, das in der modernen Wissenschaft der Medizin eher als „Störfaktor" aufgefaßt wird und als „Placebo" (Scheineffekt) aus den Untersuchungen eliminiert gehört.

„In der frühen Geschichte der Medizin war die Beziehung zwischen dem Arzt und dem Patienten alles, was der Arzt dem Patienten zu bieten hatte. Die verwendeten Arzneien waren fast immer Placebos… Die Kunst der Ärzte war damals eine Kunst im Umgang mit Gefühlen. Sie selbst waren das therapeutische Mittel, welches Heilungen bewirkte. Ihre Vorgehensweisen… waren… also Symbolhandlungen, welche den Glauben der Patienten und ihren Glauben an sich selbst aufrechterhielten." (W. R. Houston)

Heilung des Körpers über die Heilung des Geistes ist selbstverständlich mehr als bloß Placebo - wie jeder Psychiater bestätigen wird.

Mit der psychosomatischen und vergleichenden Forschung hat sich aber nicht nur die krankmachende Wirkung von negativen Gedanken und Gefühlen erwiesen, sondern auch das große Heilpotential, das im „Glauben", im positiven Denken und Fühlen liegt.

Welche Macht und Bedeutung in der Aktivierung der „Selbstheilungskräfte" steckt, wird erst heute in der Schulmedizin langsam wieder klar.

So publizierte das offizielle Organ der Krankenversicherung (KSK 7/86) folgenden Aufruf: „Der Ausbildung angehender Ärzte in Richtung einer ganzheitlichen, auf vermehrte Stärkung der Selbstheilungskräfte ausgerichteten Medizin ist deshalb besondere und vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken." Eine Aufforderung, die für jeden primitiven Heiler eine Selbstverständlichkeit bildet.

„Sei Dir bewußt, daß in Dir selbst alle Heilkraft liegt, die für den Körper gebraucht wird… jede Heilung muß aus Dir selbst entstehen. Denn der physische Leib hat die Fähigkeit, sich zu erholen und zu erneuern, ebenso wie die Fähigkeit, sich anzupassen." (E. Cayce)

Der Ethologe Lévi-Strauß hat bereits auf die großen Übereinstimmungen zwischen schamanistischer Heilkunst und der Psychoanalyse hingewiesen.

„In gewisser Hinsicht benützt der primitive Psychotherapeut mehr und stärkere Waffen als der moderne Psychotherapeut. Er arbeitet nicht nur mit der Kraft seiner Persönlichkeit. Sein Ritual ist Teil des gemeinsamen Glaubens der ganzen Gruppe, die nicht selten in corpore seiner Heilbehandlung beiwohnt oder sogar mitsingt und mittanzt… So kann der primitive Psychotherapeut innerhalb und außerhalb des Patienten starke psychische Kräfte mobilisieren…" (Ackerknecht)

Der Medizinmann und Schamane hat über Traum, Trance und Vision Zugang zum Übernatürlichen und erhält daraus den Mythos und Schlüssel für die Entstehung und Überwindung der Krankheit.

Die Sandmalerei als Herzstück der Navajo-Heilzeremonie zum Beispiel ist dann Verdichtung und Veräußerlichung der geistigen und spirituellen Ursache der Krankheit sowie deren Heilung. Doch zur Navajo-Zeremonie gehören auch rituelle Gegenstände und Medizinbündel, Gesang, Gebete, Körperbemalung, Pflanzenheilmittel, Schwitzprozeduren und Nachtwachen, die „Macht" konzentrieren. Der Patient wird angeleitet, seinen eigenen Heilungsverlauf kraft seiner Imagination sich vorzustellen (diese Methode wird mittlerweile auch von Ärzten in der Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten angewandt, etwa von Simonton/Simonton).

„Der Patient sieht die Krankheit und sein Leben plötzlich als Einheit, die in das Weltall eingebunden ist… Die Zeremonie ist eine kollektive Einladung an die heilsamen Kräfte, die in den Persönlichkeiten der Menschen in Erscheinung treten." (Grossinger)

Auch die primitive Heilkunst kennt physiologische Zusammenhänge und körperliche Heilmethoden. Sie weiß um die Wirkung von Heilkräutern, Schwitzkuren, Ausleitungen und Klistieren, von Schröpfen, Massage oder Akupunktur, um die Bedeutung der Ernährung usw. Jedoch im Vordergrund steht das Seelische bei der Entstehung wie bei der Überwindung einer Krankheit. Darüber hinaus setzen viele Schamanen und Medizinmänner Kräfte ein, die wir bis heute aus Mangel an geeigneten Erklärungen und Untersuchungsinstrumenten zu Unrecht in den Bereich des Placebo einordnen. Dazu gehören verschiedenste Formen von Magnetismus, Geistheilung, Zauber und Magie, die längst nicht mehr alle als Scharlatanerie abgetan werden können. Ähnlich wie in der Akupunktur weiß man zwar noch nicht genau warum und wie, doch die Wirkung und Erfolge damit sind in vielen Fällen unwiderlegbar.

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Wassermann-Zeitalter Nr. 2/99

Medizin des „bewußten Seins"

Alternative Drogenpolitik in Peru

Dr. Walter Andritzky

Im Herzen von Perus quirliger Hauptstadt Lima befindet sich das wohl einzigste Gesundheitsministerium der Welt, das psychedelische Heilpflanzen und vielerlei andere „Phytotherapeutika" gleich im eigenen Garten züchtet und sie stolz den Fachbesuchern aus aller Welt präsentiert! Während die Drogenhysterie hierzulande schon wieder neue Blüten treibt und kürzlich selbst der Besitz psilocybinhaltiger Pilze und meskalinhaltiger Kakteen verboten wurde, besinnt man sich in einem armen Andenstaat darauf, daß Heilung nichts anderes als „Ganzwerden" bedeutet, oder anders ausgedrückt: daß Gesundheit nur dadurch erlangt und erhalten werden kann, indem wir uns stets aufs Neue unserer Beziehungen zur Umwelt, zum Nächsten, zu unserer Gemeinde, unserem kosmischen Eingebundensein und unserem Selbst gegenüber bewußt werden. Daß dies im „normalen Wachbewußtsein" kaum möglich ist, weiß jeder, der schon einmal das Wagnis einer „Reise zum Ich" eingegangen ist, - sei es durch Trancetanz, Meditation, Entspannungs- und Atemtechniken oder eben einen „Trip". Nachdem im Bundestag kürzlich auch ein effektiver Nichtraucher-Schutz scheiterte und unsere Parteien und Abgeordneten offenbar wenig von Gewissensbissen angesichts von 2,5 Mio. alkoholkranken Mitbürgern geplagt werden, wirkt der Eifer umso scheinheiliger, wenn es darum geht die im wahrsten Sinne des Wortes „heilenden", d.h. das Bewußtsein erweiternden Pflanzen wie im Mittelalter zu verteufeln und zu verbieten.

Als ich vor einigen Monaten mit Dr. Cabieses, dem Leiter des Nationalen Instituts für Traditionelle Medizin durch seine Schatzkammer der Heilpflanzenkunde neben dem Ministerium in Lima spazierte und mit einigen anderen Wissenschaftlern seinen Ausführungen zur Rolle von bewußtseinserweiternden Pflanzendrogen, Religion und Kulturentwicklung in seinem Lande lauschte, wurde mir die buchstäbliche Sinn-losigkeit unserer scheinbar so fortschrittlichen Biomedizin einmal mehr bewußt.

Pflanzen aus Stoff und Geist

In Peru ist es seit Jahrtausenden ganz selbstverständlich, daß jemand zu einem „vegetalista" geht, wenn er depressiv ist, etwas verloren hat, mit seinem Chef bzw. „Häuptling" nicht klarkommt oder es in der Familie Krach gibt. Erst mit dem (oft gemeinsamen) Eintauchen in die unsichtbare Welt mit Hilfe von „Lehrerpflanzen" wie ayahuasca, San-Pedro-Kakteen, Stechapfel, oder Engelstrompeten bekommen der Heiler und seine Klienten die Chance in einer ganzheitlichen Schau ihres Daseins die jeweiligen Ursachen und Wirkkräfte „hinter" den Symptomen zu erkennen. In Südamerika hat sich unser lediglich kultur- und philosophiegeschichtlich erklärbarer und der spontanen Wahrnehmung jedes Laien unsinnig erscheinende Dualismus zwischen einer stofflich-materiellen und einer geistigen Welt auch nach bald 500 Jahren westlicher Besserwisserei nicht in den Gemütern der Menschen verankern können. Selbst für Leute aus Limas „Mittelschicht" ist nichts dabei, wenn von einem Heiler ein Unglück als durch den „bösen Blick" eines feindlich gesonnenen Mitmenschen verursacht angesehen wird, wenn es heißt, ein „Hexer" habe einen Schadenzauber ausgeführt oder aber die Seele habe nach einem Schreck „den Körper verlassen".

Was manchem etwas eigentümlich und als „Aberglaube" erscheinen mag, entpuppt sich schon bei Anwendung von Konzepten der modernen Experimentalpsychologie als sinnvoll: mit dem „bösen Blick" wird der Tatsache „subliminaler", d.h. unbewußter Wahrnehmung emotionalen Ausdrucks durch das Auge Rechnung getragen, die „Hexerei" umschreibt metaphorisch den Streß, der durch soziale Spannungen und Neid entsteht, - lediglich die Rolle eines „Schrecks" bzw. Traumas als Krankheitsursache vor allem bei Kindern wird bei uns noch kaum thematisiert.

Während der wissenchaftliche „Fortschritt" in Form der Verbreitung von biologischer Medizin bei gleichzeitiger Abwertung aller sozialen, bewußtseinsmässigen und spirituellen Dimensionen zur Zeit dahin tendiert, den Mensch in seiner Essenz auf ein Stück Fleisch zu reduzieren (ähnlich wie die Rassenanthropologie des 19. Jh.!), wurde mir auf mehreren Etappen meiner letzten Perureise deutlich, wieviel es für uns noch zu lernen gibt, - z.B. in Bezug auf die „Heilpflanzen"!

Ihr wirksames Prinzip besteht nicht nur in bestimmten biochemischen Wirkstoffen, sondern es geht um das Geistige, das von den „vegetalistas" auch als „Lehrer" bezeichnet wird: Während ihrer mehrjährigen Ausbildung nehmen sie immer wieder die „Meistermedizin" ayahuasca nachdem sie einige Tage gefastet und Extrakte einer Pflanze eingenommen haben, mit der sie künftig „arbeiten" möchten. Am Ende dieser Phase erscheint ihnen dann deren geistige Essenz, meist in Form eines anmutigen menschengestaltigen Wesens, mit der sie in einen Dialog eintreten können und die sie berät. Noch viel intensiver ist dieser Prozeß, wenn es sich um eine jener „Pflanzen der Götter" handelt, deren Wirkung zuerst darin besteht, die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen: Sie verleihen dem vegetalista eine visionäre Schau mit der er z.B. in die ungeheure Artenvielfalt des Regenwaldes eintaucht und dort - auf für uns ganz unerklärliche Weise - durch innere Zwiesprache mit dem Geist der Pflanzen jene herausfindet, welche er für die Heilung eines Klienten benötigt. Die häufig beschworene Theorie vom Versuch und Irrtum beim Finden von Heilpflanzenwirkungen ist im Regenwald schon statistisch illusorisch, da sie sich auf dem Niveau eines Sechsers im Lotto bewegen müßte, um Erfolg zu haben. Wie verschieden scheint doch diese geistige Beziehung zwischen Menschen- und Pflanzenseele im Vergleich zur analytischen Ratio eines Arztes, der hierzulande eine Pflanzensubstanz verschreibt....

Traditionelle Medizin an Perus Universitäten

Jene beherzte Vernunft, mit der ein allenfalls in Begriffen materieller Güterfülle „unterentwickeltes" Land wie Peru sein Gesundheitswesen auf ebenso alten wie politisch neuen Wegen vorantreibt, offenbarte sich im Laufe eines Interviews mit Dr. Cabieses, das ich mit ihm für eine Filmproduktion führte:

„Nachdem wir seit vielen Jahren keinerlei Beziehung zu unseren Medizintraditionen mehr hatten, wird seit 4-5 Jahren jetzt an allen 22 medizinischen Hochschulen, allen Schwestern-, Pharmazeuten- und Zahnnärzteausbildungsstätten wieder die traditionelle Medizin (TM) gelehrt. Und die Kliniken legen eigene Heilpflanzengärten an. Auf diese Weise hat die TM in Peru den Respekt eines geachteten Wissens zurückgewonnen. Wir sagen nie, daß die TM besser ist als die westliche Medizin. Wir vergleichen auch nicht, sondern meinen, daß es auf den good-will ankommt, den Wunsch dem Kranken zu helfen. Die TM ist heute für 35% der Bevölkerung zuständig, ein Hauptgrund, warum wir sie an die Hochschulen bringen müssen. Die andere Seite besteht darin, die traditionellen Hebammen, Masseure und Herbalisten zu lehren, was im Sinne der „offiziellen Medizin" zu tun ist. Wir unterrichten sie z.B. darin, sich an nationalen Impfprogrammen zu beteiligen. Sie wissen nicht, was Impfung bedeutet, aber in den kleinen Dörfern, wo es weder Apotheker, ein Krankenhaus noch einen Gesundheitsposten gibt, sind sie die Gesundheitsspezialisten. Wir müssen sie darin ausbilden, was z.B. im Falle einer Durchfallepidemie zu tun ist; Familienplanung, alle diese Dinge...Die meisten sind sehr freundlich, aber viele auch unwissend. Sie heilen mit Pflanzen, aber kennen vielleicht nur 10-15 von den 50, die um sie herum wachsen. Daher müssen wir ihnen erklären, daß das auch nützliche Heilpflanzen sind. Die TM verwendet auch viele halluzinogene Drogen und diese werden ganz ausgezeichnet von unseren Heilern eingesetzt, um die Einstellungen der Klienten zu ihrer eigenen Heilung zu ändern....Wir haben 28 verschiedene Arten an Halluzinogenen gesammelt, mit denen unsere Heiler ausgezeichnete Ergebnisse erzielen...".

Natürlich gibt es für Pioniere wie Cabieses und seine Mitarbeiter auch Probleme: „Wir haben mehr als genug zu tun, eine knappe Personalausstattung und der Enthusiasmus unserer Vorgesetzten für das, was wir hier machen, ist nicht gerade überwältigend. Öffentliche Gesundheit ist in Peru unterentwickelt, und wir benötigen eine Menge Geld. Wenn wir uns dann an die 'Oberen' wenden um Unterstützung für die Volksheiler, dann protestieren die Ärzte und sagen: 'Gebt das Geld lieber für gute Hospitäler aus und vergeßt diese Sachen.' Aber wir können nicht einfach 35% unserer Bevölkerung vergessen!" Ich bekam von ihm die Bitte mit auf den Weg, für die Medizinerausbildung Lehrvideos meiner Filme über die TM zusammenzustellen.

Fortschrittliche Projekte

Cabieses' Abteilung am Gesundheitsministerium arbeitet eng mit verschiedenen Projekten zusammen, wie z.B. AMETRA (Aplicacion de Medicina Tradicional) in Pucallpa. Als ich dort mit den beiden Leitern zusammentraf, offenbarte sich eine neue, interessante Facette über die Rolle der TM. Der Shipibo-Indio Miconsami erklärte nämlich, wie „die spanisch-sprachigen uns den Gebrauch unserer eigenen Heilpflanzen verbieten, z.B. ayahuasca. Für uns ist es keine Droge, sondern eine Medizinalpflanze!" Schon 1983 habe es zudem eine Verfassungsänderung gegeben, welche die Unantastbarkeit der indigenen Territorien aufhob, so daß nun Ölgesellschaften die Stammesgebiete wieder ausplündern und die Fauna zerstören können. Aber es kommt noch besser: „In unseren Gemeinden hat die westliche Biomedizin der einheimischen Bevölkerung mehr Schaden zugefügt, als daß sie jemanden geheilt hätte!" Absurd wird die Situation auch deshalb, da ein amerikanischer Pharmakonzern ein Patent auf ayahuasca angemeldet habe und man dann wohl bald bezahlen müsse, um noch legal die eigenen Pflanzen anwenden zu dürfen.

Obgleich die TM also seitens des Ministeriums, von ausländischen Ethnobotanikern, Pharmafirmen und westlichen „Drogentouristen" gesucht und gewürdigt wird, scheinen manche „Einheimische" in den verstädterten Gegenden den entgegengesetzten Weg einzuschlagen und verfallen der Faszination von Spritzen, Apparaten und schneller Symptombeseitigung. Es war ein deprimierendes Ereignis als über den kleinen Radio-Sender von AMETRA einmal eine Einladung an die Dörfer der Shipibo zu einer ayahuasca-Sitzung erging, sich am angekündigten Abend jedoch niemand einfand. Während sich der Schamane des Zentrums mit der Herstellung von Pflanzenextrakten beschäftigt und ein eigener botanischer Garten angelegt wird, scheinen sich manche Shipibo lieber dem benachbarten Hospital Amazonico anzuvertrauen. Der dortige Chefarzt, Dr.Lopez Garcia, berichtete aus der Geschichte dieser berühmten Klinik, die vor 30 Jahren von dem Deutschen Theodor Binder gegründet worden war, daß ehemalige Shipibo-Patienten sich zu Hilfskräften ausbilden ließen und sie gerne auf das Hospital „zurückgriffen", wenn die eigene Medizin nicht helfe. Viele Jahre waren die Ärzte mit Booten unterwegs gewesen und hatten die Dörfer besucht, jetzt kämen die Curanderos auch in die Klinik und manche Patienten, würden „durch die Anwesenheit ihres Heilers gesund", wie Garcia einräumt: „Wir, die wir beide Auffassungen (d.h. Medizinen, W.A.) gut heißen, sorgen dafür, daß sie alle Möglichkeiten erhalten, von beiden Seiten, also unsere Rezepte und wenn sie wollen, ihren curandero".

Interkultureller Austausch

Solche Auffassungen, geäußert in einem „Entwicklungsland", erscheinen mir angesichts deutscher Gesetzgebungsinitiativen, welche nicht nur die Bewußtseinskontrolle erleichtern, sondern alle Arten sinnvoller Lebenshilfen eher behindern wollen (z.B. mit Hilfe eines „Lebensbewältigungshilfegesetzes") eher ausgewogen und realistisch.

In vielen Ländern Afrikas, Amerikas und Asiens entsprechen deren traditionelle Medizinsysteme etwa unseren „unkonventionellen Heilweisen" oder „Alternativmedizinen": die traditionellen Medizinsysteme sehen den Menschen als geistiges, ständig in religös verschlüsselte Sinnbezüge eingebundenes Wesen an, dessen Gesundheit und Wohlbefinden primär von seelischen, sozialen und ökologischen Umständen bestimmt wird. Jede körperliche Funktionsstörung oder „Schmerz" gilt ihnen nur als Resultat entsprechender Disharmonien, die entsprechend auf diesen Ebenen auch „behandelt" werden. Es wird daher weitgehend vom Konsumentenbewußtsein und dem entsprechenden „Abstimmen mit den Füssen" abhängen, ob sich der Siegeszug der westlich-kommerziellen Biomedizinen weltweit fortsetzen kann oder ob deren Sinn-losigkeit als die eigentliche Ursache für das immense Anwachsen chronischer Leiden und den Verlust an Lebensqualität und humanistischer Werte offenbar wird.

Wie wichtig der interkulturelle Austausch und unser westliches Interesse an den Ethomedizinen der sog. „Dritte-Welt-Länder" ist, zeigten mir einige Projekte, die ich in Peru besuchen konnte. Sie finanzieren sich großenteils von Besuchern, Patienten und Seminarteilnehmern aus den USA und Europa und gestatten den dortigen Heilern, ihre eigenen Traditionen neu zu beleben: Die durch Dutzende internationale Ausstellungen und über das Internet (sensorium.com; egallery.com) bekannt gewordene Malschule Usko-Ayar von Pablo Amaringo klärt nicht nur über die amazonischen Medizinmythologien auf, sondern sie fördert über die Identifikation der Maler mit den geistigen Essenzen von Tieren und Pflanzen einen erfahrungsbasierten Umwelt- und Artenschutz. Während die Schüler an einem Vormittag für eine Filmdokumentation an ihren phantastischen Gemälden sassen erklärte mir Pablo seine künftigen Ziele: visionäres Kunstschaffen soll für jedermann erreichbar und erlernbar werden. Gäste zahlen 80 Dollar für eine Woche Malkurs (3 Std täglich) vor Ort, die gesamte Ausbildung ist auf drei Jahre angelegt. Ziel ist stets auch die „Menschenbildung", - der Schüler kann dabei entdecken, daß Kunst aus ihm selbst kommt, seiner Wahrnehmung und Fähigkeit zur kreativen Imagination. Künftig sollen regional und international weitere Schulen entstehen. Pablo's Traum ist ein „Schulschiff", mit dem er Tagungen, Malkurse und Expeditionen zur Ökologie des amazonischen Regenwaldes durchführen kann und das die verschiedenen Dependancen von Usko-Ayar besucht.

Einen anderen Teil seines anspruchsvollen Projektes, nämlich die Anlage botanischer Gärten, realisiert Pablo's Bruder Francisco Montes im 600 km entfernten Iquitos. Dort hat er 78 Hektar primären Regenwaldes erworben und 1990 den ethnobotanischen Garten Sacha Mama gegründet. Schon jetzt sind 700 Medizinpflanzen kultiviert. Nach etwa zehnminütigem Weg von der Straße taucht im tropfnassen Dickicht eine Armada weißer Schildchen auf, die jede Pflanze und jeden Baum botanisch und mit ihren volkstümlichen Bezeichnungen klassifizieren. Wenig später ist dann das Anwesen mit mehreren palmblattgedeckten Hütten im traditionellen Baustil erreicht. Wie mir Francisco erzählt, kommen jede Wochen Schulklassen hierher und die Umwelterziehung spielt eine wichtige Rolle. Während Pablo nicht mehr als Heiler tätig ist, bietet Francisco einwöchige Selbsterfahrungen an. Sie umfassen zwei ayahuasca-Zeremonien, Unterricht in Medizinalpflanzen, die Anwendung von Lehm und aromatischen Essenzen, Rituale mit Tabak und Duftstoffen, botanische Spaziergänge, Spezialdiäten und Umwelterziehung, ferner vegetarische Ernährung. Ohne die finanzielle Unterstützung durch die Seminarteilnehmer wäre dieses beispielhafte Projekt spirituell basierten Umweltschutzes gar nicht realisierbar.

Von Agustin Rivas, einem anderen ayahuasquero, der vor allem durch seine Holzschnitzkunst von Fabelwesen bekannt wurde, konnte ich nur sein Atelier in Pucallpa besichtigen. Er war gerade mit einer Seminargruppe zu seinem Dschungelhaus nahe Iquitos abgereist. Auch seine Kunst läßt etwas von der kulturschaffenden Kraft psychedelischer Erfahrungen erahnen.

Vor dem Hintergrund eines solchen, kulturell wertvollen Engagements überrascht es nicht mehr zu hören, daß auch „Autoritäten" wie der Rektor der Universität von Iquitos zu den Teilnehmern der nächtlichen ayahuasca-Rituale Franciscos gehören. Bewußtseinserweiternde Rituale mit den „Pflanzen der Götter" werden im Osten Perus vielfach wieder als Chance und kreativer Anstoß begriffen, ein im ursprünglichen, erfahrungsmässigen Sinne „ganzheitliches" Heilwesen neu zu formieren.

Peruanisches Gesundheitswesen und traditioneller Sektor

1987 wurden in Bolivien und Peru Gesellschaften und Institute gegründet, die sich der Erforschung und Förderung der traditionellen Medizin sowie ihrer Einbindung in die Primary Health Care Programme der Weltgesundheitsorganisation WHO widmen sollen. Die folgenden Angaben sind überwiegend der Health Sector Analysis of Peru (1987) entnommen. Sie machen deutlich, daß die moderne medizinische Infrastruktur nur für einen kleinen Bevölkerungsteil zugänglich bzw. bezahlbar ist.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Die Wirtschaftskrise brachte von 1981-1984 einen Rückgang der Gesundheitsausgaben um 20% mit sich. Die stark zurückgegangene Zufuhr externen Kapitals läßt zuerst den Lebensstandard sinken und schlägt sich nicht direkt in erhöhter Morbidität nieder. Die Reduktion von Qualität und Quantität der Gesundheitseinrichtungen führt zusammen mit Unterernährung zuerst zu erhöhter Kindersterblichkeit und dann über geminderte Abwehrkräfte sekundär zur Erhöhung von Infektions- und anderen Erkrankungsrisiken. Gleichzeitig müssen bei verringertem Einkommen die privaten Gesundheitsausgaben überproportional eingeschränkt werden, was wiederum die Nachfrage nach öffentlicher Gesundheitsinfrastruktur erhöht. Für die extrem arme Bevölkerungsmehrheit Perus resultieren daraus weit schlimmere Konsequenzen als es die finanziellen Indikatoren erwarten lassen. Durch die Rezession wird damit hypothetisch ein Zustrom in den traditionellen Sektor ausgelöst, der nun Patienten mitversorgt, die zuvor noch am (kostspieligeren) modernen System partizipieren konnten. Die Auswirkungen eines seit 1994 beginnenden Wirtschaftsbooms, der vor allem durch den Zufluß chilenischen Kapitals ausgelöst wurde bleibt bezüglich seiner Auswirkungen auf das Gesundheitssystem abzuwarten.

Bevölkerungsentwicklung

Von Bedeutung für die Entwicklung des traditionellen Medizinsektors ist auch die Bevölkerungsdynamik. Die Bevölkerung im Küstengebiet nahm in den letzten 40 Jahren von 35 auf 50% zu, und die des Hochlandes von 65 auf 40 % ab, während der Anteil des Selva-Gebietes bei 10% mit steigender Tendenz (Kolonisation) liegt. Die städtische Bevölkerung wird bis zum Jahre 2000 auf 75% der Gesamtbevölkerung wachsen, womit sich auch der Curanderismus weiter vom traditionellen ländlichen Setting entfernen und neue Aufgaben übernehmen muß, z.B. die bereits erwähnte Unterstützung bei Akkulturationstraumata von Migranten.

Das Versicherungsinstitut IPSS, das für 18% der Bevölkerung zuständig ist, verfügt über 78 % der Hospitalsbetten, 93% der Primary Health Care Angebote und 50% der Ärzte.

Die extrem ungleichen Zugangschancen der sozialen Gruppen zum Gesundheitswesen und auch die regionalen Disparitäten zwischen Stadt und Land werden über die Indikatoren der Betten- und Ärztedichte/Einw. am deutlichsten: In Lima bzw. Arequipa und Ica kommen auf ein Krankenhausbett 380 bzw 433/452 Einwohner, im Dep. Cajamarca sind es dagegen 7189, im Dep.Amazonas 2967 und im Dep. Puno 2131. Diese Entwicklung wird fortgeschrieben: Von dem 1% der Infrastrukturausgaben, das 1980 bis 1984 auf das Gesundheitswesen entfiel, wurden 92% (!) für den Bau von 7 Großhospitälern der IPSS und des Ministeriums in großen Städten ausgegeben. Was die Ärztedichte betrifft, so kommen im Dep. Amazonas auf einen Arzt 31.698 Personen. im Dep. Apurimac sind es 18.124, in Huancavelica 31.417, in Ayacucho 18.124, in Cajamarca 19.515, in Puno 13.o15, in Ucayali 8056. Zum Vergleich: In einem strukturschwachen Gebiet der Bundesrepublik wie dem Hunsrück beträgt das Verhältnis ca 1:900.

Geht man davon aus, daß die Ärzte in diesen Regionen an den größeren Orten bzw. Krankenhäusern konzentriert sind, dann wird deutlich, daß der traditionelle Sektor weithin das einzige Versorgungsangebot darstellt. Interessant ist hierzu eine Studie aus Ecuador (1983) : Sie stellten fest, daß sich das Gesundheitsniveau in Orten mit guter bzw. schlechter westlich-medizinischer Versorgungsstruktur nicht unterschied, da die Nutzung eher von ökonomischen Faktoren als von der Ärztedichte abhänge. Ärzte und Heiler wurden nach dieser Studie bei ernsthaften Erkrankungen etwa gleich häufig aufgesucht. Eine Befragung (1986) im südlichen Hochland von Peru ergab, daß dort etwa 2/3 der genannten Beschwerden ausschließlich zu Hause behandelt werden, 15-23% beim traditionellen Heiler und nur 10-16% beim Arzt, Sanitäter oder im Krankenhaus.

Die Disparitäten zeigen sich auch bei den pharmazeutischen Verkäufen, die zu 2/3 im privaten Sektor induziert werden. Heute zahlen von 4 Mio. Peruanern, die überwiegend den privaten Sektor konsultieren, 0,5 Mio. diesen Service direkt, 3,5 Mio. sind versichert. Die erwähnten 6 Mio. der Ärmsten haben pro Jahr ein Budget von 4 Dollar/Person für Gesundheitsausgaben zur Verfügung.

„Folklorepsychiatrie"?

Inwieweit die Morbiditätsstruktur der Klienten von Volksheilern dem Querschnitt der Klientel eines Allgemeinarztes entspricht, kann aus den vorliegenden Daten nicht erschlossen werden. Offen bleibt vor allem die Frage, ob es sich bei der traditionellen Medizin lediglich um psiquiatria folklorica handelt oder nicht vielmehr um eine mit bio-psychosozialen und phytotherapeutischen Wirkfaktoren arbeitende Medizinform, die ein breites Spektrum psychischer und somatischer Leiden erfolgreich behandelt.

Die Lebenserwartung

in Peru ist mit 58,6 Jahren nach Bolivien (50,7 J.) die zweitniedrigste in Südamerika; 50% der Kinder unter 6 Jahren sind unterernährt, jeder zweite Todesfall bezieht sich auf ein Kind unter 5 Jahren (Ministerio de la salud 1985). Die Daten über die Morbiditätsstruktur in Peru entstammen folgenden Quellen:

- den Angaben über Todesursachen aus medizinischen Totenscheinen. Dabei ist zu berücksichtigen ist, daß z.B. 1981 nur 50% aller Todesfälle registriert wurden und davon nur 62% medizinisch. Die fünf Haupttodesursachen sind Atemwegserkrankungen (21%), Magen-Darm-Infektionen (9%), perinatale Probleme (9%), „schlecht definierte Symptome" (8%) und Krebs (8%) (1987:26).

- Daten im Hospitalisierungsfall. Dabei sind 90% der Hospitäler des Gesundheitsministeriums erfaßt, die für 60% der Landbevölkerung nutzbar sind. Die Hospitalisierungsanlässe stehen zu 16% im Zusammenhang mit Geburten, 10% sind Erkrankungen des Verdauungstrakts, 10% Unfälle und Gewalt, 8% Abtreibungen, 5% Darmbeschwerden.

- Diagnosen ambulanter Patienten. Bei einem Zufallssample von 100.000 Personen aus 20.000 Haushalten gaben 35% an, in den letzten 14 Tagen eine Krankheit gehabt zu haben. Bei 17% davon waren es Atemwegserkrankungen, bei 7% Verdauungsbeschwerden, bei 3,3% Zahnschmerzen, bei 1,7% Unfälle. 50% aller erfaßten ambulanten Krankheitsfälle betrafen Atemwegserkrankungen.

Im Gegensatz zu den in Industrieländern vorherrschenden „Zivilisationskrankheiten" sind es in Peru Infektionskrankheiten wie Atemwegs- und Magen-Darmerkrankungen, die einen Großteil des Behandlungsbedarfs ausmachen. Bemerkenswert ist auch die Häufigkeit von Wurmerkrankungen, die nach den Durchfallerkrankungen an zweiter Stelle der registrierten Erkrankungen liegen. Auch in der erwähnten Interviewstudie wurden Erkrankungen der Atmungsorgane (27%) und des Verdauungsapparates (26%) vor allgemeinem Krankheitsgefühl (16%), Zahnschmerzen (9%) und Gelenk- und Wirbelsäulenbeschwerden am häufigsten genannt.

Anschrift des Autors: Dr. Walter Andritzky, Kopernikusstr. 55, 40225 Düsseldorf

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